Bei uns daheim

Große Siege müssen nicht überschwänglich gefeiert werden

Die Olympischen Ringe am Eingang des Maracana Stadions in Rio de Janeiro.

Die Olympischen Ringe am Eingang des Maracana Stadions in Rio de Janeiro.

Foto: Lukas Schulze/dpa

Hagen.  "Supergenial, megageil" - viele Profisportler inszenieren sich nach Erfolgen. Sperrige Typen haben es in den Medien schwerer, sagt unser Autor.

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Erinnert sich noch jemand an Katja Seizinger, die Skiläuferin aus Datteln, die drei Goldmedaillen bei Olympia gewann und zweimal den Gesamtweltcup, die einmal Weltmeisterin wurde und dreimal Sportlerin des Jahres (1994, 1996 und 1998)? Diese Details zu einer der erfolgreichsten deutschen Sportlerinnen aller Zeiten habe ich soeben nachschauen müssen. Auswendig weiß ich aber noch nach Jahrzehnten den Satz eines Fotografen nach einem ihrer Siege: „Nun freu Dich doch endlich, Du dumme Kuh.“

Daran musste ich denken, als mich Bilder und Töne erreichten von diesen Vielfach-Europameisterschaften in Glasgow und Berlin. Da jubelten die Sieger und Siegerinnen sehr dekorativ und die Stimmung wurde abwechselnd als „supergenial“ und „megageil“ beschrieben. So haben es die Medien gerne. Etwas sperrige Typen wie Katja Seizinger hatten es da immer schwerer.

Selfie-Training

Das ist verständlich. Und an einer professionellen Selbstdarstellung gibt es nichts zu bemängeln. Da macht es sich eben auch bemerkbar, wenn man von Kindheit an über Tausende von Stunden das Posieren mit Selfies geübt hat. Alte Zausel wie ich, die sich beim Fotografiertwerden immer unbehaglich fühlen und dann leider auch so aussehen, können das nur konstatieren – neidlos, denn wie könnte man jemanden beneiden, der seine kostbare Lebenszeit mit Selfies vergeudet?

Na gut, manche werden so Instagram-Millionäre. Da will ich dann nichts sagen. Aber davon verstehe ich auch nichts. Zurück zum Sport: Am besten funktioniert die Inszenierung, wenn sie authentisch wirkt. Weil sie es vielleicht sogar ist. Aber wie will man das beurteilen? Was ist der Maßstab? Sicher ist nur: Er hat sich verschoben.

Abrüsten

Das fiel mir auf, als ich einen Radiosender eingeschaltet hatte, der gerade an Hörer, die irgendeine nicht sonderlich anspruchsvolle Frage richtig beantwortetet hatten, Konzertkarten verteilte. In dem Moment war gerade ein wohl nicht mehr ganz junger Mann dran. Ihm wurden zwei Karten zugeteilt und er sagte: „Schön. Danke.“ Der Moderator wirkte irritiert. Und sogar ich war es. Weil man sich schon so gewöhnt hat an Geschrei und Jubel und Superlative. Zwei Karten? Der größte Moment meines Lebens? Vielleicht doch nicht. Vielleicht könnten wir wieder ein wenig abrüsten.

Und uns daran erinnern, dass man sich über große Siege sogar freuen darf, ohne es zu zeigen.

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