Revierderby

Vor dem Derby: Warum Dortmund Schalke abhängte

Seit dem Saisonende im Mai 2018 (links) hat der BVB mit Jadon Sancho deutlich zugelegt – und Daniel Caligiuris Schalke ist abgestürzt.

Seit dem Saisonende im Mai 2018 (links) hat der BVB mit Jadon Sancho deutlich zugelegt – und Daniel Caligiuris Schalke ist abgestürzt.

Foto: imago, Montage: Eling

Dortmund/Gelsenkirchen.  In der Vorsaison war Königsblau Vizemeister, der BVB wurde nur Vierter. Vor dem Derby ist Schwarz-Gelb deutlich vorne. Wie konnte das passieren?

42 Punkte. 14 Siege. Es ist nach 30 Spielen ein fast unwirklich großer Abstand, der Borussia Dortmund und Schalke 04 vor dem Derby am Samstag (15.30 Uhr, ARD und Sky) trennt. Vor einem knappen Jahr noch, als die vergangene Saison endete, hatte Schalke acht Punkte mehr gesammelt als der BVB, war Vizemeister. Doch während es für Schwarz-Gelb wieder aufwärts ging, erlebten die Königsblauen einen dramatischen Absturz.

Was sind die Gründe? „Dortmund hat vieles richtig gemacht im letzten Jahr. Und wir nicht“, sagt Schalke-Trainer Huub Stevens. Ausführlicher mag er nicht werden,wie auch sonst niemand, den man in Dortmund oder Gelsenkirchen fragt – zumindest offiziell. Hinter vorgehaltener Hand aber werden immer wieder einige entscheidende Punkte genannt.

Die Transferpolitik

Im Sommer holte der BVB Axel Witsel, Thomas Delaney, Abdou Diallo, Paco Alcácer, Achraf Hakimi und Marius Wolf – alles Spieler, die seitdem regelmäßig in der Startelf stehen. Die Kaderplaner hatten die richtigen Schlüsse aus den Schwächen des Vorjahres, vor allem der fehlenden körperlichen Widerstandskraft gezogen. Ein Ergebnis guten Scoutings – wie in den Vorjahren bei Jadon Sancho, Raphael Guerreiro oder Ousmane Dembélé.

Schalke dagegen lag bei vielen Transfers daneben. Sebastian Rudy, Omar Mascarell und Hamza Mendyl floppten. Salif Sané ist ein leiser Mitläufer, Mark Uth konnte nie an seine Hoffenheim-Form anknüpfen und fiel mehrfach verletzt aus. Schalkes Armut an echten Spielertypen, die sich der Krise widersetzen, ist erschreckend.

Die Trainer

Lucien Favre kam im Sommer mit einem klaren Auftrag: Er sollte Dortmund stabilisieren und weiterentwickeln. Der Schweizer hat sein Soll übererfüllt. Der BVB spielt ansehnlichen Fußball und ist wieder ein Titelkandidat. „Niemand hat einen Zweifel daran, dass wir mit Luciens Arbeit sehr zufrieden sind“, sagt Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke im Gespräch mit dieser Zeitung. Auch wenn er Fehler machte, etwa beim 0:5 bei Bayern München, ist eine Vertragsverlängerung nur eine Frage der Zeit.

Für Domenico Tedesco war das Kapitel Schalke im Frühjahr beendet. Er konnte das Ruder nach dem sportlichen Absturz nicht mehr herumreißen. Tedesco büßte bei Stars wie Kapitän Ralf Fährmann, den er zur Nummer zwei im Tor degradierte, oder Sebastian Rudy, den er beim Spiel in München nach 33 Minuten auswechselte und dadurch demütigte, Vertrauen ein. Spielerisch brachte der akribische Arbeiter seine Mannschaft kein Stück weiter. Huub Stevens muss nun als Übergangs-Lösung den Totalschaden abwenden. Zur neuen Saison kommt wieder einmal ein neuer Trainer.

Die Strukturen

In seinem Sommerurlaub in der Karibik musste Tedesco 80 Stunden Videomaterial studieren – um einen Sechser zu finden. Das zeigt das Dilemma im Schalker Scouting, das unter dem neuen Sportvorstand Jochen Schneider komplett umstrukturiert wird. In diesem Punkt sieht Schneider den BVB sogar als Vorbild. Dort sichtet nicht der Trainer, sondern eine stark aufgestellte Abteilung unter Markus Pilawa die Spieler. Insgesamt ist es dem Klub gelungen, sportliche Kompetenz auf viele Schultern zu verteilen: Neben Sportdirektor Michael Zorc gibt es Sebastian Kehl als Leiter der Lizenzspieler-Abteilung und Matthias Sammer als externen Berater.

Die Mentalität

Gemeinsam stellten sie im Sommer fest: Die Dortmunder Mannschaft braucht mehr willensstarke Anführer – weshalb Delaney und Witsel geholt wurden. Gerade Delaney verkörpert den Sinneswandel: Der Mittelfeld-Kämpfer ist nicht der beste Fußballer. Aber er bringt neben körperlicher mentale Stärke ein – und sorgt zudem immer wieder dafür, dass auch die jungen Kollegen mit der nötigen Ernsthaftigkeit bei der Sache sind.

Und Schalke? „Wenn ein Amine Harit oder ein Weston McKennie schon Führungsspieler werden müssen, sind sie einfach irgendwann überfordert“, sagt Eurofighter Ingo Anderbrügge. McKennie gilt als Gesicht der Zukunft. Das Vakuum, das Leon Goretzka, Naldo und Max Meyer hinterlassen haben, wird er nicht alleine beseitigen können. Bis auf Top-Talent Alex Nübel, Herzblut-Fußballer wie den jungen Ahmet Kutucu und Kämpfer Guido Burgstaller kann Schalke wenig in die Waagschale werfen.

Leserkommentare (2) Kommentar schreiben