Interview

Degenkolb über Paris-Roubaix: „Ich liebe dieses Rennen“

John Degenkolb ist vor dem Radsportklassiker Paris-Roubaix zuversichtlich.

John Degenkolb ist vor dem Radsportklassiker Paris-Roubaix zuversichtlich.

Foto: dpa

Essen.  John Degenkolb startet am Sonntag beim Klassiker Paris-Roubaix. Der Radprofi erinnert sich an einen der schönsten Momente seiner Karriere.

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Ganz Frankreich lag sich in den Armen. Die stolze Nation hatte es geschafft, sie war Fußball-Weltmeister. In Roubaix, einer Stadt nahe Lille, feierten die Menschen am 15. Juli 2018 umschlungen den großen Titel auf einem kleinen Fussballplatz. John Degenkolbs Glück war zu diesem Zeitpunkt an genau diesem Ort längst vollkommen. Er hatte, nach den vielen Verletzungen, nach den seelischen Schmerzen, die der Tod eines nahen Freundes ihm bereitet hatte, seinen Frieden gefunden, hier, in der Hölle des Nordens. Bei seiner sechsten Tour de France gewann der 30-jährige Thüringer seine erste Etappe, natürlich in Roubaix, dem magischen Ort in Degenkolbs Radsport-Leben. 2015 fuhr er hier als erst zweiter Deutscher zum Sieg. An diesem Sonntag könnte er dieses Kunststück wiederholen.

Herr Degenkolb, 2018 sorgten Sie aus deutscher Sicht für den emotionalsten Moment bei der Tour de France. Wie oft denken Sie noch an den Sieg auf der 9. Etappe nach Roubaix zurück?

John Degenkolb: Um ehrlich zu sein - gar nicht so oft, auch wenn es jetzt im Vorfeld der Auflage 2019 wieder mehr in den Vordergrund rückt. Werde ich allerdings bei Interviews darauf angesprochen, dann sind die Emotionen sofort wieder da. Gänsehaut. Das war schon der Wahnsinn und einer der schönsten Momente meiner Karriere. (lacht)

Im Ziel fielen Ihnen die Mannschaftskollegen um den Hals, sie wurden umringt von Fotografen, sie zeigten in den Himmel mit dreckverschmiertem Gesicht. Welcher Moment hat sich bei Ihnen besonders eingebrannt?

Degenkolb: Da kam so viel zusammen. Der Druck fiel ab. Viele hatten mich ja schon abgeschrieben und dann das. Zeitgleich dachte ich an einen sehr engen guten Freund, der im Jahr zuvor gestorben war und dem ich sehr viel zu verdanken hatte – und dann kam das ganze Team, ohne das so ein Sieg gar nicht möglich wäre. Dazu war mein Vater im Zielbereich, Freunde, Kollegen – ein Moment, den ich auch nicht vergesse ist: der krasse Jubel aus dem Velodrom, als ich zwei Stunden später endlich zurück zum Mannschaftsbus kam. Frankreich war gerade Weltmeister geworden und die Begeisterung war überall noch mal riesig. Das alles, die Königsetappe der Tour, das WM-Finale – daran werde mich bestimmt mein Leben lang erinnern.

Wie erklären Sie sich, dass Sie ausgerechnet auf dem rauen und gefährlichen Pflaster solche Geschichten schreiben?

Degenkolb: Das muss Liebe sein! Im Ernst – ich liebe dieses Rennen. Das kann ich nicht erklären. Ich habe schon als Kind vor dem Fernseher mitgefiebert und als ich dann das erste Mal tatsächlich dabei war, war klar: Das ist für mich eines der geilsten Rennen, Radsport pur, mehr geht nicht. Übrigens war das auch ein Grund, das Junior-Rennen zusammen mit vielen Fans zu unterstützen: der Nachwuchs soll erleben, was Radsport wirklich heißt.

Als Botschafter der Unterstützer-Gruppe „Les Amis de Paris-Roubaix“ haben Sie angekündigt, dem Museum Erinnerungsstücke zu überlassen. Ist es dazu bereits gekommen?

Degenkolb: Leider habe ich mit den Amis de Paris-Roubaix noch keinen Termin im Velodrom gefunden, der Rennkalender ist ja sehr voll bei uns. Aber das ändern wir nächste Woche und ich freue mich, sie alle im Velodrome zu treffen. Es ist unglaublich, was die ehrenamtlich das ganze Jahr über leisten und ich bin froh, als Botschafter wenigstens ein kleines bisschen zurückgeben zu können. Aber was letztendlich dort im Museum landet, wird im Vorfeld noch nicht verraten.

Bei Gent-Wevelgem sind sie Zweiter geworden, bei der Flandern-Rundfahrt 29. Wie schätzen Sie ihre Form für den Klassiker am Sonntag ein?

Degenkolb: Das sind zwei komplett unterschiedliche Strecken, deshalb sind die Ergebnisse auch nur bedingt aussagekräftig für Paris-Roubaix. Die Ronde ist schon sehr bergig und es ist kein großes Geheimnis, dass mir flachere Strecken besser liegen, zudem bin ich da wohl auch etwas zu offensiv gefahren im Finale und habe ein paar Körner zu viel liegen lassen. Aber auf dem Pflaster und im Flachen habe ich mich am Sonntag echt gut gefühlt, die Form stimmt, Roubaix hat keine Berge, viel Pflaster also: Ballern! Dementsprechend freue ich mich darauf und dann schauen wir mal.

Und wer sind die Favoriten?

Degenkolb: Das werden ja immer mehr! Echt schwer zu sagen, die üblichen Verdächtigen plus Fahrer, die draußen vielleicht noch gar keiner auf der Uhr hat – so wie jetzt bei der Ronde. (grinst).

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