Schalke: WAZ-Serie

Schalkes große Trainer: Ralf Rangnick – der Tausendsassa

Der 21. Mai 2011 in Berlin: Ralf Rangnick holt mit dem FC Schalke 04 den DFB-Pokal.   

Der 21. Mai 2011 in Berlin: Ralf Rangnick holt mit dem FC Schalke 04 den DFB-Pokal.   

Foto: imago

Gelsenkirchen.  Die Amtszeiten von Ralf Rangnick als Schalker Cheftrainer waren geprägt von feinem Fußball und zählbarem Erfolg. Sie endeten jeweils dramatisch.

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Rudi Assauer tat sich sichtlich schwer mit dem Neuen, der neben ihm auf dem Podium saß. Schnell wurde klar, warum: Ralf Rangnick, am 28. September 2004 als Nachfolger des entlassenen Cheftrainers Jupp Heynckes vorgestellt, war nicht gerade der Wunschkandidat von Schalkes Manager-Urgestein. Stattdessen hatte sich Rudi Assauers designierter Nachfolger Andreas Müller intern durchgesetzt und den „Erfinder der ballorientierten Raumdeckung“ nach Gelsenkirchen geholt.

Rudi Assauer erlaubte sich daraufhin eine kleine Spitze und nannte Ralf Rangnick während der Vorstellungs-Pressekonferenz konsequent Rolf. Überhaupt waren die zwei Amtszeiten des Trainers auf Schalke geprägt von allerhand Kuriosem, allerdings auch von dessen klarer sportlicher Handschrift.

„Auf Schalke hatten wir damals eine fantastische Mannschaft mit Ailton, Lincoln, Krstajić oder Bordon, doch Jupp Heynckes widerstrebte es, Bordon und Krstajic gemeinsam in der Innenverteidigung aufzubieten, weil sie beide Linksfüße waren“, erzählt Andreas Müller. Auch mit dem launischen Lincoln tat sich „Don Jupp“ eher schwer. Nach der Trennung von Jupp Heynckes wusste Andreas Müller: „Wir brauchen jetzt einen Coach, der dieser Mannschaft mit all ihrem Potenzial die richtige spielerische Ausrichtung verpassen kann. Ich kannte Ralf noch aus meiner Zeit als Spieler in Stuttgart, damals war er zweiter Assistenztrainer unter Otto Barić. Daher wusste ich: Er ist ein absoluter Fußballexperte.“

Schalke kann die elf Millionen Euro für Milan Baroš nicht zahlen

Ralf Rangnick ließ das Team meist im 4-3-3-System agieren, mit Lincoln als gestalterischem Freigeist und mit extrem offensiv ausgerichteten Außenverteidigern. So avancierte der Schwabe in seiner ersten Amtszeit am Berger Feld zum erfolgreichsten Punktesammler der königsblauen Bundesliga-Geschichte (2,00 pro Spiel) – ein Rekord, der bis heute Bestand hat. Zu einem Titel reichte es dennoch nicht: Zwar eroberte S04 am 25. Spieltag der Saison 2004/05 die Tabellenspitze (durch ein 1:0 gegen den FC Bayern), doch am Ende betrug der Rückstand auf die Münchner stolze 14 Zähler. Auch im Pokalfinale war der FCB zu stark und bezwang die Knappen mit 2:1 (Tore: Makaay, Salihamidžić, Lincoln per Foulelfmeter).

Im Sommer 2005 drängte Ralf Rangnick deshalb auf Verstärkungen. Einen wollte er gar in Eigenregie holen: Milan Baroš vom FC Liverpool. Ralf Rangnick traf sich persönlich mit dem tschechischen Torschützenkönig der EM 2004 und besprach dessen künftige sportliche Rolle bei den Knappen bis ins Detail. Am Ende scheiterte der Baroš-Deal doch noch – an den Kosten. „Liverpool wollte rund elf Millionen Euro Ablöse“, erinnert sich Andreas Müller. „Das war zur damaligen Zeit eine astronomische Summe. Und das zu zahlende Gehalt wäre natürlich auch nicht ohne gewesen.“

Kevin Kuranyi kommt aus Stuttgart und Fabian Ernst aus Bremen

Stattdessen holte Schalke zur Saison 2005/06 den deutschen Nationalstürmer Kevin Kuranyi vom VfB Stuttgart, Fabian Ernst aus Bremen und Rafinha aus Coritiba. Im Gegenzug ging Ailton nach nur einem Jahr und 14 Bundesliga-Treffern für Schalke zu Besiktas Istanbul. Der Brasilianer hatte sich in der Vorsaison Ralf Rangnicks Zorn zugezogen, weil er während des Heimspiels gegen Bayer 04 Leverkusen (3:3) am Spielfeldrand faulenzte, statt sich auf eine mögliche Einwechslung vorzubereiten. „Er lag da wie im Freibad. Wenn man das sieht, ergibt es keinen Sinn“, schnaubte Ralf Rangnick.

Ailton war nicht der Einzige, mit dem der umtriebige Coach Probleme hatte. Als Ralf Rangnick vor einem Auswärtsspiel kurzfristig das Teamhotel umbuchen lassen wollte, stellte sich Rudi Assauers Sekretärin quer. Den folgenden Wutausbruch von RR konterte sie eiskalt: „Wissen Se, Sie sind nicht der erste Trainer, mit dem ich auf Schalke zu tun habe, und bestimmt auch nicht der letzte.“ Die Dame sollte Recht behalten: der Bauchmensch und Traditionalist Rudi Assauer auf der einen Seite, der kopfgesteuerte Ralf Rangnick mit seiner sportwissenschaftlichen Herangehensweise auf der anderen Seite – das konnte auf Dauer nicht gutgehen.

DFB-Pokal 2011 – 5:0-Sieg im Finale gegen den MSV Duisburg

Als in den Medien erste Gerüchte über eine Trennung zum Saisonende aufkamen, schimpfte Ralf Rangnick: „Ich bin diese Possenspiele leid!“ Vor dem Heimspiel gegen Mainz am 16. Spieltag (1:0) lief der trotzige Coach eine Ehrenrunde durch die Veltins-Arena und klatschte den Fans Beifall – ein Auftritt wie ein Abschied. Der folgte dann, wenig überraschend, zwei Tage später. „Die Ehrenrunde selbst sah ich nicht, weil ich in der Kabine war“, erinnert sich Andreas Müller. „Als Erster kam Frank Rost vom Aufwärmen in die Umkleide zurück und war sichtlich erbost über das Verhalten des Trainers. Uns blieb keine andere Wahl, als Ralf zu beurlauben.“ Und das, obwohl Ralf Rangnicks Schalker zu diesem Zeitpunkt mit 31 Punkten aus 16 Partien auf Platz vier lagen.

Fünfeinhalb Jahre später, mitten in der turbulenten Saison 2010/11, war Ralf Rangnick zurück, geholt vom neuen Manager Horst Heldt. Als Nachfolger von Felix Magath bewahrte er die im Chaos versunkenen Königsblauen vor dem drohenden Abstieg und führte sie nebenbei ins Champions-League-Halbfinale (0:2 und 1:4 gegen Manchester United) sowie zum DFB-Pokalsieg (5:0 im Finale gegen den MSV Duisburg).

Burnout zwingt Ralf Rangnick nach sechs Spieltagen zum Rücktritt

Dieser Titel ist bis heute der einzige in Ralf Rangnicks Sammlung. Weitere Erfolge mit Schalke verhinderte ein Burnout, der ihn nach nur sechs Spieltagen der Saison 2011/12 zum Rücktritt zwang. „Ralf ist jemand, der sich zumindest früher unheimlich schwer tat, Aufgaben zu delegieren“, nennt Andreas Müller einen möglichen Grund für den Zusammenbruch. „Er wollte am liebsten alles im Verein selbst erledigen – ein Tausendsassa.“

Dass der hoffnungslose Fußball-Junkie bereits kurz nach seinem Abgang im Herbst 2011 von österreichischen Reportern in Salzburg gesichtet wurde und zur folgenden Saison als Sportchef bei der dortigen Red-Bull-Fußballfiliale anheuerte, hinterließ ein G’schmäckle, wie man in Ralf Rangnicks schwäbischer Heimat sagen würde. Seine sportlichen Erfolge auf Schalke sind dennoch bis heute unbestritten.

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