Fußball

DAZN-Chefredakteur: Wir haben keine Angst vor der Bundesliga

Sportlicher Typ: DAZN-Chefredakteur  Michael Bracher .

Sportlicher Typ: DAZN-Chefredakteur Michael Bracher .

Foto: Lennart Preiss

München.  DAZN überträgt am Freitag das Spiel von Borussia Dortmund in Köln. Ein Ortsbesuch in der Deutschland-Zentrale des Streaming-Dienstes.

In Ismaning ist die Welt noch in Ordnung. Wo sich andere Städte an Bahnhöfen mit Vandalismus und Kriminalität beschäftigen, schlägt sich die Deutsche Bahn am Bahnhof Ismaning mit wildgewordenen Luftballons herum. Ein Hinweisschild verbietet das Mitführen dieser gemeingefährlichen Dinger. Probleme, die man haben will.

Sendezentrale inmitten grüner Felder

Wenige Kilometer weiter, am Ismaninger Biomarkt und an grünen, saftigen Feldern vorbei, arbeiten die, die sich vorgenommen haben, die bestehende Ordnung zu erschüttern. Der Streamingdienst DAZN überträgt seit dieser Saison Spiele der Fußball-Bundesliga. Nach dem Eröffnungsspiel gibt er am Freitag seine Exklusiv-Premiere: Wenn der 1. FC Köln gegen Borussia Dortmund spielt (20.30 Uhr), werden alle genau hinschauen.

Fester Glaube an das neue Format

Um das Gebäude von DAZN im Medienpark Ismaning zu finden, muss man nicht genau hinschauen. Ein großes Plakat macht klar, dass in dem modernisierten Bürogebäude nicht irgendein Teleshopping-Kanal ansässig ist. Michael Bracher macht da schon eher Eindruck. Der 52-Jährige ist „SVP Content Northern Europe“. Andere würden sagen, er ist der Chefredakteur. Bracher, kräftig, braun gebrannt, tätowiert, ist ein Typ, der vor einem Alpenpanorama für die neue Harley-Davidson werben könnte – oder für ein Kreditinstitut, das den „Kids“ erzählt, sparen sei „cool“. Brachers Adressaten sind die Erwachsenen, denen er täglich beweisen will, dass streamen cool ist. Bracher glaubt nicht, dass das klassische TV bald verschwindet. „Ich bin mir aber sicher, dass es in den nächsten Generationen nicht mehr die Nummer eins sein wird.“ Er mag den Vergleich mit dem Handy. „Am Anfang gab es auch große Skepsis, und dann hat sich das Mobiltelefon durchgesetzt. Heute hat jeder eins.“

DAZN hat bereits Erfahrung mit der Champions League

Streaming. Das ist keine Weltneuheit, aber dass die Bundesliga, die deutsche Schwergewichtsklasse der Sportrechte, digital auf Handys oder Smart-TVs ausgestrahlt wird, schon eher. Vor zwei Jahren öffnete der Eurosport-Player den digitalen Weg. Der Spott war groß, als bei der Premiere das Bild ruckelte. DAZN, dessen Mutter die britische Perform Group ist, will es besser machen und hat sich eine Sublizenz von Eurosport gesichert. „Wir haben keine Angst vor der Bundesliga“, sagt Bracher und verweist auf die Erfahrung mit der Übertragung der Champions League. 30 Freitags-, je fünf Sonntags- und Montagsspiele, sowie den Supercup und die Relegationspartien stecken in dem Paket, für das Eurosport einst 70 Millionen Euro gezahlt haben soll. Zum Deal gehört, dass DAZN auch Eurosport-Inhalte ausstrahlt. Und damit zum größten Anbieter von Live-Sport in Deutschland wird.

Möglich macht das eine aggressive Preispolitik. Die Perform Group hat begehrte Rechte, der Abopreis bleibt aber vergleichsweise niedrig. Ob sich das rechnet? DAZN macht dazu keine Angaben, aber es ist bekannt, dass das Unternehmen dem russischen Milliardär Leonard Blavatnik gehört.

Tischtennis-Turnier im Innenhof

Fest steht dagegen, dass bei DAZN auffallend junge Menschen arbeiten. „Im redaktionellen Bereich haben wir einige sehr erfahrene Mitarbeiter. Ansonsten liegt der Altersschnitt bei etwa 25 Jahren.“, sagt Bracher, der sich selbst zu den alten Hasen zählt. Fast klischeehaft, dass draußen im Innenhof zwei Jungen in T-Shirts Tischtennis spielen, und die „Meeting Rooms“ Maracana, Wembley und Volksparkstadion heißen. „Wir leben Sporthier. Wir lieben ihn und schicken ihn auch so auf die Plattform“, sagt Bracher.

Der wichtigste Raum allerdings heißt einfach nur PCR, Production Control Room, und kann nur mit Zugangskarte betreten werden. Hier werden Audio- und Tonspuren aus der Welt zusammengeführt. Von hier steuern die Mitarbeiter, was auf die Plattform kommt: Bundesliga, chinesische Liga, Football aus den Staaten, Tennis aus der Welt.

Dazu können in 15 Räumen in der Deutschland-Zentrale können Spiele kommentiert werden. Bei der Bundesliga sind mehrköpfige Teams und auch die Kommentatoren draußen, bei anderen Events wie der Europa League nicht.

Viel Sport mit wenig Aufwand

Man könnte dieses Konzept sparsam nennen. 200 bis 300 Mitarbeiter, sagt ein Unternehmenssprecher, habe DAZN in Ismaning und Berlin, wo die PR-Abteilung sitzt. Der Konkurrent Sky aus dem fünf Kilometer entfernten Unterföhring hat rund 1200. DAZN überträgt mit wenig Aufwand viel Sport.

„Wir vertrauen auf unser Gespür, die richtigen Entscheidungen zu treffen, um die Emotionen, die Leidenschaft für den Sport rüberzubringen“, sagt Bracher. Keine langen Werbeblöcke, keine ausufernden Analysen vor dem Spiel, Experten aus der zweiten Reihe. „Bei uns kommentieren Experten die Spiele, die vielleicht nicht jeder kennt, die das aber mit Leidenschaft machen. Ich konnte die Phrasen der alteingesessenen Experten irgendwann nicht mehr hören. Wir haben Experten mit Emotionen und Leidenschaft.“

Das Luftballon-Verbot am Bahnhof in Ismaning bleibt bis Ende des Jahres bestehen. Jemand muss es übertrieben haben. Vielleicht die DAZN-Mitarbeiter, als ihnen der Bundesliga-Deal eröffnet wurde. Aber das sind nur Spekulationen an einem Ort, an dem die Welt in Ordnung ist. Noch.

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