Bundesliga-Relegation

Werder Bremen zittert sich in Heidenheim zum Klassenerhalt

Jubel bei Werder Bremen: Florian Kohfeldt (r.) und seine Mannschaft bleiben Bundesligist.

Jubel bei Werder Bremen: Florian Kohfeldt (r.) und seine Mannschaft bleiben Bundesligist.

Foto: dpa

Heidenheim.  Der SV Werder Bremen hat es geschafft. Dank eines 2:2 (1:0) beim 1. FC Heidenheim bleibt der Traditionsklub in der Fußball-Bundesliga.

Die aufmunternde Botschaft hatten Mitarbeiter von der Geschäftsstelle und Fans des SV Werder gefertigt: „Wir glauben dran. Füreinander Werder“ stand in Versalien auf jenen Unterstützer-Plakaten, die einen schattigen Platz in der Heidenheimer Arena gefunden hatte. Der Schulterschluss hat Bremen in der größten Not offenbar geholfen, an der Brenz seinen Status als Bundesligist zu bewahren: Mit einem schwer erkämpften 2:2 (1:0)-Remis im Relegationsrückspiel beim 1. FC Heidenheim haben die Grün-Weißen am Montagabend nach dem torlosen Hinspiel den Absturz in Liga zwei verhindert. Dabei half ein ehemaliger Bremer unter dem Flutlicht auf dem Schlossberg entscheidend mit: Norman Theuerkauf, zwischen 2003 und 2007 für die Grün-Weißen in der Jugend und zweiten Mannschaft am Ball, produzierte ein verhängnisvolles Eigentor (3.), ehe der Heidenheimer Torjäger Tim Kleindienst mit seinem Ausgleichstor noch eine aufregende Schlussphase einleitete (85.). In der Nachspielzeit wurde es noch einmal turbulent: Erst brachte Ludwig Augustinsson die Bremer in Führung (90.+4), dann egalisierte Kleindienst per Foulelfmeter (90.+6). Danach war aber auch sofort Schluss.

„Ich bin einfach nur froh und glücklich, dass wir es doch noch geschafft haben. Wir waren so oft tot...“, sagte Bremen-Coach Florian Kohfeldt bei DAZN und fügte an: „Scheiß Saison, gutes Ende.“

Der Zweitligist hat unter der Leitung seines Dauertrainers Frank Schmidt zwar eine „Lebenschance“ verpasst, doch der Aufstieg ist ja nicht die Maßgabe. Für den Gastgeber auf der Schwäbischen Ostalb könnte das größte Spiel der Vereinsgeschichte noch ein Nachspiel haben: Dass Mitte der zweiten Halbzeit mehrere Dutzend Personen offenbar über die Eventräume auf die Tribüne gelangten, hat das Hygiene- und Sicherheitskonzept eigentlich nicht vorgesehen. Dabei hatte die Heidenheimer Entourage mit Sirenen, Pfannen und anderen Schlaginstrumenten wirklich alles gegeben, um das fehlende Publikum wettzumachen.

Werder Bremen in der Anfangsphase klar überlegen

Für die von Beginn an griffigen Gäste hatte die Partie optimal begonnen: Keine drei Minuten waren gespielt, da war Theuerkauf bei einem Klärungsversuch von der Strafraumgrenze so frei, die Bremer Führung zu erzielen. Den sagenhaften Linksschuss in den Winkel hätte kein Werder-Stürmer besser als der 33 Jahre alte Routinier ansetzen können. Trotzig rief Patrick Mainka seinen Heidenheimer Mitspielern zu: „Scheißegal! Weiter geht’s!“. Doch nach neun Minuten hatten die Hanseaten mehr Chancen als im gesamten Hinspiel: Milot Rashica prüfte Torwart Kevin Müller mit einem kernigen Fernschuss (8.), dann machte sich der Keeper in der himmelblauen Arbeitskleidung bei einem Kopfball von Davy Klaassen breit (9.).

Trainer Florian Kohfeldt hatte schließlich voller Vorfreude auf das Alles-oder-Nichts-Spiel in der Provinz geblickt: „Das sind die Tage, an denen Geschichte geschrieben sind, und davon träumt man doch als Kind.“ Die Bremer gaben allerdings Mitte der ersten Spielzeit zunehmend die Spielkontrolle ab, ohne dass die mit ihrer Klublegende Marc Schnatterer angetretenen Hausherren daraus Kapital schlagen konnten. Die Bremer Viererkette, vor der Kevin Vogt den umsichtigen Aufräumer gab, geriet auch ohne ihren Chef Niklas Moisander nicht in Verlegenheit. Heidenheim wirkte planlos, oft ratlos bei seinen Offensivbemühungen.

Werder Bremen lässt zu viele Chancen liegen

Vor der zweiten Halbzeit dröhnte der „AC/DC“-Klassiker „Hells Bells“ über den Schlossberg – dazu kamen David Otto und Stefan Schimmer neu ins Spiel. Schimmer prüfte prompt den bis dahin unterbeschäftigten Werder-Torwart Jiri Pavlenka (46.), dann verzog die Nummer neun (47.). Doch die Bremer merkten, dass sie in die Bredouille geraten würden, wenn sie nur noch in Passivität üben würden. Milos Veljkovic kam nicht durch, Ludwig Augustinsson (58.) und Josh Sargent (59.) scheiterten bei gut herausgespielten Werder-Möglichkeiten am starken Tormann Müller. Was sich später rächen sollte: Als Tobias Mohr den Ball an die Latte knallte, sorgte Kleindienst per Abstauber noch für späte Heidenheimer Hoffnung. Doch mit dem nach feiner Vorlage von Fin Bartels erzielten 2:1 von Augustinsson sollten die Bremer jenen Anker zum Klassenerhalt greifen, den 2014 und 2015 der Hamburger SV genutzt hatte. Der abermalige Ausgleich von Kleindienst tat niemand mehr weh.

Bei Werder sind alle gut beraten, ihre Versäumnisse nach einer „schlechten Saison“ (Kohfeldt) nicht unter den Teppich zu kehren. Dass die Werder-Delegation noch in derselben Nacht aufbrach, um über den Flughafen Nordholz/Cuxhaven in die norddeutsche Heimat zurückzukehren, sprach Bände: Heidenheim soll ein einmaliger Abstecher gewesen sein. Die nächsten Tage steht die Aufarbeitung an, wie es überhaupt dazu kommen konnte. Personelle Konsequenzen in den Gremien sind nicht zu erwarten: Klaus Filbry als Vorsitzender der Geschäftsführung und Marco Bode als Aufsichtsratschef hatten zuvor schon ihre Bereitschaft zum Verbleib bekundet. Wo der Kelch des Abstiegs am Klub noch einmal vorübergegangen ist, wird sich daran erst recht nichts ändern. Man steht bei Werder Bremen zueinander. Nicht nur am Zaun in Heidenheim.

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