Interview

VfL-Trainer Dutt plant mit Manuel Riemann als Nummer eins

Robin Dutt, Trainer des VfL Bochum, im Interview mit der WAZ.

Robin Dutt, Trainer des VfL Bochum, im Interview mit der WAZ.

Foto: Svenja Hanusch / FUNKE Foto Services

Bochum.  Torwart Manuel Riemann geht zunächst als Nummer eins in die neue Saison, erklärt Bochums Trainer Robin Dutt im großen Interview mit der WAZ.

Die Saison ist seit dem 2:2 gegen Union Berlin beendet, die Planungen für die neue Spielzeit laufen beim VfL Bochum auf Hochtouren. Trainer Robin Dutt blickt im Interview mit der WAZ zurück und nach vorn.

Als Tabellenelfter hat der VfL sein Saisonziel verfehlt. Was sind die Gründe dafür?

Robin Dutt: Da wir die sportliche wie wirtschaftliche Etablierung des VfL in den deutschen TOP 25 als langfristiges Ziel ausgegeben haben, bedarf es noch Zeit, um feststellen zu können, ob wir dieses Ziel erreicht oder verfehlt haben. Dass wir in dieser Saison sportlich nicht unter den TOP 25 gelandet sind, dafür liegen die Gründe definitiv in der Rückrunde. Wir haben keine Konstanz hinbekommen, vor allem auswärts. Verschärft wurde das Problem durch etliche Verletzungen. Damit war in den zurückliegenden Wochen unser Handlungsspielraum oft im Konkurrenzkampf und im taktischen Bereich eingeschränkt. Wir haben ein Stück weit unsere Selbstverständlichkeit, auch Sicherheit verloren. Es war eine sehr unruhige Rückrunde, in der wir uns jeden Punkt erkämpfen und richtig kratzen mussten. Beim Punkteschnitt liegen wir aber insgesamt noch im Bereich der vorherigen Saison, als wir mit einem deutlich stabileren Kader in viel größeren Nöten steckten und erst am 32. Spieltag den Klassenerhalt geschafft haben. Schon ab Mitte Februar hatten wir ab acht Verletzte aufwärts auf einmal, davon fünf, sechs potenzielle Stammspieler. Die Spieler, die eingesprungen sind, verdienen daher auch Anerkennung. Einem Görkem Saglam, Dominik Baumgartner, Stelios Kokovas, Moritz Römling, Armel Bella-Kotchap, Silvère Ganvoula ist es auch mit zu verdanken, dass wir nicht in größere Schwierigkeiten gekommen sind. Wir müssen einerseits diese Leistung anerkennen, andererseits aber auch unsere Ambitionen unterstreichen. Denn unser Blick wird weiterhin nach oben gerichtet sein.

Die Fans, das Umfeld des Vereins haben mehr erwartet. Was sagen Sie denen, die enttäuscht sind?

Robin Dutt: Dass deutlich mehr möglich gewesen wäre in dieser Saison, dieses Gefühl haben wir auch. Um ganz oben anzugreifen, dafür muss allerdings alles passen. Bei Paderborn hat alles gepasst. Umgekehrt gilt das aber auch. Wer hätte im Winter gedacht, dass Hamburg nicht aufsteigt oder Ingolstadt um den Klassenerhalt kämpfen muss? Die 2. Bundesliga ist ein sehr sensibles Gebilde, fast alle Mannschaften müssen sich jedes Jahr auf einen neuen Kampf einstellen.

Die Mannschaft wird oft als zu alt und zu langsam kritisiert. Sport-Geschäftsführer Sebastian Schindzielorz hat dies indirekt bestätigt, als er nach dem 2:3 in Aue davon sprach, dass die Mannschaft über ihrem Zenit sei.

Robin Dutt: Zunächst: Das VfL-Schiff ist Anfang 2018 in schwere Seenot geraten, die Mannschaft hat es mit aller Energie da herausgeführt. Aber natürlich gibt es in jedem Verein einen Wendepunkt, müssen neue Gesichter her, neue Wege gegangen werden. Es liegt auf der Hand, dass wir einen Umbruch einleiten müssen. Etliche Verträge sind ausgelaufen, mit anderen Spielern wie Stefano Celozzi und Tim Hoogland sind offene Gespräche geführt worden, wo ich sie in der nächsten Saison sehe. Trotzdem haben die Spieler, die vor allem im Jahr 2018 viel für den VfL Bochum geleistet haben, Respekt verdient.

Manche schauen neidvoll auf den SC Paderborn und sein starkes Umschaltspiel. Haben Sie Verständnis dafür?

Robin Dutt: Jede Mannschaft braucht einen Spielstil, der zu seinen Spielern passt. Hätte ich die Wahl auf der grünen Wiese, wäre Tempofußball am Ball, in der Eroberung und im Umschaltspiel ein wesentlicher Baustein. Als ich nach Bochum kam, gab es bei uns eine gewachsene Mannschaft, die das Umschaltspiel teilweise beherrscht hat, aber nicht so gut wie Paderborn. Dafür waren wir auch in dieser Saison im Ballbesitz eine der spielstärksten Mannschaften der Liga.

Gehört zum Umbruch auch eine Änderung oder Anpassung der Spielidee?

Robin Dutt: Ballbesitz war immer nur ein Teil unserer Spielidee. Aber wir müssen es schon schaffen, schneller in die Spitze zu kommen. Tempo, gepaart mit technischer Qualität, ist der Schlüssel zum Erfolg. Wir haben jetzt die Möglichkeit, auch Spieler zu holen, die zu dieser Idee passen. Wir haben zuletzt schon flexibler gespielt, nicht nur im 4-2-3-1. Wir haben etwa mit einer Doppelspitze agiert, mit einem Vierer-Mittelfeld. In dieser Flexibilität wollen wir uns steigern, mit Spielern wie Tom Weilandt und Simon Zoller ist das möglich. Wir haben übrigens auch schon Schnelligkeit im Kader, mit Zoller zum Beispiel, Maxim Leitsch oder zuletzt Jannik Bandowski. Diese standen uns aber verletzungsbedingt fast überhaupt nicht zur Verfügung. Wir brauchen aber sicherlich noch ein, zwei neue Spieler mit Tempo.

Wie fällt der Umbruch konkret aus - personell, taktisch, strukturell?

Robin Dutt: Neben mehr Tempo brauchen wir eine Mannschaft auf dem Platz, die allen das Gefühl vermittelt, dass sie den nächsten Schritt gehen kann – in der Rückrunde hatten wir hier sicherlich Stillstand. Jeder Umbruch bringt es mit sich, dass sich die Mannschaft finden muss, sich Kontinuität erarbeitet, eine neue Hierarchie bildet, Mentalität aufbaut, eine Gier entwickelt. Das braucht Zeit und Verständnis. Die neuen Spieler stoßen nicht mehr auf eine gewachsene Struktur. Gerade bei den jungen Spielern benötigt man auch Geduld: Ein Dominik Baumgartner ist am Ende in seine Rolle als Rechtsverteidiger hineingewachsen, ein Silvère Ganvoula hat am Ende erst als Teil der Doppelspitze funktioniert, und unsere drei 17-Jährigen können auch nicht sofort zu 100 Prozent funktionieren. Trotzdem haben sie gezeigt, was mit einer jungen Mannschaft möglich ist. Es wird mindestens acht Spieler geben, die nicht mehr dabei sein werden. Der Kader wird verkleinert. Wir setzen lieber auf Qualität als auf Quantität und weiterhin verstärkt auf unseren Nachwuchs, der schon bewiesen hat, dass sich das lohnt. Und einer wie Armel Bella-Kotchap hat gezeigt, dass er vielleicht sogar schon eine größere Rolle einnehmen könnte.

Als wichtig und beim VfL nicht ausreichend besetzt gilt das mittlere Alter, zwischen 23 und 28 Jahren.

Robin Dutt: Allgemein ist ein Kader ideal mit einem Drittel junger Spieler, einem Drittel älterer Spieler und einem Drittel dazwischen. Einige im mittleren Alter haben wir ja schon: Miloš Pantović, Thomas Eisfeld, Tom Weilandt, Simon Zoller, Danilo Soares, Sebastian Maier – sie alle können sich noch entwickeln. Damit sind wir nicht so schlecht besetzt, wenn denn alle gesund sind. Bei den Jüngeren kommen Maxim Leitsch und Vitaly Janelt wieder dazu.

Die Genannten zählen wohl alle zum Kern des neuen VfL 2019/20...

Robin Dutt: Eine Wild Card für die Startelf erhält keiner, aber diese Spieler haben schon Qualität. Der Umbruch muss insgesamt gut gestaltet sein.

Machen Sie sich eher um die Defensive oder um die Offensive sorgenvolle Gedanken?

Robin Dutt: Wir werden sicherlich im Abwehrbereich etwas machen müssen. Simon Lorenz kehrt zu 100 Prozent zurück, Sebastian Schindzielorz und ich haben mit ihm gesprochen, letztlich hat er bei uns einen Vertrag. Er hat bei 1860 München in der 3. Liga als Stammspieler eine starke Saison gespielt. Diese Ausleihe hat hundertprozentig funktioniert. Wer neu zu uns kommt, muss sich schon dem Konkurrenzkampf mit allen, auch mit Simon Lorenz stellen.

Auch im Tor gibt es Bedarf.

Robin Dutt: Manuel Riemann wird zunächst als Nummer eins in die Saison gehen. Aber es kommt noch ein neuer Herausforderer, weil uns Felix Dornebusch verlässt. Wir haben zudem mit Paul Grave perspektivisch eines der größten Torwart-Talente aller Bundesligisten. Paul kann ja auch noch in der A-Jugend spielen.

Sie sind bereits die Nummer drei in der Liste der dienstältesten Zweitliga-Trainer. Was treibt Sie an, beim VfL Bochum weiterzuarbeiten?

Robin Dutt: Bochum hat viel mit Jobzufriedenheit zu tun. Ich habe das Gefühl, dass die Menschen mich so wertschätzen, wie ich bin, und umgekehrt schätze ich sie so, wie sie sind. Zudem habe ich Spaß in der täglichen Arbeit mit der Mannschaft, mit dem Funktionsteam. Das soll so bleiben, und dafür brauche ich eine Mannschaft, die mit Volldampf den Alltag bewältigt, die gierig ist, die voll mitzieht. Mit Lethargie und der Haltung, ein Mittelfeldplatz reiche auf Dauer aus, kann ich nichts anfangen.

Ihr Vertrag läuft noch ein Jahr. Woran lassen Sie sich dann messen?

Robin Dutt: Ich hoffe, dass ich mich nicht „nur“ an einem Tabellenplatz messen lassen muss, das hat schließlich auch viel mit unseren finanziellen Möglichkeiten zu tun. Ich lasse mich aber daran messen, ob eine Mannschaft auf dem Platz steht, die die Träume der Menschen bedient und die Fantasie beflügelt. Die Mannschaft muss bei allen das Gefühl entfachen, dass sie den nächsten Schritt gehen kann. Das benötigt zwar Zeit, jedoch bin ich nach der nächsten Saison bereits zweieinhalb Jahre hier, das ist für die heutige Zeit schon ungewöhnlich lange. Dann kann man schon beurteilen, ob ich hier der Richtige bin oder nicht mehr.

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