Frauen-WM

Der letzte Tanz der Brasilianerin Marta bei der WM 2019

Eine Ausnahmespielerin: die Brasilianerin Marta.

Eine Ausnahmespielerin: die Brasilianerin Marta.

Foto: Reuters

Le Havre  Marta hat mehr WM-Tore geschossen als Miroslav Klose. In Frankreich hat die Brasilianerin wohl ihr letztes Turnier gespielt.

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Die 110. Minute lief, als der Tanz eröffnet wurde. Marta ging nach rechts, machte dann einen Schritt nach links. Schob den Ball dabei nach vorne, zog ihn dann nach hinten. Die Bewegungen waren so schnell, dass Gegenspielerin Eve Perisset hilflos nebenher stolperte. Marta schlug Haken, verzögerte das Tempo, blieb sekundenlang mit herausforderndem Blick auf der Stelle stehen, bevor sie den Ball nach einer gefühlten Ewigkeit doch weiterspielte. Es sollte die letzte große Szene von Marta in diesem Achtelfinale in Le Havre sein. Kurz zuvor hatte die Französin Amandine Henry über ihren Treffer zum 2:1 gejubelt. Als die Verlängerung zu Ende ging, war Brasilien ausgeschieden bei der WM der Fußballfrauen in Frankreich. Es war Martas letzter Tanz.

Vielleicht war es sogar ihr allerletzter bei einer WM. 33 Jahre ist Marta Vieira da Silva nun alt, eine weitere WM wäre auch für eine Ausnahmespielerin wie sie nicht mehr selbstverständlich. Obwohl für sie alles andere so selbstverständlich scheint: Wenn sie mit dem Ball durch den Strafraum wirbelt und die Kugel dabei wirkt, als sei sie an ihren Fuß geklebt. Wenn sie artistische Pässe spielt, mit denen selbst die Kolleginnen nicht gerechnet haben. Marta ist die Frau mit dem Zauberfuß, die in Sachen Ballfertigkeit auf Augenhöhe ist mit den männlichen Fußballern ihres Landes. Sie ist sogar erfolgreicher. Eine Tatsache, die sie erfreut. Und zugleich erzürnt.

Eine Kämpferin auch abseits des Rasens

„Wie viel würde ich verdienen, wie viele Sponsoren hätte ich mit der gleichen Anzahl an Titeln, aber als Mann?“, fragte sie jüngst in einem Interview in der brasilianischen Ausgabe der Zeitschrift Vogue. Längst ist sie nicht mehr nur eine Kämpferin auf dem Fußballplatz, sondern auch abseits des Rasens, wenn es um die Gleichberechtigung von Mann und Frau geht. Marta gehört zu den Bestverdienerinnen in den USA bei ihrem Klub Orlando Pride, doch trotz allem bekommt sie nur einen Bruchteil eines Neymar, eines Ronaldo oder Ronaldinho.

Dabei ist Marta sechsmalige Weltfußballerin, Uefa-Pokal-Siegerin, gewann fünfmal die schwedische Meisterschaft, zweimal die Copa Libertadores Femenina, 2004 und 2008 Olympia-Silber. Keine Frau hat je mehr Tore bei WM-Turnieren geschossen. Kein Mann hat je mehr Tore bei WM-Turnieren geschossen. Deutschlands Miroslav Klose traf 16 Mal. Marta konnte ihr Konto in Frankreich auf 17 aufstocken. „Dieser Rekord gehört nicht mir allein“, hatte sie nach dem Elfmetertreffer zum 1:0 im abschließenden Gruppenspiel gegen Italien betont: „Ich teile den Rekord mit allen, die für die Gleichberechtigung kämpfen.“

Protestnote auf den Schuhen

Sie selbst nutzt dazu den Fußball. Nach ihrem historischen Tor zeigte sie auf ihre Schuhe. Die werden nicht von drei Streifen, einer Raubkatze oder einem geschwungenen Haken geschmückt. Marta hat selbst zwei Streifen draufgeklebt, die entgegengesetzt von Blau in Rosa übergehen. Ihr Zeichen des Protests. Die Ausrüsterfirmen standen zwar Schlange, doch die Brasilianerin hatte abgelehnt. Die Angebote waren ihr nicht männernah genug. „Ich bin glücklich, Geschichte geschrieben zu haben in einem Sport, über den manche Leute immer noch denken, dass er nur für Männer sei.“

Allerdings war diese WM nicht die ganz große, die sie für Marta hätte sein können. Die Frau, die als 14-Jährige gegen den Willen ihrer Eltern ihr kleines Dorf verließ, um im großen Rio de Janeiro ihre Karriere zu starten, kämpft mit einer Muskelverletzung. Im ersten Spiel gegen Jamaika (3:0) saß sie auf der Bank, bei der 2:3-Niederlage gegen Australien spielte sie nur 45 Minuten, erst gegen Italien war sie präsenter. Nun das Achtelfinal-Aus. Vielleicht war es wirklich Martas letzter Tanz auf der Bühne der Weltbesten. Doch sie wird weiter für Gleichberechtigung kämpfen und dafür, Mädchen für ihren Sport zu begeistern. An den Nachwuchs ging auch ihr Appell nach dem WM-Aus: „Der Frauenfußball braucht euch, um zu überleben!“ Wer weiß: Auch Miraildes Maciel Mota, genannt Formiga (Ameise), spielt noch für noch für Brasilien. Die Mittelfeldspielerin ist 41 Jahre alt.

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