Champions League

Dieses Ajax begeistert Europa: Amsterdam träumt nun sogar vom Triple

Ajax Amsterdam begeistert dieses Jahr in der Königsklasse. Wie weit führt der Weg der jungen Truppe?

Ajax Amsterdam begeistert dieses Jahr in der Königsklasse. Wie weit führt der Weg der jungen Truppe?

Foto: Reuters/Alberto Lingria

Turin  Nach dem Sieg gegen Juventus glaubt Ajax an den Champions-League-Triumph. Möglich wird das Fußball-Märchen durch eine konsequente Philosophie.

Selbst Marc Overmars war nach Spielende nicht mehr zu halten. Der 46-Jährige nahm Anlauf, schmiss sich auf den Turiner Rasen und rutschte im schneeweißen Hemd bauchwärts den Ajax-Fans im Gästeblock entgegen. Dass ein Sportdirektor so aus sich heraus geht, hat Seltenheitswert. Doch Overmars wird zurecht vom Amsterdamer Anhang gefeiert, legte er mit dem Ausschlagen vieler Angebote für seine Top-Talente im Sommer den Grundstein für diese Champions-League-Sensation.

Bescheidene finanzielle Mittel

Der 2:1-Erfolg im Viertelfinal-Rückspiel gegen Juventus verblüfft die Sportwelt. „David hat nur einen Goliath umgebracht, Ajax hat nun zwei hintereinander zur Strecke gebracht“, adelte die britische Zeitung The Independent. „Ajax versenkt das Phänomen Ronaldo, das Juve über 300 Millionen Euro gekostet hat“, schrieb der italienische Corriere dello Sport beeindruckt.

Nach Titelverteidiger Real Madrid schaltete Ajax den nächsten Mitfavoriten um die europäische Krone aus und träumt nun sogar selbst vom ganz großen Coup. „So verrückt es klingt: Nun ist nichts mehr unmöglich“, erklärte selbst der sonst so nüchtern analysierende Verteidiger Joël Veltman, der wie so viele andere Ajax-Akteure in der eigenen Jugendakademie „de Toekomst“ (deutsch: die Zukunft) ausgebildet wurde. „Natürlich können wir das Finale erreichen.“

In einer Zeit, in der finanzielle Schere zwischen Außenseitern und Elite immer weiter auseinander geht, gelingt den Niederländern der Einzug unter die besten Vier Europas. Ein modernes Fußball-Märchen. Denn die Amsterdamer haben dies mit vergleichsweise bescheidenen Mitteln und viel mehr Vertrauen in die eigene Ideologie von mutigem Angriffsfußball mit Eigengewächsen erreicht. „Mit unserer Philosophie können wir unsere Grenzen überschreiten“, sagt Trainer Erik ten Hag.

Es ist die Art und Weise, wie die jungen Wilden unter der Führung des ehemaligen Trainers der Bayern-Reserve auf internationaler Bühne begeistern. Kompromisslos zieht Ajax anno 2019 sein Konzept gegen jeden Gegner durch, presst extrem hoch, drängt nach vorne, sucht stets die spielerische Lösung. Selbst der Ronaldo-Rückstand (28.) brachte die talentierte Truppe nicht aus der Ruhe, die bewiesen hat, keine Angst vor großen Teams und großen Namen zu haben.

Im Sommer folgt der Aderlass

„Wir fürchten niemanden“, betont Kapitän und Siegtorschütze (67.) Mathijs de Ligt. Der Abwehrchef ist erst 19, doch schon Kapitän dieser „Enkelsöhne von Johan Cruyff“ (Gazzetta dello Sport). „Ich war noch gar nicht geboren, als wir zuletzt im Halbfinale waren“, unterstreicht de Ligt den Stellenwert des Erfolgs, der Ajax zuletzt vor 22 Jahren unter Trainer Louis van Gaal gelang und der den niederländischen Verband KNVB in die Bredouille bringt: Das für den 5. Mai angesetzte Pokalfinale zwischen Amsterdam und Willem II Tilburg wird wohl verlegt, da Ajax zwei Tage sein Halbfinal-Rückspiel in der Königsklasse bestreiten muss.

Auch in der heimischen Liga befindet sich Ajax auf Titelkurs und hat erst jüngst PSV Eindhoven die Tabellenführung abgeluchst. Auf ten Hag und sein Team wartet ein intensives Saisonfinale, das im Idealfall mit dem Triple enden könnte.

Trotz nachhaltiger Arbeit dürfte die jüngste Renaissance beim Cruyff-Klub bald vorbei sein. In diesem Sommer werden viele Stammspieler nicht zu halten sein: Frenkie de Jong (21) hat bereits beim FC Barcelona unterschrieben (Ablöse: 75 Millionen Euro), de Ligt soll ihn für eine ähnliche Summe begleiten. Der brasilianische Nationalspieler David Neres (22) wird ebenso von europäischen Top-Klubs umworben wie Kreativkünstler Hakim Ziyech oder Linksverteidiger Nicolás Tagliafico (beide 26). Marc Overmars wird bei einigen Juwelen erneut hart bleiben müssen, damit das Mannschaftskonstrukt nicht völlig zusammenstürzt.

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