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Wie sich der DFB um das Thema Integration bemüht

Cacau ist der Integrationsbeauftragte des DFB.

Cacau ist der Integrationsbeauftragte des DFB.

Foto: dpa

Kamen.  In Kamen diskutiert der DFB mit Verbands-Vertretern über das Thema Integration. Dabei wird deutlich: Noch gibt es mehr Fragen als Antworten.

Gundolf Walaschewski beginnt mit einem Seitenhieb. „Präsidenten stürzen leicht, deswegen halte ich mich hier am Tisch fest“, sagt der Präsident des Fußball- und Leichtathletik-Verbands Westfalen im Sportcentrum Kaiserau in Kamen. Walaschewski ist hier Gastgeber, deswegen darf er sich diesen leichten Spott in Richtung der Präsidenten, die der Deutsche Fußball-Bund zuletzt verschlissen hat, erlauben. Vor allem aber darf er die Veranstaltung eröffnen, zu der der DFB eingeladen hat: „Integration im Dialog“. Und der FLVW-Präsident macht direkt einmal deutlich, worum es geht: Immer mehr Abgrenzungsbewegungen mit völkischem Beigeschmack sehe man in Politik und Gesellschaft. „Und das ist ein Angriff auf alle, die sich dem Thema Integration widmen – und damit auch auf Sportvereine“, meint er.

DFB frag an der Basis nach

Auch in Sportvereinen, so Walaschewski, würden Migranten leider nicht von allen als gleichwertige Mitglieder anerkannt, gemessen am Bevölkerungsanteil von fast 25 Prozent seien sie unterrepräsentiert. „Warum finden wir so wenige auf der Führungsebene der Verbände?“ Mit diesen Fragen setzen sich die Teilnehmer der Veranstaltung auseinander, bei der es um die Chancen und Herausforderung von Integration in Fußballvereinen gehen soll. Der DFB will von seiner Basis, von den Menschen in den Landesverbänden und Vereinen hören, was gut läuft und was weniger gut läuft, und bis zum Bundestag im September ein neues Integrationskonzept ausarbeiten. Das Treffen in Kamen ist das vierte dieser Art, ein fünftes und letztes ist für Leipzig geplant.

Ein Beispiel gelungener Integration

51 Teilnehmer aus den Landesverbänden Niederrhein, Mittelrhein und Westfalen haben sich angekündigt, gut zwei Dutzend sind zu Beginn anwesend – denn vor dem Stau am Kamener Kreuz und der Deutschen Bahn sind alle gleich, auch der DFB. Deswegen kommt auch Claudemir Jeronimo Barreto ein bisschen später, der frühere Nationalspieler und heutige Integrationsbeauftragte des Verbands, den alle Welt als Cacau kennt.

Der 38-Jährige ist ja selbst ein gutes Beispiel für gelungene Integration: 1999 kam er mit einer Sambatruppe aus Brasilien nach Deutschland und tourte mit dieser durch das Land, spielte dann erst für einen Fünftligisten, wurde vom 1. FC Nürnberg entdeckt, mit dem VfB Stuttgart Deutscher Meister und fuhr mit der deutschen Nationalmannschaft zur WM 2010 in Südafrika.

Nach Kamen ist er vor allem gekommen, um zuzuhören. „Es gibt keine Vorgabe, nichts von oben herab“, erklärt er später. „Es ist schwierig, wenn die Leute das Gefühl haben: Hier sagt uns jemand etwas von oben. Jetzt geht es darum, zuzuhören, wo es brennt oder wo es Chancen gibt.“ Noch ist aber recht diffus, was dabei herauskommt: „Die Worte Teilhabe hat man oft gehört, außerdem Zusammenhalt, Fair Play, Toleranz, Werte, Zugehörigkeit“, sagt Cacau. „Alles Wörter, die wichtig sind in diesem Zusammenhang, die in allen Veranstaltungen sehr oft kommen.“ Wie das später ein Konzept ergeben soll, bleibt erst einmal offen.

Oft halten Flüchtlinge Jugendabteilungen am Leben

Klar ist nur, dass der deutsche Fußball dieses Konzept braucht, allein schon aus Eigennutz: Der Anteil der jungen Menschen an der Bevölkerung schrumpft, der Anteil an Migranten wächst. Manch schrumpende Jugendabteilung wurde in den vergangenen Jahren auch durch die 70.000 Flüchtline am Leben gehalten, die seit 2015 in deutschen Vereinen ankamen. Bekommen die die Integration nicht hin, gefährden sie die eigene Existenz.

Und: Nach wie vor sind da eben diese Vorfälle auf den Amateurplätzen der Republik, wo Spieler rassistisch beleidigt werden, wo sich aber auch Mitglieder von Migrantenvereinen daneben benehmen. Oder der Eklat von Wolfsburg, als Zuschauer am Rande des Länderspiels gegen Serbien (1:1) die Nationalspieler Ilkay Gündogan und Leroy Sané rassistisch beleidigten, als Wörter wie „Bimbo“ und „Neger“ fielen. Außer dem Journalisten André Voigt, der den Vorfall auch öffentlich machte, griff damals niemand ein.

Inzwischen sind die Geschehnisse juristisch aufgearbeitet: Gegen zwei Männer stellte die Staatsanwaltschaft Braunschweig das Verfahren ein, weil ihre Parolen nicht als Volksverhetzung gewertet könnten – und auf eine Anzeige wegen Beleidigung hatten Sané und Gündogan verzichtet. Einen Dritten, der zudem „Heil Hitler“ brüllte, erwartet ein Strafbefehl über 2400 Euro.

Cacau kritisiert mildes Urteil für Pöbler

„Das ist bitter“, sagt Cacau zu den aus seiner Sicht glimpflichen Folgen. „Man fordert vom Sport, dass man das Thema angeht, das man die Leute bestraft oder anzeigt. Dann wird das getan und dann kommt nichts.“ Ein derartiges Signal macht auch die Integrations- und Antirassismus-Arbeit des Verbands nicht leichter. „Aber welche Alternative hat man?“, fuhr er fort. „Aufgeben und nichts mehr machen, oder weitermachen?“ Denn gerade eine Veranstaltung wie diese in Kamen zeige doch, worum es gehe: „Wir haben so viele Vereine an der Basis, wo man viel erreicht und erreichen kann und wo gute Arbeit geleistet wird“, sagte der frühere Nationalspieler. „Deswegen lässt sich unsere Arbeit nicht nur an diesem Fall messen, dazu gehört mehr. Und glauben sie mir, es gibt viel mehr Gutes als Schlechtes.“

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