Frankfurter Buchmesse

Buchbranche in Südwestfalen: Die Entzauberung des Digitalen

Die Frankfurter Buchmesse gilt als die größte der Welt - auch Händler aus Südwestfalen sind vor Ort.

Die Frankfurter Buchmesse gilt als die größte der Welt - auch Händler aus Südwestfalen sind vor Ort.

Foto: Boris Roessler / dpa

Frankfurt.  Rund 50 Buchhandlungen gibt es in Südwestfalen. Warum können sie gegen Amazon überleben? Antworten liefert die Frankfurter Buchmesse.

Das Internet wird entzaubert, stattdessen rückt der stationäre Buchhandel wieder in den Fokus. Auf der Frankfurter Buchmesse geht es auch darum, wie die erstaunliche Widerstandsfähigkeit dieses Sektors bewahrt und ausgebaut werden kann. Zwischenbuchhändler Stefan Könemann aus Hagen ist ein Experte für solche Fragen. Der Geschäftsführer des Barsortiments Könemann gilt als hervorragend informierter Branchenkenner.

„Der Buchhandel war die erste Branche, die mit Amazon im Wettbewerb stand. Die Buchhändler haben aus dieser Situation eine Servicefähigkeit entwickelt, bei der nur noch die Apotheken mithalten können“, sagt er. Die Fähigkeit, sich auf veränderte Situationen einzustellen und ihnen mit neuen Konzepten zu begegnen, unterscheidet den Buchhandel immer noch von anderen, ebenfalls durch das Internet bedrohten Einzelhändlern. „Wenn es neue Entwicklungen gibt, reagiert der Buchhandel“, bilanziert Könemann. „Zum Beispiel bei den neuen ökologischen Themen.“ Künftig gehören in Plastikfolie eingeschweißte Schmöker der Vergangenheit an.

Rund 50 Buchhandlungen in Südwestfalen

Rund 50 Buchhandlungen gibt es in Südwestfalen. In Städten wie Brilon, Meschede, Attendorn oder Olpe halten sich seit Jahrzehnten zwei Buchläden, wenngleich inzwischen mitunter mit einem Inhaber. Eine solche Abdeckung der Fläche im ländlichen Raum ist kein Zufall. „Südwestfalen ist nicht irgendeine, sondern eine besondere Region. Das ist vielen nicht bewusst“, betont Stefan Könemann. „Wir haben über 100 Weltmarktführer. Hier leben viele Familien mit Kindern, das ist ein Milieu, in dem Bücher gekauft werden.“

Online-Shops haben inzwischen fast alle erfolgreichen Buchläden, aber das Digitale ist nicht mehr das goldene Kalb, um das sich alles dreht, sondern existiert mit und neben dem gedruckten Buch. „Die Digitalisierung ist ein fortschreitender Prozess. Sie nimmt jetzt noch einmal Fahrt auf, denn sie bietet Chancen, aber man muss auch investieren.“

Vielzahl der Neuerscheinungen überfordert Kunden

Mehr als 900 Millionen Bücher gehen in Deutschland pro Jahr physisch oder virtuell über den Ladentisch. Knapp 80.000 neue Titel erscheinen jährlich allein auf Deutsch. Letztere Zahl ist besorgniserregend. Denn tatsächlich erwerben seit Jahren immer weniger Menschen Bücher, auch wenn der Abwärtstrend jetzt erstmals gestoppt werden konnte.

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat alarmiert das Kaufverhalten in einer Leserstudie untersucht. Dabei zeigt sich: Die Vielzahl der Neuerscheinungen überfordert die Kunden. Die Datenflut im Internet führt nicht automatisch dazu, dass man ein besseres Informationsergebnis erhält. „Die Menschen fühlen sich durch die sozialen Medien gestresst. Die Kunden suchen wieder Ruhe, Stille, Gelegenheit zur Entschleunigung“, zitiert Stefan Könemann aus der Studie. „Das hat man beim virtuellen Lesen nicht, aber beim physischen Buch gibt es keine Ablenkung aus dem Buch heraus. Wenn man eine Stunde liest, erholen sich alle Nerven wieder. Aber man muss auch mal selbstkritisch hinterfragen, ob wir alle diese Neuerscheinungen wirklich brauchen.“

Oft der einzige Kulturträger

In dieser Situation schlägt die Stunde des Buchhändlers vor Ort mit seiner Beratungskompetenz, der gleichzeitig oftmals der einzige lokale Kulturträger ist und zunehmend zum Anker für die verödenden Innenstädte wird. Könemann: „Es wird unterschätzt, was Buchhändler alles für das soziale und kulturelle Gefüge in einer Gemeinde leisten. Sie gehen in Kindergärten und Schulen zur Leseförderung, sie stellen Praktikumsplätze zur Verfügung, sie organisieren Lesungen mit Autoren.“

Als positives Zeichen wertet die Branche die unerwartete Renaissance des Sachbuches, dessen Marktanteil um 10 Prozent gestiegen ist. Dabei galt das Sachbuch als tot, ersetzt durch Wikipedia und andere Internet-Angebote. Für Stefan Könemann ist das ein Beleg, dass die unberechenbaren Zeiten ein tief greifendes Bedürfnis nach verlässlicher Information hervorbringen. „Das macht Hoffnung, dass der Informationsmüll, der sich im Netz tummelt, den Leuten nicht mehr ausreicht, dass sie durch seriöse Verlage kuratierte Informationen suchen.“

Revolution im Zwischenbuchhandel

Der Zwischenbuchhandel bildet das Scharnier zwischen Verlag und Buchhandel. Für diesen Bereich hält die Digitalisierung besondere Herausforderungen bereit. Der Großhändler Libri, Geschäftspartner des Barsortiments Könemann in Hagen, wird bis zum Jahr 2021 fünf Millionen Bücher über Nacht verfügbar machen, und zwar über das Print on Demand (Druck auf Nachfrage)-System. Die Bücher, ob Bestseller, Schulbuch oder Gedichtband, liegen digital vor, aber man braucht keine riesigen Lagerhallen mehr, sondern sie werden auf Anfrage über Nacht gedruckt.

„Die Qualität dieser neuen Druckmaschinen ist phantastisch“, lobt Stefan Könemann. „Alles, was bis nachmittags bestellt wird, kann gedruckt werden. Wenn man Bücher digital vorhält, sind sie nie mehr ausverkauft. Jede kleine Buchhandlung hat dann eine Lieferfähigkeit wie Amazon.“

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