Serie: Welch ein Ereignis

EM-Halbfinale 1996 - Wenn sich Verlierer nur noch verneigen

Seht her, ich bin’s: Nach seinem entscheidenden Schuss aus elf Metern raste Andreas Möller zu den deutschen Fans, um sich vor ihnen in Triumphpose aufzubauen.

Seht her, ich bin’s: Nach seinem entscheidenden Schuss aus elf Metern raste Andreas Möller zu den deutschen Fans, um sich vor ihnen in Triumphpose aufzubauen.

Foto: imago

Essen.  Peter Müller schildert, wie er 1996 als Reporter beim EM-Halbfinale in Wembley saß und über ein Spiel berichten sollte, das pures Drama wurde.

Frag die Verlierer, und du wirst alles über die Sieger erfahren. Ob sie große Sieger sind oder nur glückliche, ob sie gehasst oder bewundert werden. Frag die Verlierer eines Fußballspiels, das keinen Verlierer verdient hatte.

„Ich habe es immer gesagt: Wenn du das Turnier gewinnen willst, musst du erst die Deutschen schlagen“, erklärte Alan Shearer, der Torjäger. Und auch Stuart Pearce, der Mann fürs Grobe, zog aufrichtig den Hut: „Die Deutschen waren in den letzten 30 Jahren die stärkste Fußball-Nation, und das haben sie hier erneut bewiesen.“

England gegen Deutschland - reizvoller geht nicht

Nun ist diesen Feststellungen der nicht unwesentliche Hinweis auf die Nation der beiden Herren, die sich nach der Niederlage vor ihrem Gegner verneigten, hinzuzufügen. Shearer und Pearce waren englische Nationalspieler. Heißblutfußballer, die zuvor durch eine beispiellose Boulevardmedien-Kampagne dazu angestachelt worden waren, den Kriegsfeind von einst zu vernichten. Die beiden Spieler adelten mit ihren erstaunlichen Aussagen im Nachhinein einen Fußballvergleich, der sich auf ewig ins Gedächtnis desjenigen einbrennen musste, der ihn vor Ort miterleben durfte.

Vor Ort, das sagt sich so. Dabei war die Veranstaltungsstätte nicht eine der damals noch vielen verwechselbaren Betonschüsseln, sondern die Kultstätte unter den Stadien Englands, Europas – ach, der Welt. Wembley. 26. Juni 1996, Europameisterschaft, Halbfinale. Auf dem Spielplan steht ein Klassiker: England gegen Deutschland, seit dem WM-Finale 30 Jahre zuvor stets eine der reizvollsten, prickelndsten, bewegendsten Paarungen, die der Fußball zu bieten hat.

Du glaubst, als weitgereister Berichterstatter schon vieles erlebt zu haben, das dich als Fußball-Liebhaber nicht kalt lassen konnte. Stadien, die anders waren, besonders; in denen du Fußball nicht nur sahst, sondern spürtest. Mailand, San Siro. Madrid, Bernabeu. Oder auch – weit früher – Schalke, Glückauf-Kampfbahn, ja, wirklich.

Alles aufsaugen und mitnehmen

Und dann sitzt du in London auf dieser Pressetribüne, klappst den Computer auf und sollst arbeiten, einen aktuellen Spielbericht verfassen, der mit dem Schlusspfiff in die Heimat übertragen werden muss. Du weißt, du musst spätestens während der zweiten Halbzeit die Tastatur quälen, kannst dann allenfalls zwischendurch mal hochschauen, wenn die Kulisse wieder die Phonstärke erhöht. Dabei möchtest du jetzt nur noch genießen, jeden Moment. Alles aufsaugen, festhalten, mitnehmen. So vieles vorher gehört, so vieles vorher gelesen – und doch nicht gewusst, dass es so sein würde. So einmalig.

Wembley, so kitschig das klingen mag, ist die Krönung.

Die Fans brauchen keine eingespielte Vorgabe von der Stadionregie, um das unvergleichliche „You’ll never walk alone“ zu intonieren, diesen schaurig-schönen Massengesang. Und dann der kernige Kontrast, die Hymne dieser EM, das kräftig-fröhliche „Three Lions“ mit der unvergessenen Refrain-Zeile „Football’s coming home“. Begeisterung aus 70.000 Kehlen.

1:1 - das Spiel kann neu beginnen

Man muss als Spieler der Gastmannschaft schon eine unerschütterliche Nervenstärke mitbringen, um von dieser Macht auf den Rängen unbeeindruckt zu bleiben. Ein Trainer kann vorher Taktik predigen, kann auf alle möglichen Tricks des Gegners hinweisen – auf die Psyche seiner Spieler in einem solchen Tollhaus hat er keinen Einfluss. Und so passiert, was Berti Vogts unbedingt vermeiden wollte. Schon nach drei Minuten liegen seine Auserwählten mit 0:1 zurück. Einen Eckball von Gascoigne verlängert Adams per Kopf, und in der Mitte bedankt sich Shearer, der ungehindert einköpft. Auf der Bank macht Vogts ein Gesicht wie nach einem dreiwöchigen England-Urlaub. Im Regen, versteht sich.

Nach einer Viertelstunde wird Andy Möller der Verantwortung gerecht, die ihm der Bundestrainer per Kapitänsbinde übertragen hat. Mit dem Rücken zum Tor deckt er den Ball ab, vier Engländer hinter ihm. Dennoch verblüfft er sie mit einem exakten Pass auf Thomas Helmer, der die Traumvorlage direkt nach innen weiterleitet. Dort grätscht Stefan Kuntz die Kugel ins Netz – 1:1, das Spiel kann neu beginnen.

Verlängerung: Wie zwei mutige Boxer

Es regiert die Emotion, nicht der Kopf. Auf beiden Seiten häufen sich die Chancen. Auf der Tribüne erwischt du dich dabei, wie du mit der flachen Hand auf die Schreibfläche schlägst, kurz aufspringst – und deine Arbeit vernachlässigst.

Verlängerung. Jagd nach dem goldenen Treffer. Wie zwei mutige Boxer suchen beide Teams den K.o.-Schlag. Und dann kommt es doch zu dem Ende, das keiner will. Elfmeterschießen.

Am wenigsten will das der Reporter.

Elfmeterschießen am Telefon

Vergiss deinen Text. Lösche fast alles, was du vorher verfasst hast. Ans Telefon, Live-Berichterstattung fürs Printmedium, die Redaktionssekretärin tippt mit, für den Andruck zählt jede Sekunde. Shearer, Platt, Pearce, Gascoigne, Sheringham treffen für England; Häßler, Strunz, Reuter, Ziege, Kuntz für Deutschland. Nervenzerfetzend. Noch immer kennt dein Spielbericht keine Tendenz, außer: Drama.

Weiter geht’s, Mann gegen Mann. Southgate wackeln die Knie, Köpke wehrt ab. Und Möller macht’s. Rennt durch zur deutschen Fan-Ecke und präsentiert sich in Napoleon-Pose. Durchs Telefon hörst du den Jubel in der Heimatredaktion, während du die letzten Worte des Überschwangs diktierst.

„Ich glaub‘, das Spiel war ganz gut gewesen“, hat Thomas Häßler dann noch gesagt.

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