Afrika

Sandige Safari - Unterwegs zu den Wüstentieren Namibias

Dayne Braine fotografiert eine Zwergpuffotter in der Wüste Namibias.

Dayne Braine fotografiert eine Zwergpuffotter in der Wüste Namibias.

Essen.  Safari-Touren der etwas anderen Art bietet Dayne Braine in Namibia an. Statt Elefanten bekommen Urlauber bei ihm Spinnen und Schlangen zu sehen.

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Wie ein Hoteltester sieht Dayne Braine nicht aus, als er mit Sonnenbrille, Cargohose und Kapuzenjacke schnellen Schrittes über die flache Ebene läuft und dabei seinen Schlangenhaken wie einen Spazierstock schwingt. Aber sein Ziel sind auch keine typischen Unterkünfte, sondern zahlreiche knöchelhohe Minidünen. Diese kleinen Inseln im Sandmeer haben sich mit der Zeit um niedrige Büsche herum abgelagert. „Das sind die perfekten Wüsten-Hotels für Tiere, denn sie bieten ihnen eine Schlafstelle, Futter und sehr viel Wasser in den Blättern, das allerdings ziemlich salzhaltig ist.“

Landläufig sind die endemischen Sukkulenten, die in der Namibwüste bis hinauf ins südliche Angola wachsen, als Dollar-Büsche bekannt, weil ihre runden Blätter an Münzen erinnern. Für Braine ist der Hotelgedanke aber auch deshalb naheliegend, weil er Erfahrung im Gastgewerbe hat. Mit seinen Eltern und seinem Bruder Sean lebte er lange in der von der Familie gemanagten Lodge am Rand des berühmten Etosha-Nationalparks. Als diese 2011 abbrannte, zog man nach Swakopmund, um dort als Naturführer zu arbeiten.

Die Auslastungsquote der Wüstenhotels scheint jedenfalls gut zu sein: Erstaunlicherweise bevorzugen Reptilien offenbar Unterkünfte in zentraler und verkehrsgünstiger Lage, denn der erst im Dezember 2010 eröffnete Dorob-Nationalpark liegt in Hör- und Sichtweite der viel befahrenen B2, die die beiden Küstenstädte Walvis Bay und Swakopmund verbindet.

Dollar-Büsche und Wüstenhotels

Als erstes führt uns Braine zu einem Busch, in dem sich eine Namibische Sand-Schlange versteckt hat. Sie ist lang, dünn und sehr schnell, weil sie sich Verfolgungsjagden mit den flinken Wüstengeckos liefert. Nur ein paar Büsche weiter hat sich eine deutlich gedrungenere Gehörnte Puffotter zusammengerollt. Und dann hat unser Guide sein Lieblingstier gefunden, das Namaqua-Chamäleon. Das einzige Chamäleon, das in einer Wüste lebt, lässt sich bereitwillig mit lebenden Würmern füttern, in Reichweite auf den Boden gelegt. Die Beute wird anvisiert, die Muskeln zusammengezogen. So setzt das Chamäleon das Kollagen unter seiner zusammengelegten Zunge unter Spannung, die dann wie ein Pfeil von einer gespannten Bogensehne schnellt: In nur 0,01 Sekunden beschleunigt sie auf eine Geschwindigkeit von fünf Metern pro Sekunde und trifft zielsicher den Wurm.

„Viele Leute denken, die Zunge sei klebrig. In Wirklichkeit verfügt die Zungenspitze über einen Greifmechanismus, ähnlich wie ein Elefantenrüssel, und erzeugt ergänzend einen leichten Unterdruck, der das Beutetier anzieht“, erklärt Braine, bevor wir weiter zu einer Kette von haushohen Sanddünen fahren. Vor einer davon bleibt er stehen – wir sehen nichts. Außer Sand natürlich. Braine hat aber den nahezu komplett verschütteten Eingang zu einer winzigen Höhle entdeckt und mit wenigen Handgriffen den darin verborgenen Palmatogecko ans Tageslicht geholt. Das etwa zwölf Zentimeter lange Tierchen schaufelt sich jeden Tag einen neuen Unterschlupf, dabei sinkt die Temperatur mit jedem Zentimeter, den es tiefer in die Düne vordringt, um etwa ein Grad Celsius. So kann das Reptil, gut geschützt vor der Sonne, entspannt auf die Kühle der Wüstennacht warten.

Runfahren werden variiert

Im Sand verborgen lauert auch die Zwergpuffotter, eine kleinere Verwandte der Gehörnten Puffotter, bis zu drei Wochen lang auf Beute. Nur ihre Augen schauen dann heraus. Kommt ein Beutetier in die Nähe der in der Namibwüste endemischen, circa 20 Zentimeter langen Schlange, steckt sie auch ihre Schwanzspitze aus dem Sand. Diese sieht aus wie eine Klopfkäfer-Larve und bewegt sich zudem hin und her. Interessiert sich das Opfer dafür und kommt näher, schnappt die Schlange zu.

Neben Namaqua-Chamäleon, Palmatogecko und Zwergpuffotter zählen auch der haarige Dickschwanzskorpion und die radschlagende Weißspinne zu den „Little Five“ der Namib-Wüste. Ein Skorpion lässt sich allerdings nirgendwo blicken, stattdessen zeigt sich aber ein Klopfkäfer, auch „Tok-Tokkie“ genannt. Weil es in der Wüste kaum regnet, fängt dieser den lebenswichtigen Nebel auf, indem er sich mit erhobenem Hinterteil auf einen Dünenkamm stellt und sich dann die Tautropfen, die auf seinem Panzer kondensieren, direkt ins Maul laufen lässt. Auf diese Weise kann er bis zu zwölf Prozent seines Eigengewichts an Wasser trinken und 40 bis 60 Gramm davon in seinem Körper speichern.

Die Spinne zeigt Braine auf seinen Touren grundsätzlich nicht mehr, denn beim Ausgraben würde er ihren ein Meter langen Wohntunnel, der mit Seide kunstvoll stabilisiert ist, vollständig zerstören. Für den Neubau ihres Unterschlupfs müsste die kleine Spinne dann etwa zehn Liter Sand bewegen. Das Tier, das auch als „Dancing White Lady“ bekannt ist, weil es zur Paarung mit den Beinen trommelt und so eine Art Tanz aufführt, braucht dafür aber zwei volle Tage und ist in dieser Zeit völlig schutzlos. „Natürlich stören wir auch die anderen Tiere, doch wir versuchen das soweit wie möglich zu begrenzen und variieren deshalb die Rundfahrten. Außerdem ist es ein großer Fortschritt, dass auf den Quadbike-Touren seit der Einweihung des Nationalparks nur noch festgelegte Strecken befahren werden dürfen.“

So wird aus der Maus ein Elefant

Die „Little Five“-Touren in der Namib hat ein langjähriger Freund der Familie Braine in den 1990er Jahren eingeführt. Die Idee dazu stammt jedoch ursprünglich aus der Serengeti, wo die „Big Five“, Löwe, Leopard, Büffel, Nashorn und Elefant, wie in jedem afrikanischen Nationalpark die unangefochtenen Stars aller Pirschfahrten sind. Um die kleinen Bewohner der Wildnis, die eher ein Dasein im sprichwörtlichen Schatten führen, stärker ins Rampenlicht zu rücken, begann man dort damit, zusätzlich Touren zu den tansanischen „Little Five“ – Ameisenlöwe, Leopardenschildkröte, Büffelweber, Nashornkäfer und Elefantenspitzmaus – anzubieten.

Inzwischen starten auch in Namibia nahezu jeden Vormittag, wenn die Spuren der Wüstenbewohner, die in der Nacht unterwegs waren, noch gut im Sand zu erkennen sind, die „Little Five“-Touren in den Dorob-Nationalpark. Der Name bedeutet in der Stammessprache der Topnaar „Wasser, das im Sand versinkt“. In Zukunft soll das Schutzgebiet im geplanten Großnationalpark, der fast die gesamte Küste Namibias umfassen wird, das Bindeglied zwischen dem Skelettküsten-Nationalpark im Norden und dem Namib-Naukluft-Nationalpark im Süden bilden. Dann stehen die „Little Five“ auch geografisch immer im Mittelpunkt.

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