Interview

BVB-Chef Watzke: „Mich kann so schnell nichts erschüttern“

In seinem Büro in der BVB-Geschäftsstelle: Hans-Joachim Watzke.

In seinem Büro in der BVB-Geschäftsstelle: Hans-Joachim Watzke.

Foto: Lars Heidrich / Lars Heidrich/Funke Foto Services

Dortmund.  BVB-Chef Hans-Joachim Watzke wird am Freitag 60 Jahre alt. In einem persönlichen Interview spricht er auch über seine alte und seine neue Heimat.

Aus seinem Büro in der Geschäftsstelle Borussia Dortmunds an der B1 kann Hans-Joachim Watzke hinüber aufs Stadion blicken. Ganz unaufgeregt, es sind gute Zeiten. Der Geschäftsführer des BVB hat andere erlebt, damals, als er den Job übernahm. Am Freitag wird er 60 Jahre alt, er ist zufrieden. Und das nicht nur, weil es beim BVB läuft.

60. Eine Zahl, die Sie beeindruckt?

Hans-Joachim Watzke: Ja, sie beeindruckt mich schon. Mir ist auch nicht ganz wohl dabei, da bin ich ganz ehrlich. Die Zahl passt eigentlich nicht zu mir. (lacht)

Warum?

Hans-Joachim Watzke: Weil ich das Gefühl habe, dass ich fitter bin als mit 50. Ich habe überhaupt keine Wehwehchen - außer denen, die mir 40 Jahre Fußballspielen eingebracht haben, also die üblichen Knie- und Hüftprobleme. Aber ich habe mein Idealgewicht und trainiere dreimal pro Woche Kraft und Ausdauer.

Ist der 60. Geburtstag auch ein Anlass zum Innehalten, zur Bilanz?

Hans-Joachim Watzke: Nein, im klassischen Sinne nicht. Ich nehme mir jetzt keine einschneidende Lebensanalyse vor. Ich bin sowieso eher der Typ Grübler, ich mache also alles wie immer. Ich lebe im Jetzt. Ich weiß aber, und das schon lange, dass ich ein Sonntagskind bin. Ich bin vom Glück gut behandelt worden und führe ein sehr privilegiertes Leben. Ich habe eine großartige Familie und ein paar wirklich enge Freundschaften. Ich bin kein Partygänger, keiner, der die Society sucht. Ich brauche mein Umfeld, dann geht es mir gut. Dazu Gesundheit – das macht es aus.

Sie kommen aus Marsberg, haben dort viele Jahre bei Rot-Weiß Erlinghausen gespielt und sind nun auch schon seit Jahren Vorsitzender Ihres Heimatvereins. Wenn ich die Menschen dort im Sauerland jetzt fragen würde, wie er denn so ist, der Aki, und ob er sich verändert hat, seit er Chef des großen BVB ist – welche Antworten würde ich dann bekommen?

Hans-Joachim Watzke: Gemischte. (lacht) Ist ja klar. Aber ich glaube schon, dass die Menschen in Erlinghausen, das ist ja mein Heimatort innerhalb der Stadt Marsberg, auch ein bisschen Stolz auf meinen Werdegang entwickelt haben. Sie sehen mich allerdings weniger. Manchmal muss ich auch auf Abstand gehen, ich kann nicht immer alle Kartenwünsche erfüllen. (lacht) Es ist mittlerweile schwieriger für mich geworden, aufs Volksfest zu gehen. Aber ich glaube, dass ich mich im Kern nicht verändert habe, sonst wäre ich nicht im 25. Jahr Vorsitzender.

Erlinghausen spielt, nach Ihrem Vater benannt, im Hans-Watzke-Stadion. Die Liebe zu diesem Verein, aber auch zu Borussia Dortmund und zum Fußball insgesamt, ist Ihnen sicher familiär übertragen worden.

Hans-Joachim Watzke: Ja, die habe ich von meinem Vater eingeimpft bekommen. Er war aber nicht ganz so fußballverrückt wie ich. Drei Tage vor seinem Tod im Jahr 2014, als wir in unserem letzten Gespräch über alles geredet haben, habe ich ihm gesagt, dass ich vorhabe, das Stadion nach ihm zu benennen. Das hat ihn sehr stolz gemacht. Das war das Letzte, das ich ihm geben konnte.

Und jetzt spielt Ihr Sohn beim Landesligisten Erlinghausen. Das passt.

Hans-Joachim Watzke: Ja, natürlich. Wobei es für ihn zunehmend schwieriger wird. Er ist in den Endzügen seines Studiums, wird auf Sicht voll in die Familienfirma Watex einsteigen und hat eine Freundin im Rheinland. Das alles zusammen ist zeitlich sehr herausfordernd.

Wenn Sie sich seine Spiele anschauen, verkleiden Sie sich manchmal.

Hans-Joachim Watzke: Auswärts habe ich das manchmal gemacht. Kappe, Sonnenbrille – das hat anfangs geholfen. Mittlerweile nützt das nichts mehr, weil es sich herumgesprochen hat, dass ich meinem Sohn zuschaue, so oft ich kann.

Hier das Millionen-Unternehmen Borussia Dortmund, dort der Amateurverein, bei dem darüber diskutiert wird, wie viele Würstchen fürs nächste Fest benötigt werden. Wie halten Sie da die Balance?

Hans-Joachim Watzke: Die brauche ich gar nicht zu halten. Ich bin zwar Präsident in Erlinghausen, habe aber mit der alltäglichen Arbeit nichts zu tun. Das ginge auch gar nicht. Ich habe natürlich Kontakt zum Sportchef und zum Trainer, das ist praktisch, weil beide bei Watex arbeiten. Aber ich mische mich beispielsweise nicht ein, wenn Spieler verpflichtet werden. Der Vorstand arbeitet super.

Sie sind offensichtlich ein heimatverbundener Mensch.

Hans-Joachim Watzke: Genetisch habe ich ja beides in mir: den Sauerländer und den Ruhrgebietsmenschen, mein Vater kam ja aus Bochum. Für mich war Heimat immer nur das Sauerland. Wenn ich in den Erlinghäuser Gefilden bin, erinnern mich jeder Baum und jeder Strauch an meine Kindheit. Andererseits lebe ich jetzt seit 14 Jahren meistens in Dortmund, das Verhältnis ist inzwischen 6:1. Und bin stolz darauf und genieße es auch sehr, ein Dortmunder zu sein. Mittlerweile brauche ich kaum noch ein Navi in Dortmund, auch in den entlegensten Ecken nicht. Dann weiß man, dass man angekommen ist. Egal, wie lange ich noch ein Amt bekleiden werde beim BVB: Es wird nie mehr so sein, dass ich nur hier oder nur dort lebe.

Was schätzen Sie am Ruhrgebiet?

Hans-Joachim Watzke: Die Mentalität der Menschen, die ich mehr und mehr angenommen habe. Der Sauerländer ist tendenziell reservierter, skeptischer, weniger kommunikativ. Die Menschen im Ruhrgebiet sind unfassbar offen, sehr direkt, manchmal fast zu direkt, aber so gut wie immer positiv. Dadurch bin auch ich mittlerweile positiver gestimmt.

Und was fehlt Ihnen, wenn Sie nicht mehr so häufig im Sauerland sind?

Hans-Joachim Watzke: Die Fläche. Diese Weite der Natur, und dazu natürlich die Ruhe.

Menschen, die Sie gut kennen, sagen über Sie: Es mangelt ihm definitiv nicht an Selbstbewusstsein, er ist auch sehr eitel. Aber auf sein Wort ist immer Verlass. Können Sie mit diesem Urteil leben?

Hans-Joachim Watzke: (lacht) Mit dem „sehr eitel“ nicht, das ist totaler Quatsch. Ein gewisses Maß an Eitelkeit gehört dazu, das ist ja auch ein Beweggrund für jeden, der sich in die Öffentlichkeit begibt. Man will ja für ein gewisses Ansehen sorgen. Aber ich stehe nicht den ganzen Tag vor dem Spiegel. Was das Selbstbewusstsein betrifft: Wenn du ein Unternehmen wie Borussia Dortmund zusammenhalten sollst, dann hast du ohne Selbstbewusstsein keine Chance. Und zur Verlässlichkeit: Es ist in der Tat so, dass ein Wort von mir zählt.

Sie haben die Firma Watex gegründet und sie stabil aufgestellt. Als Sie zum BVB kamen, zunächst als Schatzmeister des Vereins, hatten Sie nicht den Vorteil, ein Klub-Idol zu sein, Sie waren auch kein Profi-Fußballer. Ihr größter Trumpf war unternehmerisches Geschick, oder?

Hans-Joachim Watzke: Natürlich musst du ein Unternehmen führen können, das können nicht unfassbar viele Ex-Profis. Aber man muss auch wissen, wie die Dinge im Fußball laufen. In der Westfalenliga sind die Abläufe die gleichen wie in der Bundesliga, nur das Niveau und die Gehälter sind da höher. Du musst auch ein Fußballspiel beurteilen können. Du brauchst zwar deine Experten. Aber du musst in der Lage sein zu erkennen, wenn dir einer von denen auch mal Unsinn für Gold verkaufen will. Ich habe nicht das Gefühl, dass das jeder Chef in jedem Profiverein kann.

2005 war die Existenz des BVB bedroht. Als die Rettung anstand, änderte sich Ihr Leben.

Hans-Joachim Watzke: Ja, das Unternehmen Watex allein zu lassen war ein viel größerer Schritt, als ich dachte. Ich hätte damals nicht gedacht, dass ich über 14 Jahre hier beim BVB bleiben würde. Ich bin meiner Frau zu großem Dank verpflichtet, sie musste viel ackern, um die Führung übernehmen zu können.

Gleich zu Beginn als Geschäftsführer mussten Sie den BVB vor der Insolvenz bewahren. Wenn man das hinter sich hat, fürchtet man nichts mehr, oder?

Hans-Joachim Watzke: Mich kann so schnell nichts mehr erschüttern. Das war wirklich nicht prickelnd, vor den Gläubigern oder den Fonds-Anteilseignern zu stehen, die alles hätten verhindern können. Aber die Rettung war das eine Thema. Das andere war noch schwerer – nämlich einen Klub, der 2006 noch in der Insolvenzverwaltung war, gemeinsam mit Präsident Reinhard Rauball und Sportdirektor Michael Zorc zu sportlicher Stabilität zu führen. Wir haben im ersten Jahrzehnt zweimal die Meisterschaft geholt und fast immer international gespielt.

Den riesig hohen Schuldenberg abzutragen, gleichzeitig aber sportliche Substanz erhalten zu müssen: Wie war dieser Spagat hinzubekommen?

Hans-Joachim Watzke: Wir mussten das schon nacheinander machen, dazwischen gab es ja zwei, drei Jahre. Die größte Gefahr war, dass wir 2008 mit dem schmalen Budget hätten absteigen können. Dann kannst du schnell einen Weg gehen wie 1860 München oder der 1. FC Kaiserslautern – Traditionsvereine, die auf einmal abstürzen und sich davon nur schwer erholen.

Sie hatten Ihre Erfolge mit Borussia Dortmund, Sie hätten sich danach auch zurücklehnen können. Was treibt Sie weiter an?

Hans-Joachim Watzke: Ich hab‘ einfach Bock auf das Ding. Jeder Klub auf der Welt könnte mir ein Angebot mit doppeltem Gehalt machen – ich habe einzig und allein Lust auf Borussia Dortmund. Ich hatte nie ein Antriebsproblem und nie ein Euphorieproblem.

Wie gehen Sie mit Niederlagen um? Spricht man Sie dann auch privat besser nicht an?

Hans-Joachim Watzke: Ja, das weiß aber auch jeder. An dem Abend ist es ganz eng, am nächsten Morgen auch noch. Für einen Tag falle ich in ein Loch, dann berappele ich mich wieder. Am zweiten Tag bin ich wieder hochmotiviert, dann gebe ich sofort wieder Vollgas.

Ihr Vertrag läuft bis 2022. Gibt es einen Plan für die Zeit danach?

Hans-Joachim Watzke: Nein. Es ist noch viel zu früh, mich mit dem Thema zu beschäftigen. Vor 2021 beginne ich damit nicht. Und dann heißt mein erster Ansprechpartner Reinhard Rauball.

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