Radsport

Die Mutter aller Tour-de-France-Pässe bezwungen

Dominik Schulz ist aktuell in der Schweiz unterwegs. Es ist seine elfte Alpentour.

Dominik Schulz ist aktuell in der Schweiz unterwegs. Es ist seine elfte Alpentour.

Foto: Frank Oppitz / FUNKE Foto Services

Bottrop.  Dominik Schulz von den Radler 07 Bottrop hat zahlreiche Pässe der Tour de France bezwungen. Er erinnert sich an Schmerzen und Glücksgefühle.

Die letzten Meter tun besonders weh. Noch ein paar Tritte, dann ist der Gipfel erreicht – der Kampf um den Etappensieg bringt auch die besten Radprofis der Welt an ihre Grenzen. Vor allem, wenn das Ziel auf 2115 Meter Höhe liegt. Auf dem Col du Tourmalet. Wenn sich der Tross der Tour de France am Samstag die Serpentinen in den französischen Pyrenäen hinaufschlängelt, sitzt Dominik Schulz vor dem Fernseher und weiß genau, wie sich die Pedaleure fühlen. Er hat den Berg selbst schon bezwungen.

Dominik Schulz, 39 Jahre alt, Lehrer an der Katholischen Schule für Pflegeberufe in Essen, ist passionierter Radfahrer. „Ich bin ein Jan-Ullrich-Kind“, sagt Schulz, der seine Leidenschaft entdeckte, als Ullrich Mitte der 1990er-Jahre zum deutschen Sporthelden aufstieg und 1997 die Große Schleife durch Frankreich gewinnen konnte.

Der Oberhausener, der Rennradwart der Radler 07 Bottrop ist und mit dem Haldenkönig ein Bergzeitfahren zum Tetraeder auf die Beine gestellt hat, entdeckte den Radsport nicht nur im TV, sondern auch auf den Straßen für sich. Drei Mal hat er die Tour de France besucht – auch als trampelnder Tourist. „In meinem T3-Bus bin ich immer zu den Etappenzielen gefahren, habe dort gecampt“, erzählt Schulz.

Als Hobbyradler durch die Massen

Als Jan Ullrich 2003 kurz davor war, Lance Armstrong zu besiegen, war Schulz ebenso dabei wie in den Jahren 2004 und 2005. „Wäre Ullrich 2003 nicht gestürzt, hätte er Armstrong geschlagen“, ist sich der Hobby-Radfahrer sicher. Bei seinem letzten Tour-Besuch hatte er das Rennrad dabei, oft hat Schulz die Zielanstiege schon am Morgen bezwungen, lange bevor die Profis sich dort packende Rad-an-Rad-Duelle lieferten. „Den Pass in Angriff zu nehmen, als Hobbyfahrer durch die Menschenspaliere zu fahren – das macht schon Bock“, schwärmt Schulz.

So erging es ihm auch, als er 2006 an einem ganz besonderen Ort der Tour ankam. „Als ich am Fuß des Anstiegs nach Alpe d’Huez auf den Campingplatz gefahren bin, war mir sofort klar, dass ich da hoch fahren muss“, so Schulz. Hielten die berühmten 21 Kehren, was sie versprochen hatten? „Im Endeffekt fährt man dort zu einem Ski-Retortenort. Aber es gibt viele Mythen um diesen Anstieg. Zum Beispiel die Holländerkurve. Die ganze Straße ist voll gemalt, man wird fotografiert und wenn man weiß, dass Jan Ullrich dort hochgefahren ist, feuert einen das innerlich noch mehr an“, erinnert sich Schulz an das Jahr 2006, als er den Mythos der Tour bezwang. Viel schöner sei es allerdings von Alpe d’Huez weiter in Richtung Lac Besson zu fahren. „Das ist eine ganz tolle Kulisse.“

Partystimmung im Baskenland

In den französischen Alpen, die im Vergleich zu denen in Italien weit weniger steil sind, hat Dominik Schulz andere Favoriten. Beispielsweise den Col du Galibier und den Cormet de Roseland. Aber auch den Col de l’Iseran. „Das ist unglaublich, wenn man in die erste Serpentine fährt und weiß, dass es jetzt 44 Kilometer bergauf geht. Und dann fährt man da drei Stunden rauf. Wenn die letzten zwei, drei Kilometer angezeigt werden und die Passhöhe erreicht ist, lässt das die Quälerei vergessen. Das ist ein Hammergefühl“, beschreibt Schulz und ergänzt: „Meine Frau sagt immer ‘Was machst du da für einen Quatsch’, aber für mich ist das ein erholsamer Urlaub. Im Flachland kann ich meine Leistungsgrenze nicht erleben.“

Auf seiner Liste fehlen ihm nur noch ein paar wenige 2000er Gipfel in den Alpen. In Frankreich, Italien, der Schweiz und Österreich ist Schulz gefahren, seinen ersten Tour-de-France-Pass hat er 2005 aber im Süden Frankreichs erklommen. In den Pyrenäen. 1910 war der Col du Tourmalet der erste Hochgebirgspass, den die Radfahrer bei der Tour bezwingen mussten – auch Schulz feierte hier seine Tour-Premiere. „Die Gegend ist noch viel ursprünglicher und rauer. Viele Basken waren dort, die haben Party ohne Ende gemacht. Abends gab es noch ein Feuerwerk. Da hat man gemerkt, dass die Tour Völker miteinander verbindet.“

Abfahrt mit dem Sprintkönig

Wenn sich das Peloton am Samstag wieder am höchsten asphaltierten Pass Frankreichs abkämpft, werden bei Dominik Schulz die Erinnerungen hochkommen. „Natürlich schaut man genau hin und weiß, wie man sich in welcher Kurve gefühlt hat“, freut er sich bereits auf die Etappe.

Oben angekommen gab es für ihn auch das eine oder andere Mal die Möglichkeit, mit den Profis ins Gespräch zu kommen. „Ich bin einmal mit Erik Zabel abgefahren. Da kann man auch mal kurz fragen, wie er sich fühlt, ob er sich auf Paris freut“, sagt Schulz. Überhaupt sei die Ankunft am Arc de Triomphe ein absoluter Höhepunkt. „Nach drei Wochen in Paris anzukommen ist total schön. Im Zielbereich die Interviews zu sehen, das Drumherum mitzubekommen. Das ist ganz anders, als einfach den Fernseher auszumachen. Da reichen auch die 500 Kilometer Heimweg nicht, um das zu verarbeiten“, beschreibt er die Gefühle.

Jan Ullrich – ein gefallener Held

Dass der Radsport in den vergangenen Jahren häufig negative Schlagzeilen gemacht hat, ist auch an Dominik Schulz nicht spurlos vorbeigegangen. „Jan Ullrich ist für mich ein gefallener Held. Ich hätte mir von ihm mehr Offenheit gewünscht“, sagt er, betont aber auch: „Ich glaube, dass der Radsport heute viel sauberer ist. Und für mich ist die Faszination der Duelle in den Bergen geblieben. Heute schaue ich Radrennen auch um zu sehen, wie sich das Rennen aufbaut, wie die Teamtaktik aussieht und auch wegen der spektakulären Landschaft.“

Und auch er selbst tritt in diesen Tagen wieder in die Pedale. In der Schweiz nimmt er die nächsten Pässe in Angriff, denn die Berge haben ihn schon immer fasziniert. „Die Intensität, viel länger die perfekte Leistung abrufen zu müssen, das begeistert mich.“ Und der Geschwindigkeitsrausch bei der Abfahrt? „Mit Anfang 20 war es mir wichtig, die Pässe mit 90 runter zu ballern. 2009 bin ich in den Alpen gestürzt, habe mir das Becken gebrochen. Mittlerweile ist mir das Hochquälen wichtiger.“

Hohes Tempo, viel Vorsicht

Trotzdem komme er in den Abfahrten noch auf Geschwindigkeiten bis zu 80 km/h. „Als zweifacher Familienvater bin ich da aber vorsichtiger geworden, achte mehr auf Schlaglöcher und darauf, die Kurven richtig anzusteuern“, verrät er.

Abfahren müssen die Profis am Samstag nicht. Das Ziel liegt auf der Passhöhe des Tourmalet. Jenem Berg, an dem Dominik Schulz seine Leidenschaft zur Tour de France zum ersten Mal am eigenen Körper erfahren hat. Mit dem Sieg über die Mutter aller Tour-Pässe.

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