Niederlande

Erstes Turnier seit sieben Jahren: Holland ohne EM-Euphorie

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Holland vor der EM: Auf Memphis Depay und Frenkie de Jong ruhen die Hoffnungen bei Oranje.

Holland vor der EM: Auf Memphis Depay und Frenkie de Jong ruhen die Hoffnungen bei Oranje.

Foto: Mika Volkmann / Getty Images

Amsterdam  Zum ersten Mal seit 2014 spielt die Niederlande wieder bei einem großen Fußball-Turnier mit. Viele Oranje-Fans erwarten jedoch ein frühes EM-Aus.

Wie steht es um die EM-Stimmung der Niederländer kurz vor dem Auftakt? Die Brathähnchen tanzen auf dem Grill, Regenwolken hüpfen bereitwillig von der Wetterkarte. Selbst im Seniorenheim schaukeln die Rollatoren zum Party-Song der EM „van links naar rechts“. Dass der niederländische Fußball-Verband den liebevoll-bekloppten Werbehit der Ulkband „Snollebollekes“ aber noch schnell aus dem Fernsehen klagen will, passt zur Stimmung im Lande: Euphorie kommt vor dem ersten Turnier mit Oranje seit 2014 nicht auf.

Vor dem EM-Auftakt gegen die Ukraine in Amsterdam am Sonntag (21.00 Uhr/ARD und MagentaTV) erwarten 68 Prozent der Holland-Fans in einer Umfrage der Tageszeitung AD das Aus spätestens im Achtelfinale - trotz der vergleichbar machbaren Gruppe C mit den weiteren Gegnern Österreich (17. Juni) und Nordmazedonien (21. Juni).

Bondscoach Frank de Boer wirkte zuletzt ein wenig fahrig: Bei einer Pressekonferenz verwechselte er Zahlen und Spielernamen. „Das war nicht schlimm. Es zeigt nur, dass ich älter werde“, sagte der langjährige Nationalspieler, der jugendliche 51 Jahre zählt. Ohne Kontaktlinsen müsse er eben sein Handy-Display heller stellen, um alles lesen zu können.

EM: Niederländische Mannschaft hat keine Superstars

Dabei hätte er erkennen können, dass auch seine Personalpolitik nicht gut ankommt. Seinen entsetzten Torhüter Jasper Cillessen (FC Valencia) strich er wegen dessen Corona-Infektion. „Das ist ein enormer Schlag, der lange nachwirken wird“, sagte Cillessen: „Ich habe mich noch nie so machtlos und schrecklich gefühlt.“

Die talentierte Mannschaft ohne Superstars verbreitet dennoch Optimismus. Holland sei kein Favorit, sagte der international begehrte Memphis Depay von Olympique Lyon. „Aber das war 2014 nicht anders. Wir wollen unbedingt was reißen. Darauf brennen alle.“

Starkes Oranje-Sturmdou mit Depay und Weghorst

Vor sieben Jahren in Brasilien verloren die Niederländer kein Spiel und träumten bis ins Elfmeterschießen des Halbfinals gegen Argentinien vom WM-Titel - den dann, ausgerechnet, der Erzrivale Deutschland abräumte. Es war mal wieder die Tragik, die der Elftal abseits des EM-Triumphs 1988 treue Begleiterin ist.

Diesmal soll sich alles ändern. „Ein Turnier zu erleben, ist größer als nur der Moment selbst“, sagte Depay fast philosophisch: „Es sind Erinnerungen für immer.“ Die Mannschaft könne größer werden als die Summer der Einzelteile: „Wir sind wirklich ein Team.“ In dem es wie zuletzt beim 2:2 gegen Schottland noch hakt.

Das Sturmduo aus Depay und dem Wolfsburger Wout Weghorst muss sich allerdings nicht verstecken und genügt internationalen Ansprüchen. Es habe „klick gemacht“ zwischen beiden, verriet Depay. Auch Georginio Wijnaldum vom FC Liverpool, Frenkie de Jong (Barcelona) oder das Supertalent Donyell Malen (PSV Eindhoven) können sich sehen lassen - und Matthijs de Ligt von Juventus, der seine Interpretation von „Entscheidend is“ aufm Platz„ gab: “Titel gewinnt man nicht mit Statistiken und Prognosen.„

Trainer De Boer ist erst seit neun Monaten im Amt

Allerdings, gab AD zu bedenken, seien die Niederlande „keine geölte Maschine“, häufig sei die „rechte Hand überrascht, was die linke tut“. Kein Wunder: De Boer ist nach dem Wechsel seines Vorgängers Ronald Koeman nach Barcelona erst seit neun Monaten im Amt.

Und die „Snollebollekes“? Die haben sich in ihrer mitreißenden Hoempapa-Kampagne für die Supermarktkette Jumbo laut Verband Symbole angeeignet, die der KNVB für sich reklamiert. Frontmann Rob Kemps, ein bekannter Comedian, bedankt sich: „Bessere Werbung könnte es nicht geben.“ Ob man jetzt wohl gemeinsam feiern könne? Das vergangene Jahr sei doch schlimm genug gewesen. (sid)

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