Schalke

Experten erklären: Warum Schalkes Torwartwechsel riskant ist

Wachablösung: Schalkes Torwart Ralf Fährmann (l.) musste seinen Stammplatz an Alexander Nübel abtreten.

Wachablösung: Schalkes Torwart Ralf Fährmann (l.) musste seinen Stammplatz an Alexander Nübel abtreten.

Foto: firo

Gelsenkirchen.  Schalke hat den Torwart gewechselt. Ralf Fährmann ist nur noch Nummer 2. Talent Alexander Nübel bekommt das Vertrauen. Was sagen Experten dazu?

Wenn im Fußball der Stammtorwart auf die Bank verbannt wird, ist der Aufschrei riesig. Auf Schalke, wo gerade Publikumsliebling und Kapitän Ralf Fährmann (30) den Platz für Talent Alexander Nübel (22) räumen musste, kommt zur allgemeinen Aufregung noch die emotionale Komponente hinzu.

Durfte Trainer Domenico Tedes­co beim Rückrundenstart gegen Wolfsburg (2:1) überhaupt so weit gehen, den Spielführer aus der Startelf zu nehmen? Oder hätte er mit der einschneidenden Maßnahme bis zum Sommer warten müssen? Hat er möglicherweise sogar zu lange gezögert, bevor er den Routinier nach mehreren Patzern, die allerdings nicht immer folgenschwer waren, aus der Verantwortung nahm?

„Vielleicht wäre es besser gewesen, Ralf von der Kapitänsbinde zu befreien. So hätte er die Möglichkeit gehabt, sich nur auf das Wesentliche – sein Torwartspiel – zu konzentrieren“, sagt Schalkes ehemaliger Torwarttrainer Holger Gehrke. Der 58-Jährige arbeitete bei den Königsblauen selbst noch mit Fährmann zusammen und kennt den gebürtigen Chemnitzer aus dem Eff-Eff.

Gehrke: „Vielleicht tut Ralf die Pause jetzt gut, und er kommt noch stärker zurück. Das wünsche ich ihm sehr, weil ich ihn immer noch zu den besten deutschen Torhütern zähle. Ich kenne keinen anderen Torhüter, der über solch einen Ehrgeiz verfügt. Er ist ein Vollprofi und trainingsbesessen.“ Dass Domenico Tedesco diesen Schritt vollzogen und dem jungen Nübel den Vorzug gegeben hat, findet Holger Gehrke durchaus beeindruckend: „Ich muss sagen, dass das eine sehr mutige Entscheidung ist. Domenico Tedesco hat Stärke gezeigt.“

Rost musste Neuer Platz machen

Frank Rost, der von 2002 bis Januar 2007 bei Schalke spielte und seinen Platz im Tor an den damals 20-jährigen Manuel Neuer abgeben musste, sieht trotz der vergleichbaren Situation einen etwas anderen Sachverhalt. „Im aktuellen Fall kennt Domenico Tedesco den Spieler schon seit eineinhalb Jahren. Bei mir war es seinerzeit so, dass es in relativ kurzer Zeit viele Trainerwechsel und eine Mannschaft innerhalb der Mannschaft gab. Ein Berater hatte damals zwölf Schalker Spieler unter Vertrag. Da wurde massiv Politik gemacht.“ Rost zog die Konsequenzen und wechselte zum Hamburger SV.

Ralf Fährmann stellt sich jetzt der neuen Situation, als Ur-Schalker kommt für ihn keine Vereinsflucht in Frage. Rost sagt zu dessen Lage: „Für Ralf tut es mir ehrlich gesagt ein bisschen leid, zumal ich ihn auch als Typen mag und er in meinen Augen ein guter Torwart ist. Ich bin nicht so ein Freund davon, alles, was gestern noch gut war, in Frage zu stellen.“ Rost wählt deutliche Worte: „Wenn diese Maßnahme nicht funktioniert, dann muss Trainer Domenico Tedesco den Kopf dafür hinhalten und seinen Hut nehmen.“ Was Rost missfällt: „Fährmann wird so ein bisschen als Sündenbock hingestellt. Aus meiner Sicht hat er in den vergangenen Jahren grundsätzlich nicht viel falsch gemacht, sondern hat sich seinen Stellenwert erarbeitet.“

Rost, der nach seiner aktiven Laufbahn für einige Monate Geschäftsführer beim Handball-Bundesligisten HSV Hamburg war, weiß aus eigener Erfahrung, dass der Torwart-Konkurrenzkampf in der Hallensportart anders aussieht. „Im Handball kannst du binnen eines Spiels mehrmals wechseln, das geht im Fußball so nicht. Normalerweise muss man da im Sommer einen Torwartwechsel vornehmen oder eben bei Verletzungen oder Sperren. Im Winter finde ich das schwierig.“

Ex-Handball-Nationaltorwart Stefan Hecker (59), der mit Tusem Essen dreimal Deutscher Handballmeister wurde, kennt sich mit dem Kampf um die „Nummer 1“ aus. „Mit Andreas Thiel hatte ich in der Nationalmannschaft einen ständigen Konkurrenzkampf. Wir sind heute noch gute Kumpel. Ich weiß nicht, ob das der Fall wäre, wenn wir beide Fußball gespielt hätten.“

„Fährmann ist eine Institution“

Hecker kann mit Fährmann durchaus mitfühlen, zumal er sich als Schalke-Sympathisant bezeichnet und dieses Thema ohnehin interessiert verfolgt hat. „Ralf Fährmann ist eine Institution, er hat für den Verein viel geleistet und stets viel Herzblut einfließen lassen. Aber letztlich wirst du als Torwart nicht für Herzblut bezahlt, sondern dafür, dass du die Bälle hältst. Wenn du beides vereinen kannst, ist das natürlich der Optimalfall.“

Hecker zeigt bei allem Mitgefühl mit dem Schalker Kapitän auch Verständnis dafür, auf einen jungen Spieler wie Nübel zu setzen: „So, wie ich das verfolgt habe, war seine Leistung gegen Wolfsburg gut. Die Entscheidung, auf Fährmann zu verzichten, ist einerseits mutig, andererseits auch durchaus vernünftig.“ Und warum? Hecker: „Weil sonst die Gefahr besteht, dass U-21-Nationaltorwart Alexander Nübel den Verein verlässt, um woanders wichtige Spielpraxis zu sammeln.“

Auch Eishockey-Nationaltorwart Mathias Niederberger von der Düsseldorfer EG hat die hohen Wellen, die Schalkes Keeper-Rotation ausgelöst hat, mitbekommen. „Ralf Fährmann ist professionell genug, um das zu verarbeiten und zu verkraften“, meint der 26-Jährige. „Enttäuschung, so wie sie ihm gerade widerfährt, gehört im Sport dazu.“ Im Eishockey ist Rotation selbstverständlich. Niederberger: „Wir spielen freitags und sonntags. Du kannst als Torwart bei der körperlichen Anstrengung gar nicht jede einzelne Partie bestreiten und musst auch mal wechseln. Aber bei uns geht das Ganze halt unaufgeregter zu als im Fußball, wo es eine klare Nummer eins gibt.“

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