Natur

Umweltminister Remmel: „NRW ist bereit für den Wolf“

Wölfe legen weite Wege zurück. Ein Tier, das in NRW mehrfach auftauchte, stammt ursprünglich aus dem Raum Cuxhaven.

Wölfe legen weite Wege zurück. Ein Tier, das in NRW mehrfach auftauchte, stammt ursprünglich aus dem Raum Cuxhaven.

Foto: imago/blickwinkel

An Rhein und Ruhr.   Fachleute erwarten, dass der Beutegreifer wieder sesshaft wird. Umweltminister Johannes Remmel sieht das Bundesland gerüstet und wirbt für Akzeptanz.

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Er ist da, wieder da – aber noch nicht so richtig: Mehrere Wolfsmeldungen aus verschiedenen Teilen Nordrhein-Westfalens haben in den letzten Monaten für Aufsehen gesorgt. Noch aber scheint das Raubtier nicht wieder sesshaft geworden zu sein. „Wir müssen wieder lernen, mit dem Wolf zu leben“, meint Umweltminister Johannes Remmel (Grüne) im Interview.

Herr Minister, im ostwestfälischen Rietberg hat eine Frau beim Sonntagsfrühstück auf der Terrasse plötzlich einen Wolf nicht weit von ihrem Haus erblickt. In Ibbenbüren im Münsterland hat kürzlich ein Anwohner einen Wolf auf einer Wiese entdeckt. Muss man in Nordrhein-Westfalen, zumindest in einigen Landesteilen, künftig auf solche Anblicke gefasst sein?

Remmel: Wir haben seit Mitte des 19. Jahrhunderts keine Wölfe mehr auf dem Gebiet des heutigen NRW gehabt. Seit Ende 2014 haben wir aber immer mal wieder Wolfsichtungen und Wolfnachweise dokumentiert, wie das Jungtier in Rietberg im Kreis Gütersloh. Wir haben inzwischen allein in diesem Jahr bereits mehrere Nachweise, die zum Teil aber ein und dasselbe Tier betreffen. Das deutet darauf hin, dass die natürliche Rückkehr des Wolfs auch nach NRW bevorsteht. Wann dies erfolgen wird, ist allerdings ungewiss. Wir müssen aber wieder lernen, mit dem Wolf zu leben. Das stellt uns auch vor neue Fragen - wie etwa nach dem Schutz von Nutztieren - und diese Fragen müssen wir angehen.

Sie freuen sich über die Rückkehr des Wolfes, warum?

Remmel: Einen roten Teppich rollen wir dem Wolf nicht aus, sondern er kehrt auf natürliche Weise zurück. Aber: Es ist sicherlich positiv zu bewerten, wenn eine einstmals ausgestorbene Tier- oder Pflanzenart wieder nach Nordrhein-Westfalen zurückkehrt, weil es auch zeigt, dass die ökologischen Rahmenbedingungen in Teilen besser geworden sind. So ist der Schwarzstorch inzwischen wieder heimisch, der Uhu, der Wanderfalke oder der Fischotter. Beim Wolf sehe ich aber auch eine besondere Herausforderung. Wir müssen aufklären, für Akzeptanz sorgen – aber auch den eben schon angesprochenen Schutz von Nutztieren.

Ist Nordrhein-Westfalen denn bereit für den Wolf?

Remmel: NRW ist bereit für den Wolf. Wir haben seit 2009 eine Arbeitsgruppe beim Landesumweltamt , in der die Experten und Verbändevertreter die geeigneten Maßnahmen zur Förderung der Akzeptanz für die Rückkehr des Wolfes nach NRW beraten. Viele Punkte wurden bereits umgesetzt, etwa die Einrichtung eines landesweiten Wolfsberater-Netzwerks sowie die Leistung einer finanziellen Entschädigung für Nutztierrisse einschließlich der Kosten für einen Tierarzt und die Tierkörperbeseitigung. Wir haben zudem einen umfangreichen Wolfs-Managementplan in Kraft gesetzt, der auch Hinweise zum Umgang mit verhaltensauffälligen Tieren enthält.

In Niedersachsen ist Wolf „Kurti“ geschossen worden, weil er Häusern, Menschen und Hunden zu nahe kam. Sind Wölfe also doch gefährlich?

Remmel: Der Wolf ist nicht geschossen worden, weil er Menschen oder Hunde angefallen hat. Vielmehr ging es darum, dass sein Verhalten Auffälligkeiten aufwies und untypisch war, weil er mehrfach eine sehr geringe Scheu gegenüber Menschen gezeigt hat. Wölfe meiden üblicherweise den direkten Kontakt zum Menschen. Daher musste Niedersachsen den Schritt gehen. Auch in unserem Wolfmanagement-Plan sind für einen solchen Einzelfall verschiedene Maßnahmen vorgesehen, um das Tier etwa zunächst zu vergrämen. Aber letztlich ist auch klar, dass der Schutz der Menschen oberste Priorität hat.

Wenn Schafe oder andere Nutztiere von einem Wolf gerissen werden, werden Landwirte finanziell entschädigt. Jeder Halter freilich möchte seinen Tieren die Begegnung mit einem Wolf lieber ersparen, als eine solche Entschädigung in Anspruch nehmen zu müssen. Wie können Landwirte ihre Herden schützen - und wie helfen die Umweltbehörden und das Land dabei?

Remmel: Unsere Wälder bieten eigentlich ausreichend Nahrung für den Wolf. Aber trotzdem haben wir schon vor den beiden Wolfsnachweisen im letzten Jahr zwei Herdenschutz-Sets angeschafft. Diese können den betroffenen Nutztierhaltern im Bedarfsfall kurzfristig zur Verfügung gestellt werden, um bei konkreter Gefahr ihre Nutztiere schützen zu können

Bislang haben wir es in Nordrhein-Westfalen ja offenbar mit einzelnen durchziehenden Wölfen zu tun. Wann und wo rechnen Sie damit, dass sich Wölfe fest ansiedeln?

Remmel: Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass die natürliche Rückkehr des Wolfs nach NRW über Niedersachsen geschehen wird. Hier haben sich in den letzten Jahren mehrere Wolfsrudel gebildet, deren Jung-Tiere dann auf Wanderschaft gehen – dies ist auch in Richtung NRW möglich. So konnten mindestens zwei der diesjährigen Wolfnachweise ein und demselben Jung-Wolf, etwa ein Jahr alt, der aus einem Rudel aus der Gegend von Cuxhaven stammt, zugeordnet werden. Das konnten wir über DNA-Abgleiche feststellen.

Nordrhein-Westfalen ist ein großes Land - mit Platz für wie viele Wölfe?

Remmel: Das kann Ihnen niemand mit Gewissheit sagen. Deutschlandweit gibt es derzeit 31 Wolfsrudel. Aber warten wir doch erst einmal auf den ersten Wolf, der in NRW dauerhaft sesshaft wird.

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