Formel 1

Hamilton nach dem WM-Sieg: Im Augenblick spüre ich nur Demut

Feierte mit seinem Team den fünften WM-Titel: Lewis Hamilton.

Feierte mit seinem Team den fünften WM-Titel: Lewis Hamilton.

Foto: dpa

Mexiko-Stadt  Nur Michael Schumacher war als Formel-1-Fahrer erfolgreicher als Lewis Hamilton. Der sagt: "Ich werde immer ein Fan von ihm sein."

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Das wilde Tänzchen mit seiner Trainerin Angela Cullen mitten auf dem Asphalt des Autodromo Hermanos Rodriguez ließ ahnen, wie viel Energie noch im jetzt fünffachen Formel-1-Weltmeister Lewis Hamilton steckte, nachdem er Vierter geworden war beim Großen Preis von Mexiko, eine Dreiviertelrunde hinter Sieger Max Verstappen.

Sebastian Vettel war Zweiter geworden, und liegt vor den letzten beiden Rennen mit unaufholbaren 64 Punkten zurück. Ohne einen Sieg des Heppenheimers hätte Hamilton sogar Platz sieben gereicht. Wie im vergangenen Jahr an gleicher Stelle wurde das Rennen dramatischer als gedacht – ewige Angreifer können einfach nicht auf Halten fahren.

Fünf Titel in elf Jahren, das lässt Großbritannien für einen Moment nicht an den Brexit denken, sondern an ihr Renn-Empire – gleichwohl Deutschland in diesem Jahrtausend weit erfolgreicher ist. Die britischen Reporter hätten Hamilton gern schon zum Besten der Besten, gar zum Größten aller Zeiten erklärt und fordern den Ritterschlag durch die Queen.

Denn Michael Schumacher, der mit sieben Titeln immer noch der Rekordchampion ist, sei ja ein höchst kontroverser Pilot gewesen. Hamilton selbst, der 2013 Schumachers Platz bei Mercedes eingenommen hatte, mochte sich keineswegs als der „Größte aller Zeiten“ einordnen: „Da ist immer noch Michael… Ich werde immer ein Fan von ihm sein, aber ich werde versuchen, ihm nahe zu kommen. Ich bleibe ja noch ein paar Jährchen. Ein Schritt nach dem anderen. Aber ich bin schon stolz mit ihm und Fangio in einem Atemzug genannt zu werden, auch wenn es sich surreal anfühlt.“

"Im Augenblick spüre ich nur Demut"

Überhaupt war der König der sozialen Medien für seine Verhältnisse fast schüchtern. Er gestand: „Ich erlaube es mir nicht, öffentlich zu viele Gefühle preiszugeben. Im Augenblick spüre ich nur Demut, nicht in einer Millionen Jahre hätte ich geglaubt, hier zu stehen. Aber ich hatte schon in der Formel 3 Schwierigkeiten zu begreifen, wenn ich einen Titel gewonnen hatte.“ Zum echten High-Five ging es dreieinhalb Stunden nach Rennende mit ein paar Kumpels im Privatjet nach Los Angeles.

Etwas perplex wirkte er auch, als er gerade seinen Silberpfeil in einer golden markierten Parktasche im riesigen Rennstadion abgestellt hatte, und Sebastian Vettel auf ihn zukam. Der war ganz froh, den unangenehmen Fragen des Moderators nach dem vierten vergeblichen Anlauf mit Ferrari entfliehen zu können.

Er umarmte den Rivalen, die beiden fanden vor der lärmenden Kulisse von 135.000 Zuschauern den innigsten Moment der Zweisamkeit im ganzen Jahr. Vettel nahm Hamilton in den Arm, und gratulierte herausfordernd: „Lass bloß nicht nach, damit ich im nächsten Jahr richtig gegen Dich kämpfen kann.“ Der Verlierer zeigte Größe, er marschierte in die Mercedes-Box und gratulierte auch allen Ingenieuren. Respekt.

"Der absolute Horror" für Vettel

Der Triumph Hamiltons ist nicht ohne das Scheitern Vettels zu betrachten. Der 31-Jährige hatte in Mexiko bei aller Aussichtslosigkeit leidenschaftlich gekämpft, keinen Fehler gemacht. Selbstkritisch stellte er fest: „Dieser Moment ist der absoluter Horror, nachdem ich so viel reingesteckt habe. Ich habe diese Enttäuschung schon dreimal erlebt. Unterm Strich war es kein einfaches Jahr, vielleicht mein schwierigstes Jahr in der Formel 1 Auch wenn ich das nicht will, aber es gibt leider Tage, an denen man nicht der Beste ist. Es war der Tag von Max und das Jahr von Lewis. Ich bewundere seine Leistung auf der Strecke.“

Mercedes-Teamchef Toto Wolff war über die durchwachsene Darbietung der Silberpfeile in Mexiko so sauer, dass er nicht fähig war, bei der Zieldurchfahrt über Boxenfunk zu gratulieren. Das übernahm eine eingespielte Passage aus dem Film „Bad Boys“, gesprochen von Will Smit: „Mach‘ es wie ich Dir beigebracht habe, fahr‘ genauso.“

Ferrari ist jetzt wieder auf 55 Punkte in der Konstrukteurs-WM dran, der Österreicher will unbedingt das fünfte Double. Deshalb flog die Mannschaft sofort zurück in die Rennfabrik nach Mittelengland. Aber die Würdigung wollte er dem sportlichen Ziehsohn natürlich nicht verweigern: „Normalerweise preisen wir die Großen erst, wenn ihre Karrieren vorbei sind. Aber heute müssen wir uns einen Moment Zeit nehmen, um die Leistung von Lewis anzuerkennen. Er hat in dieser Saison immer den Unterschied ausgemacht.“

„Ich werde nie vergessen, was mein Großvater für mich getan hat"

In Mexiko kam eine private Last hinzu, die er erst nach dem Rennen preisgab: Sein Großvater Davidson Augustine Hamilton war am Donnerstag gestorben, weshalb niemand seiner engsten Angehörigen anwesend war – und der Brite ist mindestens so sehr Familienmensch wie Vettel: „Ich werde nie vergessen, was mein Großvater für mich getan hat. Ein starker Mann.“

Aus der eigenen Geschichte zieht der 33-Jährige seine Kraft, so wurde er zum Comeback Kid in einem zunächst von Ferrari dominierten Jahr: „Ich habe meine Energie in die richtigen Kämpfe gesteckt und die richtige Balance in meinem Leben. Mein letztes Jahr war schon großartig, und ich musste überlegen, wie ich noch mehr herausholen konnte, und ich habe diesen Flow gefunden, bin rundum besser geworden. Es gab einige magische Momente. Ich habe gespürt, dass ich das Auto dahin bringen kann, wo es niemand sonst hinbringt.“

Noch gar nicht richtig angekommen in seiner Rolle als fünfmaliger Weltmeister, verabschiedet er sich bereits mit einer Kampfansage: „Ich habe noch einiges zu erledigen!“ High Five.

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