Jahrhundertsturm

Vor zehn Jahren walzte Orkan Kyrill die Fichtenwälder nieder

Der Kyrill-Pfad im Sauerland: Heute weiß Ralf Schmidt, Ranger beim Landesbetrieb Wald und Holz NRW-Südwestfalen, auch Gutes über dieses Naturereignis zu berichten.

Der Kyrill-Pfad im Sauerland: Heute weiß Ralf Schmidt, Ranger beim Landesbetrieb Wald und Holz NRW-Südwestfalen, auch Gutes über dieses Naturereignis zu berichten.

Foto: Matthias Graben

Schanze.   Von Kyrill waren vor allem Sauer- und Siegerland betroffen. Existenzen wurden vernichtet. Aber die Natur ließ Neues entstehen, so Ranger Schmidt.

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Michael von der Ley sieht nicht aus wie ein Mann, dem so schnell die Knie weich werden. Ganz im Gegenteil. Männer wie den 50-Jährigen hat man gerne an seiner Seite, wenn man den Keller entrümpeln muss oder es in der Kneipe laut wird. Das muss man im Hinterkopf haben, wenn man seine Schilderung der Ereignisse an diesem Donnerstag, an diesem 18. Januar 2007 richtig verstehen will.

„Ich bin am Nachmittag nach Hause gekommen, als es auch schon losging. Ich bin im Sauerland aufgewachsen, ich habe Respekt vor der Natur, aber als ich aus dem Fenster blickte, wurde aus dem Respekt Angst.“

Ein Berserker zieht um die Häuser

Vor dem Fenster zieht ein Berserker um die Häuser und übers Land. Kyrill schickt Böen wie Walzen, 200 Kilometer schnell. „Auf dem Hang gegenüber knickten die Bäume weg. Ich kenne Wald und Wind. Aber es fielen auch Bäume, von denen ich es nie gedacht hätte... und - er kam nicht aus einer Richtung. Kyrill kam von überall!“

Ein Geistersturm. Als der Spuk vorbei ist, sind 25 Millionen Bäume allein in NRW gefallen. Mit dem Holz könnte man einen Palisadenzaun bauen, gut einmal um den Äquator.

Zehn Jahre später. Michael ist jetzt der Wirt der Skihütte hier oben in Schanze, Ortsteil von Schmallenberg, 720 Meter hoch, wie man so sagt: tiefstes Sauerland. Wir sitzen an einem der großen Holztische, ein Feuer in der Mitte sendet Wärme und Behaglichkeit.

Einen Tag waren wir ohne Strom

Draußen vor der Türe liegt Schnee, es ist saukalt und auch Michael wieder so cool, wie es seinem Typus entspricht. „Einen Tag waren wir ohne Strom. Drei Tage von der Außenwelt abgeschnitten. Kein Problem. Passiert häufiger. Darauf sind wir vorbereitet hier oben. Mein Haus stand noch, mein Skilift auch. Glück gehabt. Die Touristen-Saison war natürlich gelaufen, aber das Aufräumen haben sie schnell wieder hingekriegt. Und wir bekamen hier eine Attraktion hinzu. Den Kyrill-Pfad, gleich am anderen Ende von Schanze.“

Ralf Schmidt (55) von den Rangern Südwestfalen ist zu bescheiden, um das von sich selbst zu behaupten, aber er ist einer der Väter dieses Pfades. „Ich war mit meiner Tochter damals im Schwarzwald. Dort hatten sie nach dem Orkan ‘Lothar’ im Jahr 1999 einen solchen Weg angelegt. Ich dachte, das wäre doch auch was für uns.“

Die Idee kam an, auf dreieinhalb Hektar wurde der Wald so belassen, wie Kyrill ihn zurechtgefetzt hatte. Nur ein Weg wurde hindurch gelegt, beliebt bei Wanderern, zumal der Rothaarsteig direkt vorbeiführt.

Zurück in die Geschichte

Wenn Schmidt über die Langzeitfolgen des Orkans spricht, unterscheidet er gewissenhaft: „Für die Waldbesitzer ist es immer noch hart. Einige sind bankrott gegangen, manche Menschen hatten ihren Wald und die Erträge daraus fest als Altersvorsorge eingeplant. Da sind Träume weggebrochen...“

Beim Wald malt er hellere Farben. „Die Wunde vernarbt. Es entsteht immer was Neues. Diese Fichten hier zum Beispiel...“ Er zeigt auf Bäumchen, die sich zwischen den gefallenen Stämmen der Ahnen erhoben haben. „Die waren nur einen halben Meter groß, aber schon 15 Jahre alt, als sie damals plötzlich Licht bekamen. Jetzt wachsen sie mit aller Kraft. Manche einen Meter im Jahr.“

Die Fichte ist der Preußenbaum

Wir steigen von dem kleinen Aussichtsturm am Pfad hinab und auch in die Geschichte zurück: „Im Sauerland hat die Verhüttung mit Holzkohle zu einem Raubbau an Buchen, Eichen und Birken geführt. Dann wurde vor etwa 200 Jahren der Preußenbaum eingeführt. Die Fichte. Gutes Bauholz, auch für den Bergbau. Und schon nach 80 bis 100 Jahre zu ernten. Buchen dagegen brauchen gut 140 Jahre.“

Nachteil: Die Fichte benötigt den idealen Standort, viel Wasser, aber keinen Sumpf, sie wurzelt nicht so tief, stürzt deshalb auch schneller um. 90 Prozent der Kyrill-Opfer hier oben waren Fichten.

Deshalb probieren sie im Staatsforst auch so viel aus. Haben gute Erfahrungen mit Tannen und Douglasien gemacht. Aber die privaten Waldbesitzer sind skeptisch. Für sie war und bleibt die Fichte „der Brotbaum des Sauerlands“.

Als die Bäume fielen, entstanden neue Lebensräume

Viele Bäume, die jetzt geerntet werden, sind nach den beiden Weltkriegen gepflanzt worden. Als Reparationszahlung an die Sieger waren Vorgänger ratzekahl weggehackt worden. Bei der Wiederaufforstung herrschte Mangel, nur Fichtensamen gab es genug. Also...

Es ist ein Vergnügen, mit dem Ranger durch die Natur zu stapfen, weil Schmidt so gern das Gute sieht: „Als die Bäume fielen, entstanden dort neue Lebensräume. Durch das Licht. Neue Gräser, neue Blumen.“ Die locken Insekten an. Käfer. „Und ich habe plötzlich ganz andere Schmetterlingsarten gesehen.“

Insekten ziehen wieder Vögel an. „Hier sind jetzt Grasmücken, Zaunkönige, Kleiber und Spechte unterwegs. Und auch Wildkatzen. Die lieben die Höhlen unter den umgestürzten Bäumen, den Wurzeln. Auch für den Luchs ist so ein Gelände ideal.

Eberesche, Ahorn und Birke wachsen nun

Schneider stützt sich mit den Ellbogen auf dem Geländer eines Stegs auf: „Natur ist Veränderung. Jetzt wachsen hier auch Eberesche, Ahorn und Birke. Die bessern den Boden auf. Dann brechen sie weg und die Buchen kommen. Bedecken alles, es wird wieder dunkel. Alles was darunter ist, verschwindet wieder.“ Schmidt schweigt. Er schaut fern. Man sieht ihm an, er würde nur zu gerne einen Blick auf diesen Ort in 200 oder 300 Jahren werfen. Schauen, was gewachsen ist. Allen Berserkern zum Trotz.

>>>NRW hat immer noch viel mit Aufforstung zu tun

Zehn Jahre nach dem Orkan Kyrill sind die Sturmschäden in unseren Wäldern nach Worten von Umweltminister Johannes Remmel (Grüne) noch deutlich erkennbar. „Kyrill war einer der bisher schwersten Stürme in Nordrhein-Westfalen und hat uns gezeigt, welche Folgen der Klimawandel auch in unseren Breitengeraden haben kann“, sagte Remmel bei der Besichtigung von Waldflächen im sauerländischen Neuenrade.

Weil Orkane, Starkregenereignisse und Trockenperioden als Folge des Klimawandels häufiger würden, müsse der Wald stabiler gegen die Klimaveränderungen gemacht werden.

„Direkt nach Kyrill haben wir ein klimagerechtes Wiederbewaldungskonzept hin zu mehr Laubwald erstellt“, sagte der Leiter des Landesbetriebs Wald und Holz NRW, Andreas Wiebe. Vor dem Sturm im Jahr 2007 seien die betroffenen Flächen im Privatwald zu 93 Prozent mit Nadelhölzern und nur zu sieben Prozent mit Laubhölzern bepflanzt. Bis Ende 2015 sei der Anteil von Laubbäumen auf 47 Prozent gestiegen, hieß es.

Der Orkan Kyrill zog in der Nacht vom 18. zum 19. Januar 2007 über Deutschland und richtete mit mehr als 180 Kilometern pro Stunde einen Gesamtschaden von bundesweit 4,7 Milliarden Euro an. Elf Menschen starben, sechs von ihnen in NRW. Hier waren besonders die Wälder im Sauer- und Siegerland betroffen. Insgesamt 15,7 Millionen Festmeter, zumeist Fichten, wurden auf einer Fläche von 50 000 Hektar umgeworfen.

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