China

Hühnerfüße zum Frühstück

Foto: NRZ

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Von Yulin nach Xi'an: Unterwegs im touristischen Niemandsland Zentralchinas

Wer nach Yulin will, muss verdammt früh aufstehen. Von Peking aus gibt es genau eine Flugverbindung pro Tag, und die erst seit knapp einem Jahr. Die Maschine startet kurz nach sieben Uhr und steuert südwestlichen Kurs. Anderthalb Stunden später landet man im Herzen Chinas - und damit gleichsam mitten im erstaunlichen touristischen Niemandsland.

Das zeigt sich schon daran, wer noch mit im Flieger sitzt. Ein paar Handvoll Chinesen sind an Bord und - außer unserer kleinen Gruppe - ein weiterer Deutscher. Der Anlagentechniker, der in der Dreimillionen-Einwohner-Stadt für eine deutsche Firma im Einsatz ist, fragt mit süffisantem Unterton: „Was will man eigentlich als Tourist in Yulin?”

Gute Frage.

Yulin spielt in den gängigen Touristikführern durch dieses Riesenreich - wenn überhaupt - tatsächlich eine untergeordnete Rolle. Aber was will man auch von einer Stadt erwarten, die man, glaubt man der Dolmetscherin, mit dem Begriff „Hirsefett” übersetzen könnte? Jedoch genau darin besteht der Reiz dieser Entdeckungsreise. In Yulin kommt man selbst im soeben eröffneten Luxushotel „Rising Dragon” mit seinen Englischkenntnissen nicht mal im Frühstückssaal weiter (hier gibt's denn auch morgens schon für die ganz Hartgesottenen gebratene Hühnerfüße). Und man kann durch diese Stadt bummeln, ohne dauernd eine gefälschte Rolex oder halbseidene Massagen angeboten zu bekommen, wie einem das zumindest in den touristischen Brennpunkten Chinas durchaus passiert.

Die Menschen hier staunen noch über die Langnasen-Wessis, die sich auf ihre Einkaufsmeile verirrt haben. Manche winken freundlich, andere hupen einen durchaus rustikal mit ihrem Moped zur Seite. Es riecht lecker nach Garküchen, Marktschreier preisen ihre Waren, das ist chinesischer Alltag.

Es ist kalt hier oben auf 1500 Metern über dem Meer, gut zehn Grad unter dem Level von Peking pendeln sich die Temperaturen ein. Der Wind pfeift durch die von Kohle-, Gas- und Ölindustrie geprägten Straßen. Mit viel gutem Willen könnte man die Gegend um Yulin wildromantisch nennen. Die Lößplateauebene rundherum ist wüst und unwohnlich, so, als ob sie nicht richtig entscheiden könnte, ob sie nun Mond oder Nordseedüne sein will. Man könnte hier auch die nächste Star-Wars-Episode drehen.

Aber sie hat auch kulturgeschichtlich Interessantes zu bieten. Zum Beispiel den ersten Wachturm der großen Mauer, 1607 gebaut, in der Ming-Dynastie, zum Schutz gegen die heranstürmenden Mongolenhorden. Der „Zhenbeitai”-Turm ist ein Klotz von 30 Metern Höhe, der in der Steppe dem eisigen Wind trotzt. Wenn man Glück hat und am richtigen Tag zur Besichtigung schreitet, wird man vor seinen Mauern von einem Volkstanz der örtlichen Bauerntruppe ins Wippen gebracht.

Bei Yulin findet sich auch das Tal der roten Felsen. Besonders nachmittags erscheint diese von Erosion bedrohte ehemalige buddhistische Tempelanlage in wunderschönem Licht. Schade nur, dass die originalen Buddha-Statuen allesamt in der Kulturrevolution zerstört wurden und man mit Nachbildungen vorlieb nehmen muss. Die Fahrt geht weiter auf erstaunlich gut ausgebauten Landstraßen gen Süden, in Richtung Yan'an, immer entlang einem Nebenarm des Gelben Flusses. Auf den Kohlfeldern kann man Bauern und ihrem Lastochsen bei der Arbeit zusehen.

Und plötzlich ist man in Mi-zhi. 300 000 Menschen leben in der Kreisstadt, für chinesische Verhältnisse ein provinzieller Anger. Hier sollte man die wunderbare ehemalige Residenz des Bauernführers Li Zicheng besichtigen. Der Mann hat im 17. Jahrhundert immerhin die Ming-Dynastie per Revolte beendet, wurde allerdings kurz darauf selbst von den Mandschuren gemeuchelt, gerade 39 Jahre alt.

Noch so eine Geheimtipp: der Tempel am schwarzen Drachenteich in Chen-thuan, einem Nest an der Landstraße. Die Schönheit dieses versteckten, hinter den Fels geduckten taoistisch angehauchten Tempels mit seiner heiligen Wasserquelle und einem Orakel, das per nummerierter Briefchen (und kleiner Geldspende) vermeintlich die Zukunft voraussagen kann, liegt in der meditativen Stimmung, den er ausstrahlt. Zwar ballern die Besucher, bevor sie den Tempel betreten, noch reichlich Feuerwerk zum Ruhme der Götter in den blauen Himmel. Aber weiter hinten wird's still. Glöckchen bimmeln leise im Wind. Der Duft von Räucherstäbchen weht über die weitläufige Anlage. Fehlt nur noch der Blick auf den Everest...

Das Mittagessen servieren die Bauern von Liujiamao. Die Familie lebt am Fuße eines Höhlenhofes aus dem 19. Jahrhundert. Man hockt vor dem Ehebett auf flachen Plastikstühlen. Es gibt gezuckerte Apfelstücke, Tofu, Gemüse, in Schnaps eingelegte Datteln. Man könnte darauf kommen, von einem Gastmahl bei Höhlenmenschen zu fabulieren, wäre da nicht die Tochter des Hauses, die plötzlich ihr modernes Handy aus der Tasche zieht und gibbelnd die ungewohnten Gäste fotografiert...

Knapp 700 Kilometer geht die Reise durch die Provinz, zum Teil über autobahnähnliche Pässe, die verschneit sind. Irgendwann wird's deutlich flacher und auch milder. Und dann landet man unweigerlich in Xi'an. Hier endet auch definitiv die Reise durchs touristische Niemandsland. Der Bus stoppt auf dem Parkplatz vor den Hallen der sagenhaften Terracotta-Armee. Die ersten fliegenden Händler stürmen auf die Aussteigenden zu. Sie haben falsche Rolex-Uhren im Angebot.

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