Solidaritätspreis

Solidaritätspreis: Junge Ehrenamtler stehen im Mittelpunkt

Als Kind war Andre Knoll oft in der Freien Schule, einer selbst verwalteten Jugendeinrichtung im Essener Stadtteil Katernberg. Jetzt, mit 17, hilft er dort selbst anderen Kindern bei den Hausaufgaben

Als Kind war Andre Knoll oft in der Freien Schule, einer selbst verwalteten Jugendeinrichtung im Essener Stadtteil Katernberg. Jetzt, mit 17, hilft er dort selbst anderen Kindern bei den Hausaufgaben

Foto: Fabian Strauch

Unter dem Motto „Jung. Engagiert. Hilfreich“ wollen NRZ und Freddy-Fischer-Stiftung den ehrenamtlichen Einsatz junger Menschen auszeichnen.

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Zum fünften Mal verleiht die NRZ gemeinsam mit der Freddy-Fischer-Stiftung im Jahr 2019 den Solidaritätspreis. Wir möchten damit Gemeinsinn und ehrenamtliches Engagement in unterschiedlichen Bereichen unserer Gesellschaft würdigen. Seit 2011 vergeben wir diese Auszeichnung im Zwei-Jahres-Rhythmus. Ausgelobt haben wir den Preis bereits für Ehrenamtler, die sich für die Bildung von Kindern, für junge Flüchtlinge und für Sport- und Integrationsprojekte stark gemacht haben.

Diesmal sollen Jugendliche und junge Erwachsene im Mittelpunkt stehen, die sich ehrenamtlich einsetzen. Deswegen heißt diesmal das Motto: „Jung. Engagiert. Hilfreich“. Zwei von ihnen stellen wir zum Auftakt vor. In den nächsten Wochen werden weitere nachahmenswerte Beispiele folgen.

Mit sechs war ich hier zum ersten Mal“, sagt Andre Knoll und blickt sich in dem großen, weitläufigen Gebäude der Freien Schule e.V. um, einer Jugendeinrichtung im Essener Norden. Jetzt ist er 17, bald 18, und er ist immer noch da, oder eher: schon wieder. Und er hat die Rollen getauscht.

Als Grundschüler kam Andre in das schöne alte Haus, das früher wirklich mal eine Schule war, zur Übermittagbetreuung, später hat er sich hier mit Freunden verabredet, gespielt, gelernt, Kurse belegt „Meine halbe Kindheit habe ich hier verbracht“, sagt Andre und fügt hinzu - das ist ihm wichtig: „Ich wäre nie Ich geworden, wenn ich nicht hier gewesen wäre.“

Nun ist Andre vom Nehmenden zum Gebenden geworden. Auch an diesem Nachmittag sitzt er hier am Tisch, über Hausaufgaben gebeugt, aber es sind nicht seine. Der 17-Jährige hilft jetzt den Jüngeren, er spielt mit ihnen, kocht mit ihnen, plant mit ihnen. Freiwillig. Ehrenamtlich. Mindestens einmal in der Woche, manchmal zweimal. „Und auch, wenn wir am Wochenende Veranstaltungen haben oder etwas zu organisieren ist, ist er da. Auf ihn kann man sich verlassen. Ein ganz toller Junge“, schwärmt Einrichtungsleiterin Martina Morzonek-Kolberg.

Im Sommer will Andre eine Ferienfreizeit als Betreuer begleiten, daneben ist er noch im Förderverein eines Gelsenkirchener Jugendzentrums aktiv. Wieso? Andre findet die Frage merkwürdig. „Wenn man weiß, dass Hilfe benötigt wird, was sollte daran falsch sein, Hilfe zu geben?“

Ist sowas selbstverständlich? Andre, der zurzeit an einem Berufskolleg auf sein Fachabitur hin arbeitet und später gerne Erzieher werden möchte, hat darauf eine ganz eigene Antwort: „Es gibt Leute, die wollen gerne Rapper werden oder Rolex tragen oder teure Wagen fahren. Ich interessiere mich aber nicht für Uhren und auch nicht für Autos. Ich interessiere mich dafür, Menschen eine Freude zu machen.“

So einfach - und so außergewöhnlich.

Ein Profi-Ehrenamtler

Wenn man Filip Fischer fragt, wo er sich überall engagiert, muss er kurz überlegen. Nicht, weil ihm nichts einfiele, ganz im Gegenteil, er muss nachdenken, damit er nichts vergisst. Also, fassen wir mal auf die Schnelle zusammen: Filip Fischer aus Mülheim, 22 Jahre alt, ist im Vorstand des Stadtjugendrings, engagiert sich bei der örtlichen SPD, den Jusos und der Gewerkschaft Verdi, er ist Vizepräsident eines Karnevalsvereins.

Bis 2018 saß er im Vorstand bei den Pfadfindern und war Vorsitzender des Jugendstadtrates. Ein Profi-Ehrenamtler quasi, ein Gremienarbeiter, einer der Impulse geben, gesellschaftliche Initiativen anstoßen, Dinge bewegen, sich politisch einbringen will. Der 22-Jährige versteht sich als Lobbyist für die Interessen seiner Generation.

Das Ehrenamt ist fast ein Halbtagsjob

Ehrenamt, ja, das sind auch stundenlange Sitzungen, das ist manchmal auch Frust, das sind Diskussionen und auch Auseinandersetzungen über unterschiedliche Ansichten, Ansätze und Haltungen.

Das, was er mache, sei eher „tischlastig“ umreißt der Mülheimer seine Art des Engagements. Zeitlastig, könnte man noch hinzufügen. „Manchmal ist es fast ein Halbtagsjob“, sagt Fischer, der (eben nicht) ganz nebenher in Bochum soziale Arbeit studiert. Die Gremienarbeit lässt sich als Konsequenz und Fortsetzung dessen verstehen, womit er schon als Jugendlicher begonnen hat: Gruppen im Jugendzentrum zu leiten, Jugendgottesdienste mit vorzubereiten, Freizeiten zu begleiten. „Da komme ich her.“ Gerade erst war er mit einer Gruppe Jugendlicher in Auschwitz.

Warum er sich engagiert, und das eben schon seit Jahren? Das hat sicher auch einiges mit seiner eigenen Geschichte zu tun. Filips Eltern sind gehörlos. Ihr Sohn hat erlebt, was es bedeutet, dadurch von der Teilhabe an vielen gesellschaftlichen Prozessen ausgeschlossen zu sein.

Aber genauso, erzählt er, habe er auch erfahren, wie sehr ihm viele Menschen während der Kindergarten- und Schulzeit geholfen hätten, weil er mit der Gebärdensprache aufwuchs und Deutsch erst mühsam als zweite Sprache lernte. „Das war eine tolle Unterstützung. Und ich hatte schon immer das Gefühl, dass ich etwas zurückgeben möchte.“

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