Umweltskandal

Durch PFT-Umweltskandal kam tonnenweise Gift auf Felder

Zahlreiche Medien kamen zum Prozessauftakt ins Landgericht Paderborn, wo am Donnerstag mit dem PFT-Prozess einer der größten NRW-Umweltskandale verhandelt wurde. Foto: Heinz Krischer (Westfälische Rundschau)

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Zahlreiche Medien kamen zum Prozessauftakt ins Landgericht Paderborn, wo am Donnerstag mit dem PFT-Prozess einer der größten NRW-Umweltskandale verhandelt wurde. Foto: Heinz Krischer (Westfälische Rundschau) Foto: WR

Paderborn/Brilon.   Mit dem PFT-Prozess wird seit Donnerstag einer der größten Umweltskandale des Landes aufgerollt. Zwei Angeklagte sollen dafür verantwortlich sein, dass auch Trinkwasser aus der Ruhr stark mit Chemie belastet war.

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Vor dem Paderborner Landgericht hat am Donnerstag der Prozess gegen die mutmaßlich Verantwortlichen des PFT-Skandals begonnen, einer der größten Umweltskandale des Landes Nordrhein-Westfalen. 2006 waren in der Ruhr hohe Werte der als Krebs erregend geltenden Chemikalie PFT entdeckt worden. Dabei stellte man fest, dass die Substanz vermutlich von Feldern stammte, auf denen von der Firma GW Umwelt gelieferter Dünger eingesetzt worden war.

Die Firma mit dem damaligen Sitz in Borchen bei Paderborn wurde von zwei Brilonern geführt. Der Geschäftsführer sowie der Betriebsleiter der mittlerweile insolventen Firma sitzen jetzt auf der Anklagebank sowie weitere vier Angeklagte eines Zulieferunternehmens aus Belgien.

Der Mammut-Prozess, der etwa ein Jahr lang laufen könnte, begann zäh: Im großen Saal des Paderborner Gerichtes fanden die 16 Verteidiger, sechs Angeklagten, vier Dolmetscher sowie die beiden Staatsanwälte kaum Platz auf den offiziellen Bänken. Zum Auftakt gab’s gleich Formal-Hakeleien: So rügte der Rechtsanwalt des Hauptangeklagten Ralf W. die Besetzung des Gerichtes und forderte die Unterbrechung der Hauptverhandlung für eine Woche. Eine Anwältin verlas mehrere Stunden lang, noch vor Eintritt in die Beweisaufnahme, eine 50-seitige Erklärung, die schon fast wie ein Plädoyer für ihren Mandanten wirkte.

Aufwändiger Prozess

Die Vorsitzende Richterin Margret Manthey wirkte dabei etwas unsortiert – ob sie den aufwändigen Prozess souverän führen wird, muss sich erst noch zeigen.

In seiner Anklage beschuldigt Oberstaatsanwalt Oliver Brendel die Angeklagten, in den Jahren 2003 bis 2006 Hunderte Tonnen mit giftigem PFT durchsetze Klärschlämme aus Belgien und den Niederlanden importiert, mit Erdreich vermischt und als „Bodenverbesserer“ an Landwirte geliefert zu haben. Dadurch wurden große Mengen des Giftes in das Wasser von Ruhr und Möhne gespült – entsprechend lautet der Vorwurf auf vorsätzliche Gewässer- und Bodenverunreinigung. Ebenso legt Brendel ihnen eine „Gefährdung der öffentlichen Trinkwasserversorgung“ zur Last. Um sich vor Sanierungskosten zu drücken, soll der Geschäftsführer des Unternehmens Haus- und Grundstückbeteiligungen übertragen haben, so dass die Behörden nicht mehr an das Geld kamen.

PFT-Klärschlamm aus den Niederlanden und Belgien

Nach den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft erhielt die Firma GW Umwelt von zwei Betrieben aus den Niederlanden und Belgien Klärschlämme, die aus industriellen Anlagen stammten. So waren dabei auch Klärschlämme der Firma „3M“, die wasserabweisende Beschichtungen z.B. für Textilien herstellt. Darin war in hohem Maße PFT enthalten. GW Umwelt hatte Genehmigung, Klärschlämme aus der Lebensmittelindustrie zu Dünger zu verarbeiten, nicht aber aus beispielsweise der chemischen Industrie, sagt Oberstaatsanwalt Brendel. Um die hoch belasteten Schlämme dennoch einführen zu können, soll GW Umwelt zusammen mit Angestellten der belgischen Firma Papiere manipuliert haben.

Der Bodenverbesserer kam auf Hunderte Felder in NRW, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern. Besonders hohe Belastungen wurden im Bereich Rüthen und Brilon entdeckt. Bei Rüthen sanierte der Kreis Soest das Erdreich für 2,5 Millionen Euro. Auch in Brilon wird immer noch das anfallende Regenwasser von einem hoch belasteten Feld gefiltert. Kosten auch hier: 2,5 Millionen Euro. Beide Bereiche hatten hohe PFT-Mengen an die Möhne und damit auch die Ruhr abgegeben. Zeitweise mussten nach Bekanntwerden der hohen PFT-Belastung Wasserwerke abgestellt und Säuglinge und Schwangere in Arnsberg mit Mineralwasser versorgt werden.

Anwältin der Firma stritt Schuld ab

In der Einlassung der Verteidigung stritt die Kölner Abfallrechtlerin Dr. Anne-Louise Schümer, die den Angeklagten Ralf W. vertritt, eine Schuld der Firma ab. Ihrer Ansicht nach durfte GW Umwelt damals die Schlämme importieren, es hätten entsprechende Genehmigungen vorgelegen. Außerdem habe es damals keine Sensibilität und keinen Grenzwert für PFT gegeben, an den sich GW Umwelt hätte halten können. Deshalb habe die Firma damals nicht wissen können, dass sie möglicherweise die Umwelt schädige. Wobei die Anwältin auch die von der Staatsanwaltschaft angeführten Grenzwerte für PFT als zu streng anzweifelte.

Tatsächlich, erwiderte der Oberstaatsanwalt, gehe es bei den strafrechtlichen Vorwürfen nicht um den Stoff PFT im Speziellen – sondern darum, dass GW Umwelt keine potenziell giftigen Industrieschlämme importieren und erst recht nicht auf Äcker bringen durfte. An den nächsten Verhandlungstagen – nach der von der Verteidigung erzwungenen einwöchigen Unterbrechung – werden Kripo und Sachverständige gehört.

Info

Seit Bekanntwerden der PFT-Belastung in der Ruhr, aus der Millionen Menschen ihr Trinkwasser beziehen, ist der Fluss sauberer geworden – aber nicht komplett PFT-frei. Denn auch verschiedene Industriebetriebe leiten mit ihren Abwässern immer noch PFT in den Fluss.

Die höchsten PFT-Werte wurden im Juni 2006 an der Möhnemauer gemessen: 647 Nanogramm pro Liter - bei der letzten Messung im Juli 2011 waren es 43 Nanogramm. Am Wasserwerk Arnsberg wurden damals 655 Nanogramm gemessen, heute sind es 54. In Essen wurden damals 55 Nanogramm gemessen, heute sind es 30.

Der Ruhrverband will wegen erhöhten Mess- und Steuerungsaufwandes 75.000 Euro von den Angeklagten.

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