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Thyssen-Krupp eröffnet seinen Turm-Riesen in Rottweil

Hinter der Altstadt von Rottweil reckt sich der Turm-Riese von Thyssen-Krupp in die Höhe.

Foto: Thyssen-Krupp (2)

Hinter der Altstadt von Rottweil reckt sich der Turm-Riese von Thyssen-Krupp in die Höhe. Foto: Thyssen-Krupp (2)

Essen/Rottweil.   Im Schwarzwaldstädtchen probt das unternehmen ultramoderne Aufzüge ohne Seil. Das 246 Meter hohe Testgebäude wird am Freitag eröffnet.

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Oben, auf der Aussichtsplattform in 232 Metern Höhe, kann man an trübkalten Tagen die Schneeflocken beobachten, die weiter unten als Regentropfen ankommen. Wenn das Wetter besser ist, reicht der Blick bis in die Schweiz, wo sich die Alpen auftürmen. 35 Sekunden Fahrt mit dem Panoramaaufzug trennen oben und unten. 36 Monate hat es gedauert, von unten nach oben zu bauen.

Thyssen-Krupp Elevator, die Aufzugsparte des Essener Traditionskonzerns, wird morgen ihren Testturm im württembergischen Rottweil offiziell eröffnen. Die alte Römerstadt, 25 000 Einwohner groß und 90 Kilometer von Stuttgart gelegen, beherbergt ein Stück nicht zu übersehende Zukunft. ThyssenKrupp testet hier u. a. Aufzüge ohne Seil mit dem System „Multi“ auf Basis der Transrapidtechnik – eine Weltneuheit. Seit Juli 2016 läuft der Forschungsbetrieb. Am Turmäußeren wurde gleichwohl weiter gearbeitet.

Vier aufregende Jahre

Hardy Stimmer wirkt entspannt, glücklich. „Das war eine Punktlandung“, sagt der Gelsenkirchener. Stimmer, 47 Jahre, studierter Wirtschaftsingenieur, hat den Turmbau für Thyssen-Krupp koordiniert. Drei aufregende Jahre, mit Planung vier. 40 000 Tonnen Beton, Stahl und Isolierungsmaterial technische Ausrüstung wurden auf der Größe nur eines Fußballfeldes verbaut. In der Spitze waren unter der Regie eines Generalunternehmers 60 bis 80 Firmen und 150 Bauarbeiter tätig. Gut 40 Millionen kostet der Turm. „Alles im Plan“, erklärt Hardy Stimmer. Das Rezept dafür? Präzise Vorarbeit, ein gutes Team, Rückhalt im eigenen Haus.

Dabei galt es durchaus, auch Klippen zu umschiffen. Diese hier zum Beispiel: Ins Ausschreibungsverfahren, nur zwölf Stunden vor einem wichtigen Bietertreffen, platzte die Nachricht, dass der ausgeguckte Baugrund spröde sei, wackelig nicht ausreichend tragfähig, nur zu stabilisieren durch ein kompliziertes (und teures) Injektionsverfahren, wie man es aus Bergbau geplagten Regionen kennt.

„Plötzlich steht man ohne Fläche da“, erzählt Thyssen-Krupp-Mann Stimmer. Keine 24 Stunden später war eine Alternative gefunden, auch dank der guten Zusammenarbeit mit Stadt und Politik vor Ort – in einem Gewerbegebiet, anderthalb Kilometer von der Altstadt entfernt und durch den Neckar von ihr getrennt. Der Boden dort? Stabiler, fester Muschelkalk – „genau richtig“. Etwa 30 Meter ragt das Bauwerk in die Tiefe.

Windböen von120 km/h und mehr

„In Gleitschalung“, so heißt das Verfahren, ist der Turm gut 3,6 Meter im Schnitt pro Tag gewachsen – so flott wie eine Bambuspflanze unter perfekten Klimabedingungen. Ein seitlich montierter Hochhauskran wuchs mit. Und als das Dach schließlich drauf war, wurde dort ein Spezialkran montiert. Der logistische Pfiff: Der spätere Feuerwehraufzug wurde als Lastentransporter für den Innenausbau genutzt. „In Zeitfenstern von zehn, 20 oder 30 Minuten konnten die Firmen, alle nacheinander, ihr Material in die Höhe bringen“, berichtet Stimmer im NRZ-Gespräch.

Ende Oktober, Anfang November soll die Baustelle komplett geräumt sein. Dann werden auch die letzten Meter Glasfaser-Membran aufs Turmgebäude aufgezogen sein. Die rund 30, 40 engagierten Industriekletterer konnten zuletzt nicht so, wie sie wollten und sollten. Der Wind hat nicht recht mitgespielt. Auf den Höhen des Schwarzwaldes bläst er kräftig. Rottweil selbst liegt schon auf 600 Metern über Normalnull. Stimmer hat Böen von 120 und mehr km/h erlebt. Die Arbeiten ruhten dann.

Aus dem Takt bringen konnte der Wind die Baustelle nicht. Auch künftig ist er kein Problem – der Turm schwingt mit, bis zu 75 cm in jede Richtung. Ein im Innern angebrachtes Pendelgewicht, ein sogenannter „Schwingungstilger“, hilft die Bewegung zu begrenzen – sofern gewünscht. Es können aber auch Schwingungen per Motor extra erzeugt werden. „Schließlich geht es ja darum, Aufzüge auch unter Extrembedingungen zu testen“, erklärt Stimmer.

Abwarten, was als Bauprojekt für ihn als Nächstes kommt – weitere Testtürme vielleicht. Hardy Stimmer sagt, dass er auch nicht böse wäre, wenn es eine Halle oder ein Bürohaus irgendwo im Ruhrgebiet wäre – näher an Gelsenkirchen, näher an der Familie. Stimmer ist Vater dreier Töchter.

>> HÖCHSTE AUSSICHTSPLATTFORM

Mit einer Gesamthöhe von 246 Metern ist der Testturm das höchste Gebäude Baden-Württembergs, die auf 232 Metern gelegene Aussichtsplattform für Besucher ist sogar die höchste Deutschlands. Zur Eröffnung werden u. a. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) und CDU-Bundestagsfraktionschef Volker Kauder erwartet.

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