Gericht

Mordprozess: Angeklagter bedauert Tod seines Bruders nicht

Foto: Kurt Michelis

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Siegen.   Der 63-jährige Angeklagte beteuert vor Gericht, dass er seinen Bruder und dessen Frau am 11. November 2017 in Oberdielfen nicht töten wollte.

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Er sei 1981 nach Deutschland gekommen, weil er unter dem Mullah-Regime mit Terror und Scharia nicht leben wollte, berichtet der 63-jährige Siegener, der am 11. November 2017 seinen Bruder und dessen Frau erstochen hat. Im Gegensatz zu diesem Bruder, der „durch dunkle Machenschaften, davon bin ich überzeugt!“, sein Einkommen aufgebessert habe, sei er in Deutschland nicht reich geworden. „Aber ich war immer zufrieden“, erklärt der Angeklagte und sorgt nicht nur für Überraschung im Gesicht der Vorsitzenden. Die Erklärung passt nicht so recht zu den bisherigen Einlassungen eines heftigen Unmutes über sein persönliches Schicksal und die angeblichen Betrügereien gegen ihn.

Kein Bedauern der Toten

Auch sonst ist dieser Verhandlungstag von Widersprüchen und Überraschungen geprägt. Ziemlich unerwartet selbst für Verteidiger Björn Lange holt der Angeklagte ein Papier hervor und trägt zehn Punkte vor, die im Protokoll seiner polizeilichen Aussage falsch niedergelegt seien. Damit will er auch Abweichungen in der am nächsten Tag vor der Ermittlungsrichterin gemachten Einlassung erklären.Diese wird als Zeugin vernommen und lässt ihre damalige Verwunderung erkennen. Aus den Protokollen der Polizei habe sie entnommen, dass der Mann seinen Bruder töten wollte. Bei ihr habe er dies aber relativiert und betont, dass er diesen lediglich verletzen wollte. Das bestätigt der Angeklagte auch direkt im Anschluss noch einmal.

Er habe Rache gesucht, den 16 Jahre älteren Verwandten vernichten „und zum Pflegefall“ machen wollen, „so, wie er mich!“ Einen möglichen Beinbruch durch das Anfahren mit dem Auto hätte er ebenfalls akzeptiert, „aber ich wollte ihn nicht töten. Was hätte ich davon. Was habe ich jetzt davon!?“, fragt er in den Saal.

Als er Richtung Gesicht stach und den Bruder tödlich traf, habe es bei ihm „ausgesetzt“, er sei „im Blutrausch“ gewesen, wiederholt der Mann dann seine Angaben vom ersten Tag. Nur so sei auch die Attacke auf seine Schwägerin zu erklären. Er habe beider Tod nicht gewollt. Angesichts der früheren Betrügereien bedauere er die Taten aber auch nicht.

Angeklagter glaubt an Familienverschwörung

Die Schwägerin sei von ihrem Mann beherrscht und in die Sache hineingezogen worden. Sie habe aber in jedem Falle von der großen Betrügerei an ihm gewusst.

Offenbar glaubte der Angeklagte an eine umfangreiche Familienverschwörung gegen ihn, stellt Nebenklagevertreter Dr. Thorsten Kahl fest. Er bringt die Befürchtungen der Tochter der Opfer und anderer Verwandter zum Ausdruck, nach einer möglichen Entlassung des Angeklagten ebenfalls Opfer seiner Rache zu werden. „Ich komme nicht mehr raus“, schüttelt der Siegener den Kopf. Er habe aber auch keine solchen Absichten, versichert er.

Danach geht es wieder um die polizeiliche Aussage. „Ich war gar nicht vernehmungsfähig“, klagt der Angeklagte. Er habe den Fragen kaum folgen können, wenig Möglichkeiten gehabt, in ganzen Sätzen zu antworten und wisse nicht, ob er Dinge falsch verstanden habe oder falsch verstanden worden sei. Jedenfalls gebe es viele Fehler im Protokoll, während die Vernehmung durch die Richterin wesentlich besser gelaufen sei.

Gutachten verschoben

Auch da machen die Nebenkläger allerdings Widersprüche aus und werfen dem Iraner ansonsten vor, den Polizeibeamten eine Urkundenfälschung zu unterstellen. Jedenfalls müssten die Dinge geklärt werden, um dem psychiatrischen Sachverständigen für sein Gutachten die genaue Motivation des Angeklagten deutlich zu machen.

Das Gutachten wird verschoben. Für ein paar Minuten gibt es erhebliche Terminprobleme der Beteiligten und der gesamte Prozess steht kurz vor dem Abbruch. „Dann platzen wir“, befürchtet Richterin Elfriede Dreisbach schon, bis sich ein Ausweichtag am kommenden Montag findet. Dann kommt einer der Beamten als Zeuge zu Wort.

Dolmetscher vernommen

Ganz kurzfristig kann am Mittag noch der Dolmetscher gehört werden, der bei der Polizei und der Ermittlungsrichterin beigezogen wurde. Der 21-jährige Student bestätigt nicht, dass der Angeklagte einsilbig geantwortet hätte oder unaufmerksam wirkte. Dieser habe gut Deutsch gesprochen und ihn nicht gebraucht.

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