Interview

Eishockey-Experte Goldmann mit Lob für NHL-Star Draisaitl

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Essen  Am Samstag beginnt für Deutschland die Eishockey-WM. Sport1-Experte Rick Goldmann im Interview über Stars, Chancen und den Bundestrainer.

Für Rick Goldmann hört die Eis-Zeit nie auf. Praktisch das ganze Jahr verfolgt der frühere Eishockey-Nationalspieler das Geschehen in der Szene – egal ob Transfers, DEL, NHL oder internationale Endrunden. Der 43-Jährige, einst bei den Iserlohn Roosters und Moskitos Essen am Puck, ist zur Stimme des Eishockeys geworden. Am Mikro kommentiert er die WM und am Samstag den Auftakt der deutschen Nationalmannschaft gegen Großbritannien (16.15/Sport1.) Vor der Kamera wird in der zehnteiligen Doku „N.ICE – Goldis Eishockey-Welt“ zu sehen sein. Uns erklärt er schon jetzt, wie stark Leon Draisaitl ist und was den neuen Bundestrainer Toni Söderholm ausmacht.

Herr Goldmann, am Samstag startet die Nationalmannschaft gegen Großbritannien in die WM. Als Ziel wurde das Viertelfinale ausgegeben. Ist das realistisch?

Rick Goldmann: Der Kader hat das Potenzial fürs Viertelfinale – entscheidend sein werden die ersten Spiele in der Gruppe, da geht es gegen die Nationen, die du hinter dir lassen musst: Großbritannien, Dänemark, Frankreich und dann gegen Gastgeber Slowakei. Das ist dann schon ein bisschen wie ein Endspiel um das Viertelfinale.

Der neue Bundestrainer Toni Söderholm kann auf zahlreiche NHL-Stars zurückgreifen. Können sie das Team trotz kurzer Vorbereitungszeit verstärken?

Goldmann: Ich glaube, dass die NHL-Spieler eine Wahnsinnsbereicherung sind. Leon Draisaitl war der viertbeste Scorer in der NHL. Er hebt allein durch seine Anwesenheit die Nationalmannschaft auf ein höheres Level. Dazu kommen noch so ein spielstarker Spieler wie Dominik Kahun und Verteidiger Korbinian Holzer, der seit Jahren auf Topniveau spielt.

Vor allem Leon Draisaitl steht vor der WM im Fokus. Söderholm warnt davor, ihm nicht alle Verantwortung aufzubürden.

Goldmann: Das sehe ich genauso. Eishockey ist ein Mannschaftssport. Der Kader ist insgesamt stark. In der Offensive sticht Leon Draisaitl besonders heraus, aber letztendlich brauchst du alle Spieler, die auf dem Eis sind. Leon kann vielleicht den Unterschied machen, aber da sind noch 21 andere plus drei Torhüter, die ihre Leistung bringen müssen.

Mit 50 Treffern hat er in der NHL nur ein Tor weniger gemacht als Weltstar Alexander Owetschkin. Wo ordnen Sie Draisaitl in der Weltspitze ein?

Goldmann: Wenn man sieht, wie er sich entwickelt hat, wie er auch als Persönlichkeit gereift ist, wie ehrgeizig und mental stark er mittlerweile ist, dann muss man sagen, dass zu den größten Eishockey-Persönlichkeiten gehört, die es international gibt. Er ist ziemlich sicher der beste Eishockey-Spieler, den Deutschland je hervorgebracht hat … nein, nochmal: Er ist der beste Spieler, den Eishockey-Deutschland jemals hatte.

Viel diskutiert wurde über die Ernennung des jungen Toni Söderholm als Bundestrainer. Geht der DEB damit ein Wagnis ein?

Goldmann: Ich glaube, es war schnell klar, dass Söderholm keine Alternative ist, sondern sie mit ihm arbeiten möchten. Eishockey ist schneller und spielstärker geworden, Söderholm soll das umsetzen und dafür hat er sich auch seinen Kader ausgesucht. Er soll das moderne Eishockey spielen lassen und jetzt müssen wir mal schauen, ob das bei der WM klappt. Für mich war Söderholm eine verständliche, logische Lösung nach Marco Sturm.

Folgt der DEB damit einem Trend zu jungen Trainern?

Goldmann: Auf der Coachingposition in der NHL hat sich einiges verändert. Die Trainer sind deutlich moderner und jünger geworden. Man sieht, dass auch international viele junge Trainer am Zug sind. Es ist eine neue Generation – da passt Söderholm rein und diesen Weg geht der DEB.

Im Fußball gibt es für solche Trainertypen den Begriff „Laptoptrainer“.

Goldmann: Jede Sportart entwickelt sich alle zehn Jahre neu, zum Teil verändert sie sich von der Spielweise. Eishockey ist deutlich athletischer geworden, die neue Generation zwischen 18 und 25 Jahren werden anders geführt. Kommunikation ist inzwischen sehr wichtig. Dementsprechend macht es Sinn, dass neue Trainer nachkommen, die ein Gefühl dafür haben.

Die Olympischen Spiele haben mit dem Gewinn der Silbermedaille Deutschland elektrisiert. Im Vergleich dazu war die letzte WM mit Platz elf ein Stimmungskiller. Steht Söderholm gleich bei seinem ersten Turnier unter Druck?

Goldmann: Da muss man aufpassen: Bei Olympia war kein einziger NHL-Spieler dabei, die Weltmeisterschaft dieses Jahr ist deutlich besser besetzt. Aber natürlich ist es so, dass Söderholm jetzt auch einen besseren Kader zur Verfügung hat, weshalb das Viertelfinale drin ist. An dem Ziel wird er letztlich auch gemessen.

Beim Handball oder Fußball ist es völlig normal, dass die besten Spieler bei Weltmeisterschaften antreten. Warum klappt das nicht im Eishockey?

Goldmann: Grundsätzlich ist das vom Spielplan her nicht möglich, weil die NHL erst im Juni zu Ende ist. Das kann man mit den europäischen Ligen nicht angleichen. Aber der Stellenwert von Weltmeisterschaften ist deutlich gestiegen, insbesondere in Nordamerika. Kanada und USA schicken mittlerweile regelmäßig ihre Topstars. Dieses Jahr ist die WM schon wahnsinnig stark besetzt.

Bist du mit der öffentlichen Wahrnehmung des Eishockeys zufrieden?

Goldmann: Wenn man vergleicht, wo Eishockey mal war – in der Bedeutungslosigkeit – und wo es jetzt ist, kann man absolut zufrieden sein. Die Aufmerksamkeit hat deutlich zugenommen und das hat damit zu tun, dass es öffentlich empfangbar ist. Es geht in die richtige Richtung, und das liegt vor allem an der Nationalmannschaft. Sie ist das Zugpferd des deutschen Eishockeys.

Nach Olympia konnte man das Potenzial gut beobachten.

Goldmann: Nichts gegen Fußball – aber Eishockey ist viel dynamischer. Jeder, der das erste Mal in der Halle ist, ist begeistert, wie viel da auf dem Eis passiert. Dazu kommt, dass die Eishockeyspieler nicht abgehoben sind. Das sind ganz normale Menschen, die keine Vorgaben haben, was sie sagen sollen. Dadurch ist das Ganze schön zu transportieren.

Normale Menschen, die an jedem Tag spielen können.

Goldmann: Das stimmt. Die Nationalmannschaft hat zu Beginn vier Spiele in fünf Tagen. Aber man darf nicht den Fehler machen und das beispielsweise mit Fußball vergleichen. Das ist eine ganz andere Belastung. Wir wechseln nach 40 Sekunden Vollgas durch. Dann geht‘s kurz runter, du kannst durchatmen und weiterspielen. Trotzdem ist es in den Playoffs in den Overtimes eine wahnsinnige Belastung und geht an die Substanz des Eishockeyspielers. Grundsätzlich ist er diese Art Belastung aber von Kleinauf gewohnt und trainiert dementsprechend im Sommer.

Man bleibt im Rhythmus.

Goldmann: Natürlich. Du trainierst weniger und spielst mehr. Dann kommst du in einen Flow und die Dinge passieren von alleine. In der Phase kannst du dich sehr gut auf dich verlassen.

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