Interview

Drei-Tage-Präsident Zylka: Schalke ist Kultur und Heimat

21. November 1988: Michael Zylka überzeugt mit seiner Rede Schalkes Mitglieder.

21. November 1988: Michael Zylka überzeugt mit seiner Rede Schalkes Mitglieder.

Foto: Horstmüller

Essen.  Vor genau 30 Jahren wurde Michael Zylka zum Präsidenten des FC Schalke 04 gewählt. Obwohl er schon nach drei Tagen entnervt zurücktrat, blieb seine Liebe zum Verein.

Zum Gespräch in unserer Sportredaktion kommt Michael Zylka in Lederjacke. Es ist sicher kein Zufall, dass sie königsblau ist, sein Herz hat ja dieselbe Farbe. Der Geschäftsmann aus Düsseldorf ist durch und durch Schalker. Trotz der Folgen des 21. November 1988. Vor genau 30 Jahren ließ sich Michael Zylka zum Präsidenten des FC Schalke 04 wählen. Nach drei Tagen aber warf er die Brocken wieder hin. Und so bereicherte er die an Kuriositäten nicht gerade arme Geschichte des FC Schalke 04 um ein legendäres Kapitel. Im Interview blickt er zurück auf die turbulenten Tage von damals – und er erklärt, warum er immer noch an diesem Verein hängt. Er hat sogar wieder ein Amt: Er ist Vorsitzender des Wahlausschusses.

Rudi Assauer sagte zu seinem Start als Manager: Entweder schaffe ich Schalke – oder Schalke schafft mich. Warum hat Schalke Sie damals schon in drei Tagen geschafft?

Michael Zylka: Ich wusste vorher, dass ich in einen reißenden Fluss springen würde. Aber ich wusste nicht, wie kalt der war. Schon in der Nacht nach der Wahl ging es rund, die Ablehnung der damals handelnden Personen war spürbar. Die wollten sich nicht in die Karten schauen lassen, sie hatten sich vorher einen anderen Kandidaten ausgeguckt. Am nächsten Morgen habe ich auf der Geschäftsstelle festgestellt, dass der Verein finanziell am Ende ist. Wir waren ja vorher abgestiegen. Ich war so naiv zu glauben, ich allein könnte den Verein verändern. Das haute nicht hin.

Aber ein Rücktritt des Präsidenten schon nach drei Tagen war selbst für Schalke außergewöhnlich.

Zylka: Mir ist schon klar, dass das kein Glanzstück war, das ich da abgeliefert habe. Diese drei Tage haben mein Leben verändert.

Inwiefern?

Zylka: Erstens habe ich gemerkt: Wenn ich etwas will, kann ich das auch erreichen. Das hört sich jetzt vielleicht etwas seltsam an, aber schon als Junge auf dem Gymnasium habe ich auf die Frage, was ich einmal werden will, geantwortet: Präsident von Schalke 04! Das war ein alter Traum von mir. Aber was dann nach der Wahl passierte, war prägend. So viel Falschheit zu erleben. Zu merken, dass Leute an deinem Stuhl sägen. Ich war unerfahren und blauäugig. In den drei Tagen bin ich erwachsen geworden.

Warum hatten Sie sich gerade in dieser Krisenzeit zur Wahl gestellt?

Zylka: Ich wollte etwas tun, ich wollte Schalke wirklich helfen. Und ich wollte grundsätzlich daran mitwirken, dass der Fußball nicht von Geldmachern missbraucht wird. Ich habe damals schon gesagt: Leute, passt auf, dass uns die Schlipsträger nicht den Fußball wegnehmen. Heute muss ich leider feststellen, dass genau das längst passiert ist. Der Vermarktungswahn hat für immer mehr Entfremdung gesorgt, jetzt ist er im Endstadium. Wenn die neue Super League käme, dann gingen doch nur noch Eventsüchtige ins Stadion, aber keine Fußball-Liebhaber mehr. Und die Geldgeber würden sofort überlaufen, wenn morgen Hallenjojo zu vermarkten wäre. Wenn ich nicht so ein verrückter Schalker wäre, wäre ich wohl kein Fußballfan mehr.

Weshalb sind Sie Schalker? Weshalb blieben Sie trotz der Erlebnisse von damals dem Klub treu?

Zylka: Die Liebe ist einfach zu stark. Ich habe seit fünfzig Jahren ununterbrochen eine Dauerkarte. Schalke ist für mich auch ein Stück Kultur. Schalke ist Heimat, Identifikation, Integration. Ob du aus der Türkei, aus Russland oder sonstwoher kommst – es ist egal, wenn du Schalker bist. Rudi Assauer hat Gerald Asamoah öffentlich Blondie genannt, das wäre woanders als Rassismus ausgelegt worden. Auf Schalke war es ein Spaß unter Schalkern, den jeder richtig einzuordnen wusste, auch Gerald selbst.

Aber auch Schalke muss den Spagat zwischen wärmender Tradition und moderner Unternehmensführung hinbekommen.

Zylka: Das geht schon. Zum Beispiel, indem man die Jugendarbeit intensiviert. Mein Traum ist, dass wieder sieben, acht Eigengewächse in der Bundesliga-Mannschaft spielen. Ich bin mir sicher: Schalke hat auch als eingetragener Verein Zukunft. Ich bin nicht bereit, über eine Ausgliederung der Profi-Abteilung zu diskutieren. Dieser Verein darf sich nicht radikal verändern.

Modernisierer könnten entgegnen: Deutscher Meister kann Schalke dann aber nie werden.

Zylka: Wäre es uns das wert, all das kaputtzumachen, was wir haben, um einmal Meister zu werden? Das höchste Gut, das Schalke hat, sind die Fans. Die müssen gepflegt werden, man muss ihnen auch zuhören. Es gibt so viele tolle Menschen in diesem Verein, die das Gemeinschaftserlebnis lieben. Die darf man nicht abhängen, der Fußball darf nicht zum Luxusgut werden. Ich bin in mehreren Fanklubs Ehrenmitglied. Deren Sorgen teile ich den Gremien und dem Vorstand mit. Und es ist sehr erfreulich, dass meine Stimme auch tatsächlich gehört wird.

Es gefällt Ihnen, wie der Klub heute geführt wird?

Zylka: Ich bin ja Vorsitzender des Wahlausschusses, wir wählen nach sorgfältiger Prüfung diejenigen Kandidaten aus, die sich den Mitgliedern zur Wahl für den Aufsichtsrat stellen können. Ich kann sagen: In allen Gremien sitzen sehr gute Leute, der Umgang mitein­ander hat sich verbessert. Es macht mich stolz, dass Schalke zum Saisonstart fünfmal nachein­ander verlieren durfte, ohne dass über den Trainer diskutiert wurde. So viel Souveränität hatte ich nicht erwartet. Und die letzte Saison hatte doch auch keiner für möglich gehalten. Vizemeister – am letzten Spieltag lügt die Tabelle nicht.

Lügt sie denn zurzeit?

Zylka: Kein Schalker ist mit dem Verlauf der Saison bisher zufrieden. Die Spieler sind aber nie lustlos aufgetreten. Und einem jungen Trainer wie Domenico Tedesco muss auch mal zugestanden werden, dass er sich entwickeln kann.

Sie werden schon bald ihr 1500. Schalke-Spiel sehen.

Zylka: Ja, zurzeit sind es 1492. Ich habe alle akribisch notiert.

Das erste war...

Zylka: ... ein Auswärtsspiel beim Wuppertaler SV, am 28. Oktober 1962.

Und das emotionalste?

Zylka: Fand in der Glückauf-Kampfbahn statt. Das gewonnene Pokal-Halbfinale 1972 gegen Köln, mit 21 Elfmetern. Der traurigste Moment war natürlich die Vier-Minuten-Meisterschaft 2001. Da habe ich mich auf dem Weg nach Hause zweimal verfahren.

Ihr Nachfolger als Präsident wurde der schillernde Günter Eichberg, der in diesem Jahr verstarb.

Zylka: Ich selbst hatte ihm zur Kandidatur geraten. Auch wenn das keiner mehr hören will: Ohne Günter Eichberg wäre Schalke 04 heute ein unbedeutender Regionalligist.

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