KUHKUSCHELN

Städter entspannen beim Kuhkuscheln im Oberbergischen Land

Kuhkuscheln

Waldbröl, 26.06.2018: Auch Kühe brauchen Liebe. Auf dem Hof von Melanie Eschmann-Rosenthal können Kühe gekuschelt werden.

Waldbröl, 26.06.2018: Auch Kühe brauchen Liebe. Auf dem Hof von Melanie Eschmann-Rosenthal können Kühe gekuschelt werden.

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Oberbergischer Kreis.   Ins oberbergische Waldbröl kommen Menschen, die Ruhe suchen und Tiere besser kennenlernen wollen. Therapien mit Tieren werden häufiger genutzt.

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Kuh Luise möchte am liebsten den ganzen Tag gestreichelt werden. Sie liebt die Aufmerksamkeit – und stupst die Besucher auch an, wenn ihr nicht genug Beachtung geschenkt wird. „Luise müssen wir manchmal bremsen, sie würde unseren Gästen noch bis zum Auto hinterhertrotten“, erzählt Melanie Eschmann-Rosenthal.

Mit ihrem Mann Uwe bietet sie Kuhkuscheln im oberbergischen Waldbröl, nahe Hennef, an. Das gibt’s in den Niederlanden schon länger, die Eschmanns sind seit 2011 dabei.

Kaum Vorstellung von Landwirtschaft und Tieren

„Hauptsächlich kommen Familien aus den Städten“, sagt Uwe Eschmann. Auch Kindergartengruppen und Schulklassen reisen an. Sie alle wollen zur Ruhe kommen, Stress abbauen und die Natur genießen. „Für viele Kinder ist es das erste Mal, dass sie frei herumlaufen können, nicht auf Autos achten müssen und Tieren aus der Nähe begegnen“, erzählt Eschmann.

Das Ehepaar merkt, dass viele Besucher kaum eine Vorstellung von Landwirtschaft und Tieren haben. „Da kommt auch schon mal die Frage, warum die Kühe nicht lila sind wie die Milka-Kuh“, so Melanie Eschmann-Rosenthal.

Kühe reagieren vor allem auf Kinder

Dass sie nicht lila, sondern braun, weiß oder schwarz sind und alle einen unterschiedlichen Charakter haben, lernen die Besucher hier schnell. In dem kleinen Wäldchen bei Waldbröl stehen 19 Kühe, Ochsen, Jungbullen und Kälbchen. Direkt daneben beginnt die Weide, die bis an den Hof der Familie heranreicht. Alle Kühe haben klangvolle Namen, Prinz Poldi lebt hier ebenso wie Frau Schäfer und Valentino. „Die Tiere haben ein ruhiges Wesen und sind daher trotz ihrer Größe und ihres Gewichts für den Kontakt mit Menschen geeignet“, erklärt Melanie Eschmann-Rosenthal.

Trotzdem sei ihnen anfangs auch Skepsis entgegen gekommen. „Für viele sind Kühe immer noch nur Nutztiere, dabei sind sie sehr sensibel“, so die Waldbrölerin. Auf Besucher, die Behinderungen oder psychische Erkrankungen haben, reagieren die Tiere besonders. „Zuletzt war eine geistig und körperlich behinderte Frau bei uns“, erzählt Eschmann-Rosenthal. „Sie stand dann lange Stirn an Stirn mit Prinz Poldi, was sehr berührend war.“

Die Eschmanns wollen tiergestützte Therapie anbieten

Jeder Besucher entscheidet selbst, wie er die Stunden mit den Kühen verbringen will. „Manche wollen alles über Landwirtschaft erfahren, andere wollen gar nicht sprechen und eine Verbindung zu den Tieren aufbauen“, sagt Eschmann-Rosenthal. Die meisten Kühe, die in Waldbröl auf der Weide leben, wurden vor dem Schlachter gerettet und haben hier ein neues Zuhause gefunden.

Wie es in den nächsten Jahren weitergehen soll, hat sich das Ehepaar schon überlegt. „Wir möchten eine tiergestützte Therapie mit Kühen anbieten“, erzählen die beiden. Bei Hunden und Pferden kann man eine zertifizierte Ausbildung zum tiergestützten Therapeuten machen, für andere Vierbeiner gibt es das bislang nicht. „Trotzdem möchten wir in Zukunft auch einen therapeutischen Ansatz verfolgen, da immer mehr Menschen mit ADHS, Autismus und anderen Erkrankungen zu uns kommen“, erklärt Melanie Eschmann-Rosenthal.

„Vorteile einer Therapie mit Tieren sind vielfältig“

Dass tiergestützte Therapie immer größeren Zuspruch erhält, merkt auch Stefanie Ruhfus. Ihr gehört seit fünf Jahren der Therapiepark in Düsseldorf, wo Therapeuten, Landschaftsgärtner und Tierpfleger gemeinsam ganzheitliche und tiergestützte Physio- und Ergotherapie anbieten. „Die Tiere sind unsere Co-Therapeuten“, sagt Ruhfus. Hunde, Kaninchen und Meerschweinchen leben mit viel Platz rund um ein Landhaus.

„Die Vorteile einer Therapie mit Tieren sind vielfältig, gerade wenn sie noch draußen stattfinden kann“, erklärt die Therapeutin. Für viele Patienten seien vor allem Hunde ein riesiger Motivationsfaktor. „Tiere urteilen nicht, die uneingeschränkte Akzeptanz ist gerade für Menschen mit Behinderung unglaublich wichtig“, so Ruhfus.

Artgerechte Haltung, frisches Futter und viel Platz

Die Anwesenheit der Tiere beruhige die meisten Patienten, zudem werden motorische Fähigkeiten geübt. „Bedingt durch unsere veränderte Umwelt und durch die Digitalisierung haben Kinder weniger Kontakt zu Tieren und sind weniger an der frischen Luft“, so Ruhfus. „Dem wollen wir hier entgegenwirken.“

All das, betont die Expertin, gehe nur mit geschulten Tieren, die Freude an der Aufgabe haben. Zudem sei artgerechte Haltung die Grundlage für solche Therapiemöglichkeiten. „Dazu gehören viel Platz, frisches Futter, regelmäßige Tierarztbesuche und ausreichend Pausen zwischen den Therapieeinheiten“, so Ruhfus. Die Kosten seien hoch. „Aber es lohnt sich.“

>>> TIERGESTÜTZTE THERAPIEN

Von Autisten, die mit Tieren lernen, ihre Scheu vor Berührung zu verlieren, bis hin zu Depressiven, die über den Kontakt zu einem Tier erste Schritte zur Kommunikation mit Menschen machen: Tiergestützte Therapie bezeichnet alle Verfahren, bei denen der Kontakt zu Tieren eine positive Wirkung hat. „Wunder darf man nicht erwarten“, sagt Stefanie Ruhfus. „Aber Tiere können Lern- und Entwicklungsprozesse fördern oder mithelfen, an motorischen und sensorischen Kompetenzen zu arbeiten.“

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