Schalke

Ruhnert über Schalkes Absturz: „Wie ist das möglich?“

Ein Stürmer, den auch Schalke hätte gut gebrauchen können: Max Kruse (links). Oliver Ruhnert (rechts) hat mit Union Berlin auf dem Transfermarkt offensiver agieren können als Schalke 04.

Ein Stürmer, den auch Schalke hätte gut gebrauchen können: Max Kruse (links). Oliver Ruhnert (rechts) hat mit Union Berlin auf dem Transfermarkt offensiver agieren können als Schalke 04.

Foto: Annette Riedl / dpa

Gelsenkirchen.  Union-Sportchef Oliver Ruhnert ist Schalke-Mitglied. In der WAZ spricht er über das Spiel am Sonntag und Fehler, die zum Absturz von S04 führten.

Der Besuch an diesem Sonntag auf Schalke ist für ihn eine Ehrensache – schon morgens um 11 Uhr. Dann wird sich Oliver Ruhnert (48) im Parkstadion das U19-Derby zwischen Schalke 04 und Borussia Dortmund ansehen – „ich muss doch meinem alten Freund Norbert Elgert die Daumen drücken“, sagt Ruhnert, der bis 2017 der Leiter der Knappenschmiede war. Eigentlich ist er am Sonntag jedoch aus anderem Anlass im Revier: Mit seinem aktuellen Verein Union Berlin tritt er um 18 Uhr in der Veltins-Arena gegen die Schalker Profis an. Der Iserlohner Ruhnert ist Geschäftsführer Sport der Eisernen und leistet dort einen viel beachteten Job.

Herr Ruhnert, Ihre Transferpolitik in diesem Sommer war bemerkenswert – unter anderem haben Sie Ex-Nationalspieler Max Kruse verpflichtet. Einen Stürmer, den Schalke sicher auch hätte gut gebrauchen können.

Oliver Ruhnert Das stimmt. Bei Max Kruse haben wir das Momentum genutzt und ihn verpflichtet, als im Sommer ein kleines Fenster für uns aufging. Dass das klappt, konnten sich am Anfang nicht viele vorstellen – Max wahrscheinlich auch nicht...

Es ist schon auffällig, dass Union im zweiten Jahr in der Bundesliga auf dem Transfermarkt offensiver agieren konnte als Schalke 04.

Das kann man so sehen. Wir hatten allerdings auch die Notwendigkeit, weil wir viele Spieler verloren haben und unsere Mannschaft durch Neuzugänge wieder wettbewerbsfähig bekommen mussten. Und wir haben kaum Ablösesummen ausgeben können.

„Wir sind auf Schalke Außenseiter - das ist nicht wegzudiskutieren“

Dennoch haben Sie mit vier Punkten aus drei Spielen einen guten Saisonstart erwischt, während Schalke in tiefer Depression steckt. Als Außenseiter treten Sie am Sonntag nicht in der Arena an.

Doch, wenn Schalke gegen Union spielt, sind wir der Außenseiter – das ist nicht wegzudiskutieren. Unser Gegner ist immer noch Schalke 04 und hat mit Spielern wie Uth oder Sané einen Kader, der immer noch gut genug ist. Dass die Mannschaft für die Niederlagen in München und Leipzig viel auf die Nase bekommen hat, steht außer Frage, aber am Ende werden dort auch 90 Prozent aller anderen Mannschaften ihre Spiele verlieren. Was Schalke nicht passieren durfte, war die Heimniederlage gegen Werder Bremen. Wir müssen am Sonntag unseren verletzten Abwehrspieler Nico Schlotterbeck ersetzen, den wir vom SC Freiburg ausgeliehen haben – dafür haben wir keinen Mann wie Nastasic auf der Bank. Was das Budget betrifft, sind wir gemeinsam mit Bielefeld mit weitem Abstand am Ende des Tableaus – das ist einfach Fakt.

Fakt ist aber auch, dass Schalke mit drei Niederlagen und 15 Gegentoren den schlechtesten Saisonstart in der Geschichte der Bundesliga hingelegt hat. Wie erklären Sie sich das?

Aus der Sicht eines Schalke-Mitglieds sage ich: Manche Dinge wurden ohne Fingerspitzengefühl behandelt – das hat Alexander Jobst ja zuletzt auch eingeräumt. Aber ich glaube, dass Schalke jetzt aus den Fehlern gelernt hat. Für mich ist es eine Frage der Zeit, wann dieser Kader wieder seine Qualität abruft. Schalke ist jedenfalls nicht einer der drei Vereine, die ich in meiner Kalkulation für diese Saison hinter uns sehe. Aber das Gute ist: Der Fußball ist auch nicht kalkulierbar – darauf hoffen wir am Sonntag.

Was halten Sie von Schalkes neuem Trainer Manuel Baum?

Ich kenne Manuel als Trainer, der vor allem taktisch gut ist. Entscheidend wird sein, dass er seinen Weg gehen kann auf Schalke, wo traditionell viele dazu neigen, Einfluss nehmen zu wollen.

Zu viele Schalke-Fehler nach dem Abschied von Horst Heldt

Sie haben selbst erwähnt, dass Sie noch Schalke-Mitglied sind: Wie nah geht Ihnen der Niedergang von Schalke, wo Sie ja viele Jahre gearbeitet haben?

Das tut schon weh. Man sitzt manchmal schon da und denkt: Wie ist das möglich? Ich wünsche mir wirklich, dass sie aus dieser Situation wieder herauskommen. Nach dem Spiel gegen uns sollen sie alles gewinnen – das wäre für Schalke genau der richtige Zeitpunkt... (Anmerkung der Red.: Das nächste Spiel danach ist in Dortmund).

Wenn Sie selbst überlegen wie Schalkes Niedergang möglich war – zu welcher Antwort kommen Sie dann?

Es wurden in den vergangenen Jahren einfach viel zu viele falsche Entscheidungen getroffen. Es wurde zu wenig über Fußball gesprochen und zu viel über Kooperationen oder alles Mögliche andere. Solange man über Fußball gesprochen hat, waren wir erfolgreich.

„Große Hoffnungen in Jochen Schneider, der Schalke befrieden kann“

Können Sie den Wendepunkt zeitlich eingrenzen?

Mit dem Abschied von Horst Heldt hat ein Umdenken im Verein eingesetzt – bis dahin war es eine überragende Zeit mit x-mal Champions League und großen Erfolgen in der Nachwuchsarbeit. Der Zusammenhalt des Klubs scheint mir verlorengegangen – Werten wie Tradition und Familie, auf die wir gesetzt haben, wurde nach meinem Eindruck aus der Distanz nicht mehr so viel Bedeutung beigemessen. Horst Heldt hatte diesen Verein verstanden. Aber ich setzte große Hoffnungen in Jochen Schneider, der auf seine Art versucht, das wieder zu befrieden.

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