Flüchtlinge

Zalgais schwerster Kampf – der Kampf gegen die Abschiebung

Zalgai Laghmani (li) trainiert mit Box-Chef Tom Jekel im Boxring des Don Bosco Club in Essen.

Zalgai Laghmani (li) trainiert mit Box-Chef Tom Jekel im Boxring des Don Bosco Club in Essen.

Foto: Kai Kitschenberg

Essen.   Zalgai Laghmani ist ein talentierter junger Boxer und integrationswillig. In Afghanistan droht im der Tod. Trotzdem soll er wieder zurück.

Mitte Juli verlor Zalgai Laghmani den Finalkampf um die Landesmeisterschaft. Nach Punkten, er war nicht K.o. gegangen. Es war seine erste Niederlage in Deutschland, zuvor hatte der junge Afghane 36 Boxkämpfe gewonnen. Sein schwerster Kampf steht ihm aber jetzt bevor. Verliert er ihn, könnte das für ihn tödlich enden. Zalgai Laghmani soll Deutschland verlassen, wieder nach Afghanistan zurück. Dort warten die Taliban.

Zalgai ist 22 Jahre alt, er stammt aus der Provinz Laghman im Osten Afghanistans. In seiner Kleinstadt betrieb er ein Lebensmittelgeschäft und er boxte, seit er neun Jahre alt war. Bis die islamistischen Taliban die Stadt einnahmen. Sie forderten alle Mitglieder seines Boxclubs auf, für sie zu kämpfen, Mudschahidin zu werden, Gotteskrieger. „Ich wollte nicht in den Dschihad ziehen, ich wollte nur boxen“, sagt Zalgai. Die Taliban fackelten den Boxclub ab, töteten einen Cousin von Zalgai. Er floh. Zwei Monate war er unterwegs, er zahlte 7500 Dollar für die Schleuser, Ende 2015 landete er in Bochum.

Sein Asylantrag wurde abgelehnt

Das ist die Geschichte, die Zalgai erzählt. Ob sie wahr ist, ist schwer überprüfbar. Klar ist: „Er ist als ausgebildeter Boxer nach Deutschland gekommen“, sagt sein Trainer Sergej Vögele. Klar ist auch: Die Taliban sind in Afghanistan auf dem Vormarsch. Die Sicherheitslage verschlechtert sich. Das Flüchtlingshilfswerk UNHCR warnt vor Abschiebungen in das Land. Die Politik in Deutschland erhöht trotzdem den Druck auf das Bundesamt für Migration (BAMF), Asylanträge von Afghanen abzulehnen. Sie stellen derzeit nach den Syrern die zweitgrößte Flüchtlingsgruppe. Es sei ja nicht überall in dem Bürgerkriegsland unsicher, lautet das Kernargument derjenigen, die wie Innenminister Thomas de Maizière Abschiebungen nach Afghanistan forcieren wollen.

Aus Nordrhein-Westfalen sind im vergangenen Jahr 13 Afghanen abgeschoben worden, über 450 sind freiwillig zurückgereist, berichtet das Landesinnenministerium. In diesem Jahr werden die Zahlen wohl deutlich steigen. Auch Zalgai Laghmanis Asylantrag ist abgelehnt worden. Warum, weiß er nicht. Er hat den Ablehnungsbescheid nicht bekommen. Seit Anfang vergangenen Jahres wohnt er nicht in seiner Meldeaddresse, einer Asylunterkunft in Bochum, sondern in Essen-Borbeck, wo er beim dortigen Don-Bosco-Club trainiert und kämpft. Die Behörden sind darüber informiert, beteuert Susanne Bier, die Leiterin des Clubs. Eigentlich soll die Post nachgeschickt werden.

„Ein sehr talentierter junger Mann“

Jetzt soll Zalgai Deutschland verlassen, freiwillig, ansonsten droht ihm die Abschiebung. Für alle, die ihn kennengelernt haben, ist das völlig unverständlich. Er ist beliebt, hilft im Bistro des Clubs, hat einen Deutschkurs absolviert. Er trainiert mit psychisch kranken Jugendlichen, die von der Eggersstiftung betreut werden. Sensibel, einfühlsam, er sei von „großer, unschätzbarer Bedeutung“ für die Jugendlichen, attestiert ihm der Gründer der Stiftung, Professor Christian Eggers.

„Er ist wissbegierig und lernt sehr schnell, er beschäftigt sich viel mit der deutschen Kultur“, sagt Susanne Bier. Der Sportwart des westfälischen Amateur-Box-Bezirks bescheinigt Zalgai eine „positive Kameradschaft“ und gute Zukunftsaussichten. Er wird im Leistungszentrum Münster gefördert. „Ein sehr talentierter junger Mann“, sagt sein Trainer, „er hat das Zeug, Profi zu werden“. Genau das möchte Zalgai.

„Die Taliban waren schon bei meinen Eltern“

Er fürchtet, wenn er nach Afghanistan zurückkehrt, wird es schwer für ihn. „Die Taliban waren schon bei meinen Eltern und haben sich nach mir erkundigt“, erzählt er. In seiner Provinz gab es laut einer EU-Agentur allein zwischen Januar und August 2015 über 730 „sicherheitsrelevante Vorfälle“.

Freiwillig wird Zalgai nicht ausreisen. Seine Anwältin hat eine Klage gegen den Ablehnungsbescheid eingelegt. Selbst wenn die Ablehnung Bestand haben sollte, hat er doch noch eine Chance. Die Ausländerbehörden können gute Integrationsleistungen honorieren. „Ich möchte in Deutschland bleiben. Die Menschen sind hier sehr gut zu mir“, sagt Zalgai. „Und ich will doch nur boxen.“

Leserkommentare (3) Kommentar schreiben