Schalke

Kann der FC Schalke 04 so werden wie RB Leipzig?

Der Mann hat einen Plan: Jochen Schneider will versuchen, das Leipziger Fußball-Allerlei auch auf Schalke zu etablieren.

Der Mann hat einen Plan: Jochen Schneider will versuchen, das Leipziger Fußball-Allerlei auch auf Schalke zu etablieren.

Foto: Ina Fassbender/dpa

Gelsenkirchen.   Kurzfristig müssen die Schalker erst einmal die Klasse halten . Auf Sicht aber will Jochen Schneider, dass der Klub so aufspielt wie Leipzig.

Aktuell zählt für den FC Schalke 04 nur eines: der Kampf gegen den drohenden Abstieg. Rennen, kratzen, beißen, so lautet die Devise für das Heimspiel am Samstag (15.30 Uhr) gegen den Tabellendritten Rasenballsport Leipzig – und vor allem: punkten, um den freien Fall zu stoppen. Mittelfristig aber hat Sportvorstand Jochen Schneider andere, größere Ziele.

Der ehemalige RB-Manager will ausgerechnet dem ungeliebten Retortenklub aus Sachsen nacheifern, zumindest in taktischer Hinsicht. „Sie wissen ja, wo ich die vergangenen dreieinhalb Jahre verbracht habe und welche Art von Fußball dort gespielt wird“, erläutert Jochen Schneider seine Pläne für die Zukunft. „Ich glaube, das ist eine Art von Fußball, mit der sich die Fans identifizieren können.“

Es fehlt eine nachhaltig erfolgreiche Spielidee

Jochen Schneiders Idee klingt überzeugend, gelten doch Pressing und schnelles Umschaltspiel als Inbegriffe des attraktiven und erfolgversprechenden Fußballs. Fast alle Bundesliga-Klubs, die in den vergangenen Jahren positiv überraschten, hatten sich diesem Konzept verschrieben: Borussia Dortmund in den Meisterjahren 2011 und 2012, die TSG Hoffenheim, Bayer Leverkusen, Eintracht Frankfurt unter Adi Hütter oder auch RB Leipzig, wo schon seit Jahren der frühere S04-Coach Ralf Rangnick die Fäden zieht. Auf Schalke hingegen konnten weder Jens Keller, noch Roberto Di Matteo, noch André Breitenreiter, noch Markus Weinzierl, noch Domenico Tedesco eine prägende und nachhaltig erfolgreiche Spielidee etablieren.

Jochen Schneider will das Versäumte möglichst ohne Umschweife nachholen. „Es wird unsere Aufgabe sein, dies gemeinsam mit dem Sportdirektor und gemeinsam mit dem Technischen Direktor entsprechend zu formulieren und eine gewisse Stringenz in den Entscheidungen an den Tag zu legen“, sagt der Schwabe. Doch neben dem derzeit tobenden Abstiegskampf ist da noch ein Problem: Aktuell hat Jochen Schneider auf Schalke weder einen Sportdirektor noch einen Technischen Direktor an seiner Seite. Das könnte auch daran liegen, dass keiner der geeigneten Kandidaten unterschreiben will, ohne zu wissen, in welcher Liga der Verein künftig spielen darf. Und welche Mittel zur Verfügung stehen.

Kuzorra, Szepan: Tiki-Taka der 30er- und 40er-Jahre

Ohnehin lässt sich das Leipziger Pressing- und Umschaltspiel nicht mal eben im Zwei-Wochen-Crashkurs einführen. Man braucht den passenden Kader – schnelle, aggressive und laufstarke Typen, die zudem das saubere Passspiel in höchstem Tempo beherrschen. Solche Spieler sind teuer, es sei denn, man produziert sie selbst. Zwar gilt die Knappenschmiede zu Recht als eines der besten Nachwuchsleistungszentren in Lande, doch anders als bei RB müssen Scouting und taktische Marschroute der Zulieferteams erst noch mit der vorgegebenen Spielphilosophie synchronisiert werden. Auch das geht nicht von heute auf morgen.

In den vergangenen Jahren, so meinen Spötter, ging Schalkes sportliche Philosophie kaum über den ehrenwerten Slogan vom „Kumpel- & Malocher-Club“ hinaus. Eine klubeigene Spielidee existierte nicht, obwohl Christian Heidel genau mit diesem Anspruch angetreten war. Doch entweder konnte oder wollte Jochen Schneiders Vorgänger keinen konkreten fußballerischen Stil benennen. Dabei liefert die Historie der Königsblauen doch genügend Anregungen: Der legendäre Schalker Kreisel mit Ernst Kuzorra und Fritz Szepan war so etwas wie das Tiki-Taka der 30er- und 40er-Jahre. Auch die Generation um Klaus Fischer, Rolf Rüssmann und die Kremers-Zwillinge, die leider durch den Bundesliga-Skandal ausgebremst wurde, zelebrierte in den 70er-Jahren phasenweise fantastischen, temporeichen Fußball. Dorthin will der 48-jährige Jochen Schneider, der als Kind ein großer Fischer-Fan war, den Verein wieder bringen.

Farmteam ist Meister in Österreich: RB Salzburg

Dass Schalkes neuer Sportvorstand die von ihm anvisierte neue Spielphilosophie gleich an seinem ersten Arbeitstag klar umriss, verdeutlicht auch seine Prioritäten. „Klar ist, dass es Vorgaben vom Verein geben muss, was für eine Art Fußball praktiziert werden soll. Dementsprechend sucht man sich idealerweise auch den Trainer aus“, erklärte der Schwabe, der bei seinen bisherigen Stationen in Stuttgart und in Leipzig zumeist in der zweiten Reihe wirkte. In beiden Klubs arbeitete Jochen Schneider übrigens mit dem Pressing-Pionier und aktuellen RB-Coach Ralf Rangnick zusammen. Aber so einer ist nicht an jeder Straßenecke zu kriegen.

Und noch etwas macht es schwierig, RBs Erfolgsmodell zu kopieren: die ungleichen strukturellen Voraussetzungen. Neben einem hochkarätigen weltumspannenden Scouting-Netzwerk darf Leipzig auch auf ein eigenes Farmteam zurückgreifen: Bei Österreichs Meister RB Salzburg, dessen Spielphilosophie exakt auf jene in Leipzig zugeschnitten ist, können junge Spieler auf hohem Niveau reifen, um dann beizeiten zum Schwesterklub transferiert zu werden. Rund 20 Profikicker – unter anderem Marcel Sabitzer, Dayot Upamecano und Amadou Haidara – wechselten bereits aus der Mozartstadt nach Sachsen. Auch aus anderen Filialen wie in New York oder Brasilien kann sich Ralf Rangnick bei Bedarf bedienen.

Kurz vor der Rückkehr in die Regionalliga

Solche Möglichkeiten hat Schalke nicht. Umso besser trifft es sich, dass die S04-Amateure nach dem bitteren Absturz in die Fünftklassigkeit vor der Regionalliga-Rückkehr stehen. Mittelfristig sollte die königsblaue Zweite sogar in der 3. Liga spielen, um Leipzigs Talentschmiede-Modell einigermaßen nachbilden zu können. Zudem müssen die Knappen ihre Trefferquote auf dem Transfermarkt erheblich verbessern und Altlasten im Kader ohne allzu große Verluste abbauen. Es gibt also viel zu tun für Jochen Schneider und sein noch zu bildendes sportliches Kompetenz-Team.

Zunächst aber gilt es, den Abstieg zu verhindern – mit jenen Mitteln, die dem von Christian Heidel zusammengestellten Kader zur Verfügung stehen. Ein Sieg gegen das neue Vorbild Leipzig wäre ein echter Meilenstein auf einem langen und beschwerlichen Weg.

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