Interview

Marcel Reif: „Der Profifußball insgesamt steht am Scheideweg“

Marcel Reif arbeitete von 1999 bis 2016 als Kommentator bei Sky. Auch Spiele zwischen dem FC Bayern München und Borussia Dortmund begleitete er häufig.

Marcel Reif arbeitete von 1999 bis 2016 als Kommentator bei Sky. Auch Spiele zwischen dem FC Bayern München und Borussia Dortmund begleitete er häufig.

Foto: imago

Dortmund.  TV-Experte Marcel Reif spricht über die Lage der Bundesliga, den FC Bayern auf Identitätssuche – und das Topspiel am Samstag gegen Dortmund.

Große Fußballspiele hat Marcel Reif in seinem Leben viele gesehen: Erst im Juni kommentierte er für den Schweizer TV-Sender Teleclub das Champions-League-Finale zwischen dem FC Liverpool und Tottenham Hotspur. Auch Spiele zwischen Bayern München und Borussia Dortmund hat er häufig begleiten dürfen, unter anderem 2013 im Endspiel der Königsklasse. Am Sonntag spricht er ab 11 Uhr als Experte in der Sport1-Sendung Doppelpass über die aktuelle Auflage des Spitzenspiels (Sa., 18.30 Uhr/Sky). Ein Interview über Bayern auf Sinnsuche, das Aus von Niko Kovac, die (fehlende) Qualität der Bundesliga – und den deutschen Fußball am Scheideweg.

Herr Reif, welche Erwartungen haben Sie an das Topspiel?

Marcel Reif: Ein ganzes Bündel. Normalerweise wird die Meisterschaft nicht in solchen Spielen entschieden, sondern gegen die kleinen Klubs. Aber diese Haltung können sich beide derzeit nicht leisten, weil sie gegen die Kleinen schon eine Menge Punkte gelassen haben. Deswegen ist das jetzt ein Spiel, in dem es um eine Menge geht.

In der vergangenen Saison hat der BVB einmal gewonnen und wurde einmal zerlegt. Und dieses Mal?

Reif: Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht. Es gibt so viele Fragen zu diesem Spiel: Stabilisieren sich die Bayern? Olympiakos Piräus war ja bei allem Respekt nicht die Nagelprobe schlechthin. Es wird mehr brauchen gegen Dortmund. Die wiederum hatten gegen Inter Mailand schon ein Endspiel in der Champions League, das viele Körner gekostet hat. Es täte mich wundern, wenn das Spiel glanzvoll wird und alle entspannt all ihr Können abrufen.

Bayern hat sich von Trainer Niko Kovac getrennt. Waren Sie überrascht vom Zeitpunkt?

Reif: Dass es schon seit ein paar Wochen eine Mission Impossible für Kovac war, konnte man ahnen. Weil ich ihn als Menschen sehr schätze, bin ich sogar froh für ihn, dass der Druck weg ist. Mir wird dieses Wort oft zu schnell benutzt, aber in diesem Fall war sehr gut nachzufühlen, was Druck bedeutet. Ich halte es für eine der besseren Entscheidung der Bayern seit geraumer Zeit. Denn sie haben nicht nur nach Ergebnissen entschieden, sondern reagiert, bevor die Saisonziele in Gefahr geraten. Der Zeitpunkt war vielleicht für manchen überraschend, aber er war genau der richtige.

Warum sprechen Sie von einer Mission Impossible?

Reif: Er hatte nie den vorbehaltlosen Rückhalt der gesamten Chefetage. Und bei der Mannschaft sah man keine Entwicklung. Wenn man in Frankfurt 1:5 verliert, auch mit zehn Mann – dann glaubt sie offensichtlich auch nicht an ihren Trainer. Und das ist das Entscheidende. Wenn du das Gefühl hast, dass die Mannschaft nicht alle Dinge umsetzt, die der Trainer vorgibt, dann kann es nicht weitergehen.

Wenn sich eine Trainerdiskussion über ein Jahr hinzieht, hat aber auch die Klubführung Fehler gemacht.

Reif: Natürlich. Uli Hoeneß als Präsident wollte Kovac, der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge nicht – und hat den Trainer mit seinen öffentlichen Aussagen sicher nicht gestärkt. Das war schon der Geburtsfehler. Das kann nie funktionieren, wenn die Oberen völlig unterschiedlicher Meinung sind über eine solche Position. Bayern ist auch kein Ausbildungsverein. Kovac musste noch lernen, auf diesem Niveau zu arbeiten. Er konnte von seiner sportlichen Vita her noch nicht die Autorität eines Guardiola, eines Hitzfeld oder eines Heynckes haben. Dann musst du ihn als Klubführung jeden Tag stärken – und das ist nicht passiert. Aber, das ist mir ganz wichtig zu betonen: Der Abgang von Nico Kovac ist beispielhaft, er geht nicht als geprügelter Hund. Es hat eben nicht gepasst, das soll es im Leben geben.

Stehen die Bayern auch über die Trainerfrage hinaus am Scheideweg?

Reif: Natürlich. Der Trainer, der jetzt kommt, muss der richtige sein, und zwar von der ersten Minute an. Und in der Führung gibt es einige Fragen: Welche Stärke hat Oliver Kahn, wenn er jetzt in den Vorstand einzieht? Wie weit zieht sich Uli Hoeneß zurück? Darf er sich überhaupt zurückziehen? Ist seine Art und das, was er verkörpert, nicht zu wichtig für den Klub? Und wo will Bayern insgesamt hin? Ist es ein globaler Klub, der sich nicht vielleicht doch für eine Super League interessiert? Natürlich sind das spannende Zeiten bei Bayern. Die Hoffnung, dass nur mit einem neuen Trainer alles geregelt ist – nein. Da müssen sich viele Dinge ändern.

Ringen die Bayern um ihre Identität?

Reif: Nicht nur die Bayern. Der Profifußball insgesamt steht an einem Scheideweg. Geht es in die amerikanische Richtung als Unterhaltungsindustrie? Oder um das, was man bei Klubs wie Sankt Pauli, Eintracht Frankfurt und Borussia Dortmund hochhält, um Echte Liebe und all diese Dinge? Wenn du ganz oben stehen willst, wirst du einiges anders machen müssen. Wir leisten uns die 50+1-Regel, und die anderen gewinnen die Champions League. Und darum geht es, um die absolute Spitze. Du kannst in Aue deinen Spaß haben und in Freiburg – aber eben nicht mit dem Anspruch, Champions-League-Sieger zu werden.

Bayern hat diesen Anspruch.

Reif: Und deswegen muss man die fragen: Was wollt ihr? Uli Hoeneß hat vor kurzem noch gesagt, dass es keine Irrsinnstransfers geben wird. Und jetzt? Leroy Sané würde mehr als 100 Millionen kosten. Philippe Coutinho auch, wenn sie ihn fest verpflichten. Sie würden sicher auch 200 Millionen zahlen. Und warum? Weil sie es können. Aber das ist dann eine andere Philosophie. Da steht der deutsche Fußball sicher an einem Scheideweg. Dann kommt natürlich die Frage: Wird die Fankultur, wie man sie auf der Südtribüne findet, zu retten sein? Oder wird es amerikanischer, mit einem Entertainment-Publikum? In genau diesen Fragen liegen ja auch viele Konfliktpunkte zwischen Rummenigge und Hoeneß.

Der eine will den familiären Klub, der andere…

Reif: Der ist mit den Gedanken längst schon in Singapur, Shanghai und New York. Der sagt, wenn wir gewinnen wollen, müssen wir das den Leuten ehrlich sagen – und das wird einigen wehtun. Diese Grundsatzfrage ist in Deutschland über viele Jahre nur sehr verhalten diskutiert worden. Sie müssen einen Coutinho und einen Sané ja nicht kaufen. Aber die besten Spieler werden dann eben woanders spielen. Und dann ist es letztlich wie früher auf dem Schulhof: Die besseren Spieler werden die Spiele gewinnen.

Auch in Dortmund sucht man seine Rolle: Man ist nicht mehr sympathischer Außenseiter, fremdelt aber mit der Rolle als Titelaspirant.

Reif: Genau das. Jahrelang konnte man entspannt im Windschatten der Bayern segeln und auf deren viel größere Möglichkeiten verweisen. Jetzt sagt man: Wir haben auch die finanziellen Mittel. Nicht so wie die Bayern. Aber durch sehr kluges Arbeiten und einem Zuschauerschnitt von 80.000 können wir jetzt ein Big Player sein. Du kannst nicht immer den Finger heben, wenn die Großen sich irgendwo treffen und die großen Pläne schmieden und zu Hause immer sagen: Nee, nee, wir sind nur ein kleiner. Das sind Identitätsfragen.

Sprechen wir über das Sportliche…

Reif: Da hat Bayern das größte Problem im zentralen Mittelfeld. Und das war einer der Fehler von Kovac: Er hat viele Achter und Zehner aufgestellt. Aber du brauchst vor einer Abwehrkette Stabilität. Thiago denkt offensiv, Tolisso denkt offensiv, Coutinho weiß gar nicht, was Defensive ist. Ein Müller gehört da auch nicht hin. Wenn sie es spielerisch lösen können und der Gegner das zulässt, sieht es fantastisch aus. Wenn nicht, kriegst du in jedem Spiel zwei Gegentore. Dieses Problem hat Kovac nicht gelöst. Da ist ein schwarzes, gähnendes Loch in der Zentrale.

Und dennoch ist die Tabellenspitze für Bayern in Reichweite. Spricht das gegen die Qualität der Liga?

Reif: Absolut. Wenn Gladbach sich steigert, sich stabilisiert und dem Tabellenplatz da vorne gerecht wird, lasse ich mich gerne eines Besseren belehren. Aber wenn Gladbach gegen Dortmund verliert und danach trotzdem Tabellenführer ist – dann stimmt doch etwas nicht. Nicht falsch verstehen: Ich bin ein großer Bewunderer von dem, was in Gladbach seit Jahren richtig gemacht wird. Aber sie verlieren international gegen Gegner, die man auf der Karte suchen muss – oder können Sie mir sagen, wo Wolfsberg liegt?

Kann ich tatsächlich, seit Dortmund da vor vier Jahren gespielt hat.

Reif: Dann sind Sie eine Ausnahme. Aber da stimmt doch etwas nicht. Wir landen wieder beim Schulhof-Beispiel: Wer die besseren Spieler hat, gewinnt in der Regel. Wenn du nicht da einkaufen kannst, wo es die anderen tun, wird es nicht gehen. Gladbach wird das nie können und ist auch gut beraten, es gar nicht zu versuchen. Da würde vieles schiefgehen – unter den jetzigen Rahmenbedingungen. Wenn wir uns mal irgendwann entscheiden, die 50+1-Regel fallen zu lassen und sich ein toller Investor findet, der mit Gladbach die Champions League gewinnen will – dann wird man sehr, sehr viel Geld brauchen, aber dann kann Gladbach vielleicht die Champions League gewinnen. Unter den jetzigen Umständen nicht.

Und die Meisterschaft?

Reif: Da haben sich Bayern und Dortmund über viele Jahre ein Polster geschaffen, vieles richtig gemacht und dank der Champions League viel Geld eingenommen. Sie sind der Liga eigentlich enteilt. Deswegen kann man ja nur den Kopf schütteln, wenn man jetzt auf die Tabelle guckt. Es ist natürlich großartig, dass es spannend ist, das ist ja ein Wert an sich. Und Gladbach macht einen prima Job, Marco Rose holt alles heraus. Aber wir reden doch die ganze Saison schon darüber, was Bayern und Dortmund falsch machen. Sonst hätten wir doch keine ständigen Diskussionen um Lucien Favre und eine Demission von Niko Kovac. Also kann man doch nicht erzählen, dass hier eine Wachablösung stattgefunden hat.

Bayern und Dortmund spielen regelmäßig in der Champions League und haben einen gigantischen finanziellen Vorsprung.

Reif: Das kannst du nicht wettmachen. Aber das hebelt den Wettbewerb ja überall aus. Deswegen ist die Abschaffung von 50+1 ja auch nicht die einzige Lösung. Wenn die Investoren glänzen wollen und das eher mit Bayern und Dortmund als mit Gladbach tun, ändert sich da auch nichts. Selbst im heiligen England kann ich doch heute schon zwei Klubs benennen, von denen einer Meister wird. Im November! Gehen Sie nach Frankreich, gehen Sie nach Italien, gehen Sie nach Spanien. In allen großen Ligen haben sich einige aus dem Wettbewerb verabschiedet. Wenn das so bleibt, wird es irgendwann schwer, diesen Fußball meinen Söhnen einmal als das zu vermitteln, was er für mich mal war. Wenn kein Wettbewerb herrscht und es nicht spannend ist, guckt man anderswo hin.

Noch aber geht es eng zu. Wagen Sie für das Spitzenspiel einen Tipp?

Reif: Noch nie habe ich mich das so sehr nicht getraut wie dieses Mal.

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