Ostsee

Mondäner Geist zu goldener Zeit

Foto: MSG

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Kaiservillen in den Seebädern Usedoms: Geschichten vergangenen Prunks und Adels hinter den schönen Fassaden

Ein vergilbtes Schwarzweiß-Foto zeigt die ehemalige Schlachtertochter Frau Konsulin Elisabeth Staudt in hochgeschlossener, weißer Bluse und langem, sittsamen Rock auf der Veranda ihrer Villa. Angeregt unterhält sie sich mit Seiner Majestät, dem gut gelaunten Kaiser Wilhelm II. Eine Hausdame bringt den Tee. „Von allerhand Klatsch, großer Aufregung und Menschenmengen auf der Promenade wurden die jährlichen Teevisiten des Kaisers bei der belesenen Witwe in den Jahren 1909 bis 1912 begleitet”, erzählt Historiker Fritz Spalink. 1938 verkauft die Konsulin ihre neobarocke, weiße Villa mit den Jugendstilornamenten und dem dreigeschossigen Eckturm an Hitlers Leibarzt Theodor Morell. In dem Anwesen an der Delbrückstraße Nummer Sechs befinden sich jetzt Ferienwohnungen.

Noch heute gehört das Haus im – damals vornehmsten – Seebad Heringsdorf zu den imposantesten an der, mit 8,5 Kilometer längster Strandpromenade Europas, auf der Ostseeinsel Usedom. Seit über 20 Jahren beschäftigt sich der Flensburger mit der Historie der drittgrößten deutschen Insel, vor allem mit der Bäderarchitektur des 19. und 20. Jahrhunderts: Über 200 Villen im Stil französischer Renaissancepaläste und klassizistischer Prachtbauten aus der Gründerzeit existieren noch in den drei Kaiserbädern Ahlbeck, Heringsdorf und Basin. 157 stehen unter Denkmalschutz – die größte Dichte an alten Villen in ganz Deutschland.

Hinter ihren großzügigen Freitreppen, edlen Marmorsäulen und den mit reichlich Ornamenten verzierten Giebeln verstecken sich die Geschichten eines goldenen Zeitalters. Fritz Spalink kennt viele von ihnen. Schon um 1870 hatten sich die Kaiserbäder zu den gefragtesten Seebädern Deutschlands entwickelt. In der „Badewanne Berlins” müssen sich Adel und Aristokratie aus Stettin und der Hauptstadt sehen lassen, wenn sie etwas auf sich halten. Schon damals heißt es, sehen und gesehen werden in der „Sommerfrische” Usedoms. „Im noblen Heringsdorf wohnt der Geldadel. Die Besucher der Ostseeinsel flanieren in feinem, langen Kleid und Anzug zwischen den Strandkörben am breiten Sandstrand – vor der ältesten Seebrücke Westeuropas”, erklärt der Vorsitzende der Historischen Gesellschaft zu Seebad Heringsdorf. Allein an der Badehose wäre der gesellschaftliche Rang des Betreffenden nicht erkennbar gewesen. „Für nur elf Prozent der Bevölkerung war ein Urlaub erschwinglich, also ein großbürgerliches Privileg”, berichtet der ehemalige Kaufmann. Schriftsteller wie Theodor Fontane und Komponisten wie Johann Strauß erholen sich auf dem Eiland. Massentourismus gab es nicht. „Die Insel diente als informeller Treffpunkt von Geschäftsleuten für geheime Abkommen”, so Spalink. Der Bankier Benoit Oppenheim – zu damaligen Zeiten mit einem Vermögen von 7,5 Millionen Mark einer von Berlins Multimillionären – trifft sich in seiner Heringsdorfer Villa – Delbrückstraße 11 – regelmäßig mit anderen Größen der Bankenwelt: 1872 war er gemeinsam mit Usedomer Nachbarn – wie Adelbert Delbrück – am großen Börsenskandal in Berlin beteiligt.

Das damalige Sommerdomizil der Familie Oppenheim ist ein Beispiel der Bäderarchitektur: Die Architekten konnten sich entfalten: Neubarock, Klassizismus, Jugendstil, römische Baukunst. Bauvorschriften gab es um 1870 nicht, dafür Erker und Türmchen. Das neoklassizistische Bauwerk der Oppenheimer mit den mächtigen korinthischen Säulen vor dem Eingang, spiegelt das mondäne Leben der Gründerzeit wider. Der weitläufige Park verschafft ausreichenden Abstand zu den vorbei flanierenden Spaziergängern. Repräsentativ liegt die Villa Oppenheim auf einem Hügel, vom Balkon aus wurde gegrüßt. Von den Nazis enteignet, musste die jüdische Familie 1935 mit ansehen, wie ihr Anwesen als NS-Ortszentrale fungierte. Später verbrachte Stasi-Chef Erich Mielke hier die Sommer.

Zur Glanzzeit jedoch fädeln die Vornehmen große Deals ein, lassen kleine Orchester zum Tanz aufspielen und umgarnen Blaublüter. DieUsedomer Tageszeitung „Bäderbote” gibt kund: „Rittergutsbesitzer Richard Friedrich von Zitzewitz (Witwer) wohnt im Lindemanns Hotel mit seinen unverheirateten Töchtern Heidemarie und Veronika.”

Auch Frau Konsulin Elisabeth Staudt bringt ihre Tochter Auguste Victoria unter die Haube. Rittmeister Wilhelm von Kummer wird ihr adeliger Schwiegersohn.

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