Bildung

Zurück in die Schule – Was sich in 30 Jahren verändert hat

Zurück in die Zukunft. Nach 30 Jahren drückt WP-Redakteurin Nina Grunsky (links) noch einmal die Schulbank im Physikunterricht des Franz-Stock-Gymnasiums in Arnsberg. Was hat sich geändert, was ist immer noch wie früher? Ein Selbsttest.

Zurück in die Zukunft. Nach 30 Jahren drückt WP-Redakteurin Nina Grunsky (links) noch einmal die Schulbank im Physikunterricht des Franz-Stock-Gymnasiums in Arnsberg. Was hat sich geändert, was ist immer noch wie früher? Ein Selbsttest.

Foto: MATTHIAS GRABEN

Arnsberg.   Es klingt wie ein Albtraum: 30 Jahre nach dem Abitur drückt WP-Redakteurin Nina Grunsky wieder die Schulbank – und erhält spannende Einblicke.

Der Albtraum wird scheinbar wahr. Noch einmal zur Schule. 30 Jahre nach dem Abitur ist es an der Zeit, sich diesem Nachtmahr zu stellen, einem der häufigsten schlechten Träume, den viele Menschen durchmachen. Also zurück in die Bank. Ans Franz-Stock-Gymnasium in Arnsberg, weil die Anreise zur eigenen Schule in Süddeutschland zu weit wäre.

Dabei ist der Weg, den zwar nicht der Körper, aber der Kopf in Arnsberg bewältigen muss, mindestens ebenso lang. Nicht nur, weil in 30 Jahren viel Schulwissen verloren gegangen ist. Sondern auch, weil die Schule von heute nur zum Teil noch etwas zu tun hat mit der von früher. Es geht zwar zurück, aber zurück in die Zukunft.

Zeit und Raum

Wer die Zukunft erleben will, muss früh aufstehen. Unterrichtsbeginn ist um 7.45 Uhr. Daran hat sich nichts geändert. Die Bänke stehen in Reihen. Immer zwei Tische mit zwei Plätzen nebeneinander. Die Sitzordnung ist unverändert, wie früher. Die Tischplatten sind mit hellgrauem Kunststoff beschichtet und stehen auf schwarzen Stahlbeinen. So wie vor 30 Jahren in der eigenen Schule – jedenfalls in den damals modernen Räumen des Neubaus. Vorn dient eine Leinwand als Tafel. Darauf projiziert Lehrer Benedikt Bannenberg seine Präsentation, die er mit dem Laptop vorbereitet hat. Benedikt Bannenberg gibt Physik. An diesem Morgen in der 8c.

Lernmittel

Es ist die erste Stunde nach den Sommerferien, und es geht zunächst um die Frage: Was ist eigentlich Physik? Welche Gebiete gehören dazu? Akustik, Elektrizität, Optik zählen die Schüler auf. Benedikt Bannenberg ergänzt weitere Felder. Dann stellt er den Schülern die Aufgabe, diese Stichwörter zu sortieren und zu ergänzen, ein Mind-Map zu zeichnen, also eine Art Landkarte der Physik. Aber nicht etwa mit Stiften auf Papier. „Holt eure Smartphones heraus“, fordert er die Jugendlichen auf, nennt ihnen eine Internetseite, mit deren Hilfe man eine solche Landkarte digital erstellen kann.

Wie aber funktioniert das? Die Senior-Schülerin drückt hilflos auf dem Display herum. Ach so, ein Doppelklick, damit man in wenige vorgegebene Felder etwas reinschreiben kann. Und wie kann man weitere Felder und Äste hinzufügen? Nach 20 Minuten hat die gerade noch U-50-Schülerin die Seite verstanden und ein Diagramm mit zwei dürren Ästen zusammen gestoppelt – da präsentiert die erste Schülergruppe einen vielverzweigten Baum in bunten Farben, obwohl die Software auch für sie neu ist. Die „Landkarten“ werden abgespeichert, um im Laufe des Schuljahres weiter daran zu arbeiten, die Gebiete der Physik nach und nach mit Inhalten zu füllen, Videos und Fotos zur Veranschaulichung abzuspeichern.

Kompetenzen

Nach 60 Minuten ist die erste Schulstunde überstanden. Dann steht Chemie in der 8a auf dem Plan der Gastschülerin. Es ist die zweite Stunde im neuen Schuljahr. Thema: Sicherheitsbelehrung. Worauf ist bei der Bedienung des Gasbrenners zu achten? Das erklärt nicht Lehrer Kai Jonas selbst, sondern zwei Schüler, die ein Fünf-Minuten-Referat vorbereitet haben. Vor 30 Jahren kam man, sofern die Erinnerung nicht trügt, in neun Jahren Gymnasium mit zwei Vorträgen durch. „Heute gehören Präsentationen ab der fünften Klasse zum Alltag“, erklärt Schulleiter Andreas Pallack später.

Lehrmittel

Weiter in der dritten Stunde, noch einmal Physik, diesmal in der Q1, elfte Klasse. Thema: Schwingungen und Hooke’sches Gesetz. Für die Jugendlichen eine Wiederholung. Lehrer Maximilian Wahner, 30 Jahre alt, also gerade geboren, als seine neue Schülerin das Abitur machte, zeigt eine Feder, hängt ein Gewicht daran, zieht es kurz nach unten, so dass die Feder schwingt. Ein Experiment wie früher.

Dann teilt er Tablets aus. Darauf eine interaktive Simulation: mit dem Zeigefinger können die Jugendlichen verschieden schwere Gewichte auf dem Bildschirm antippen und mit einem Wischen an Federn hängen, um zu sehen, wie sich diese je nach Gewicht verändern. Dazu gibt es ein Arbeitsblatt voller Rechenaufgaben mit dem sich die Schüler selbst das Hooke’sche Gesetz erarbeiten können.

Doch die Gruppe mit der Senior-Schülerin hängt. Das ist gut. Wenn er die Experimente wie früher vorn am Pult vorgeführt und alles an der Tafel mit den Schülern durchgerechnet hätte, dann wäre vermutlich gar nicht aufgefallen, dass einzelne noch nicht alles verstanden haben, sagt Wahner. Die Lücken wären erst zu Hause oder in der Klausur offenkundig geworden. Jetzt kann er die Fragen gleich in der Stunde beantworten.

Doch die Gastschülerin hört schon nicht mehr richtig zu. Denn der Blick auf die Uhr ergibt, dass die Reise zurück in die Zukunft für die Schul-Rentnerin gleich vorbei ist. Sie war anstrengend – aber diesmal kein Albtraum.

zum Zukunftsrauschen...
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