Kolumne

Kolumne: Warum Profis nicht mehr Ente oder Ennatz heißen

Foto: Montage/Eling

Essen.  Oliver Bierhoff fordert nach der vermurksten WM "mehr Bolzplatzmentalität". Früher war die Bundesliga eine Bühne für echte Typen mit Spitznamen.

Als sich in meiner Fußballmannschaft einmal ein Neuer mit dem Namen Guido vorstellte, bekam er von einem etablierten Mitspieler dies zu hören: „Hömma, hier gibt’s nur einen Guido, und das bin ich. Dann kommt 24-mal nix, und dann erst kommst du.“ Also hieß der Neue: Guido25.

In meiner bescheidenen Karriere habe ich mit vielen Typen gespielt. Mit Petze, mit Uffel, mit Beule, mit Jumbo, mit Rambo, mit Wemser, mit Schmuse, mit Henne, mit Moppel. Als unser Torwart bei einem Zusammenprall eine Gehirnerschütterung erlitt, die zum Glück ohne Spätfolgen blieb, hatte auch er seinen Spitznamen weg. Fortan wurde er Kürbis genannt.

Oliver Bierhoff, Direktor beim Deutschen Fußball-Bund, hat in den vergangenen Tagen einen Überblick darüber gegeben, wie sich der Verband die Zukunft vorstellt. Das Ziel ist nach der vermurksten Weltmeisterschaft klar formuliert: „Wir wollen zurück an die Weltspitze.“ Der Maßnahmen-Katalog reicht von der Trainerausbildung bis zum Kinderfußball. Aufhorchen lässt allerdings ein Satz von Bierhoff, mit dem er skizziert, welcher Spielertypus künftig gewünscht sei: „Wir brauchen wieder mehr Bolzplatzmentalität.“

Die lässt sich allerdings nicht verordnen. Der Leon und der Joshua, der Julian und der Timo, der Leroy und der Serge – das sind allesamt hochtalentierte junge Fußballer. Aber sie wurden in Leistungszentren ausgebildet, Kritiker merken an: auch verhätschelt. Wären die aktuellen Jung-Nationalspieler Bolzplatzpöhler gewesen, würden sie gerufen wie die Stars von früher. Als auch die Bundesliga noch eine Bühne für echte Typen war. Es gab Emma und Stan, Katsche und Bulle, Buffy und Pille, Ente und Hoppy, Ennatz und Tanne. Sie alle konnten nicht nur kicken, sie waren auch Originale. Weil sie es sein durften.

Wie aus Jürgen Wegmann die "Kobra" wurde

In den Neunzigern habe ich mal Jürgen Wegmann interviewt, den Essener Jungen, der auch für Dortmund, Schalke, Bayern und damals gerade für Duisburg spielte. Ich fragte den Torjäger, warum er eigentlich einer der letzten Bundesligaprofis sei, mit denen man sofort einen Spitznamen verbindet. Er wusste keine Antwort, aber die Frage gefiel ihm. Er selbst hatte ja über sich gesagt: „Ich bin giftiger als die giftigste Schlange.“ Also wurde er: Kobra Wegmann.

Ob die alten Zeiten tatsächlich so viel besser waren, sei dahingestellt. Aber klar ist doch: Sie waren so sehr anders, dass sie sich auch im Detail nicht mehr kopieren lassen. Bolzplatzmentalität. Ein interessantes Wort. Wir wissen ja, was Oliver Bierhoff damit meint. Aber erst wenn mal wieder ein Nationalspieler Lutscher gerufen wird, wird der Plan von Erfolg gesegnet sein.

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