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Warum Schalke für den eigenen Weg weiter auf die U19 setzt

Technisch versiert: Schalkes Can Bozdogan passt den Ball an Stuttgarts Atakan Karazor vorbei. Er zählt zu den „jungen Wilden“

Technisch versiert: Schalkes Can Bozdogan passt den Ball an Stuttgarts Atakan Karazor vorbei. Er zählt zu den „jungen Wilden“

Foto: dpa

Gelsenkirchen  Die Profiverträge für U19-Gewächse wie Bozdogan, Thiaw und Calhanoglu stehen für einen Weg, den Schalke ganz gezielt fortsetzen wird.

Für die Öffentlichkeit war es eine Randnotiz, als der 18-jährige Kerim Calhanoglu Ende September bei den Knappen einen Profivertrag bis 2024 unterzeichnete. Für den FC Schalke 04 hingegen war es der nächste logische Schritt auf einem Weg, der so nicht ganz neu ist, den der Verein aber in den kommenden Jahren verstärkt beschreiten will – und wohl auch muss: Schalke „wildert“ gezielt in den U19-Teams der Konkurrenz, weil es dort noch hoch veranlagte Spieler zu bezahlbaren Konditionen gibt.

„Ähnlich wie seinerzeit Sead Kolasinac oder zuletzt Weston McKennie und Can Bozdogan ist auch Kerim zu uns in die U19 gekommen, um den nächsten, vielleicht entscheidenden Schritt in Richtung Profifußball zu gehen“, erläutert Schalkes Jugendcoach Norbert Elgert die klubinterne Strategie am Beispiel Calhanoglu. Dabei hat der in mannheim aufgewachsene Deutsch-Türke bislang nur vier U19-Spiele (1 Tor) für Königsblau absolviert, weil die Nachwuchs-Bundesligen seit Oktober Corona-bedingt pausieren.

Im Februar dieses Jahres erschien es noch etwas nebulös, als Jochen Schneider gegenüber dieser Redaktionerklärte: „Wir sind gerade mitten im Prozess, unsere Scoutingabteilung neu zu strukturieren, neue Schwerpunkte zu setzen (…) Wir gehen bewusst auch neue, innovative Wege in Sachen Scouting und hoffen, hier schon in Kürze erste Früchte ernten zu können.“ Heute, ein Dreivierteljahr später, lässt sich erahnen, welche Früchte Schalkes Sportvorstand meint.

Konkurrenz für Schalkes Bastian Oczipka

Neben DFB-Juniorennationalspieler Calhanoglu, der mittelfristig als Konkurrent für Bastian Oczipka auf der linken Seite gilt, haben sich zuletzt zwei weitere Toptalente bis 2024 an Schalke gebunden, die der Verein aus den Nachwuchsleistungszentren der Bundesliga-Konkurrenz losgeeist hatte: Der inzwischen 19-jährige Can Bozdogan war im Sommer 2019 vom 1. FC Köln in die Schalker U19 gewechselt. Malick Thiaw war bereits 2015 aus Gladbach in die Schalker U15 gewechselt.

Dass Schalke Nachwuchsspieler mit Profi-Perspektive bei der Konkurrenz abwirbt, ist natürlich nichts Neues. Sead Kolasinac (Hoffenheim), Weston McKennie (FC Dallas), Mesut Özil (Rot-Weiss Essen) oder auch Thilo Kehrer (VfB Stuttgart) waren erst im letzten oder vorletzten Junioren-Jahr bei Norbert Elgert gelandet, um von ihm den letzten Feinschliff zu erhalten. Zuletzt waren Transfers wie diese die einzige Einkaufsmöglichkeit für die mit 200 Millionen Euro verschuldeten Schalker. Fette Ablösen für fertig ausgebildete Profis wird man auch in naher Zukunft kaum aufbringen können.

Wer hingegen früh zuschlägt, kauft günstig ein – und kann obendrein auf beachtliche Wertsteigerungen hoffen: Laut Branchenportal transfermarkt.de beträgt allein der Marktwert des deutschen U20-Nationalspielers Bozdogan (bislang acht Bundesliga-Einsätze) inzwischen 1,5 Millionen Euro. Laut „Express“ soll Schalke für den gebürtigen Kölner seinerzeit 700.000 Euro Ablöse gezahlt haben, rund ums Berger Feld hingegen ist von ca. 300.000 Euro die Rede – das entspräche einer Wertsteigerung von 1,2 Millionen in eineinhalb Jahren.

Elias Kurt ist aus Frankfurt gekommen

Auch Malick Thiaw, der künftig für Deutschland, Finnland oder den Senegal spielen könnte, wird bereits mit einem Marktwert von einer Million Euro veranschlagt – nach gerade einmal zwei Bundesliga-Spielen. Angesichts solcher Entwicklungen könnte der eine oder andere Youngster nicht nur sportlich, sondern auch wirtschaftlich zu einer Art Lebensversicherung für Schalke avancieren.

Jochen Schneider & Co. jedenfalls scheinen fest entschlossen, weiter voll auf die (U)19 zu setzen: Schon jetzt tummeln sich im Elgertschen A-Jugendkader weitere Talente, die im Sommer mit der klaren Perspektive Profi-Fußball von anderen Bundesliga-Klubs verpflichtet worden waren: Rechtsverteidiger Luca Campanile (17) wechselte wie Calhanoglu aus Hoffenheim in die Knappenschmiede, Spielmacher und DFB-Juniorennationalspieler Elias Kurt (17) kaum aus der Akademie von Eintracht Frankfurt nach Gelsenkirchen. Experten trauen beiden den Sprung ins Profigeschäft zu.

Auch für den kommenden Sommer laufen Schalkes (Nachwuchs-)Personalplanungen bereits auf Hochtouren. Allerdings muss sich die umstrukturierte Scouting-Abteilung derzeit verstärkt auf Videomaterial und Statistiken verlassen, da in den U17- und U19-Bundesligen seit Wochen der Spielbetrieb ruht. Bleibt es dabei, könnte Kerim Calhanoglus Dienstantritt bei den Profis früher erfolgen als ursprünglich geplant. Denn Stillstand wäre für ein Talent auf diesem Niveau ein Rückschritt.

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