Interview

„Die Krise ist auch eine Chance für Fortuna Düsseldorf“

Gemeinsam in der Arena in Stockum: Björn Borgerding (li.) und Sebastian Fuchs.

Gemeinsam in der Arena in Stockum: Björn Borgerding (li.) und Sebastian Fuchs.

Foto: Fortuna Düsseldorf

Düsseldorf.  Die neue Aufsichtsratsspitze von Fortuna Düsseldorf spricht im ersten Teil des Interviews über ihren Einstand und die Corona-Krise

In einem sind sich Björn Borgerding (38) und Sebastian Fuchs (42) sichtlich einig: Seit dem 28. April 2018 umschließt das gleiche – mittlerweile leicht verblichene – Stoffarmband ihre rechten Handgelenke. Es ist nicht etwa von einem Festival, nein es das VIP-Bändchen von Fortunas Aufstiegsspiel in Dresden. Knapp zwei Jahre später geben die beiden ein Interview – ihr erstes als neue Spitze von Fortunas oberstem Kontrollgremium. Borgerding wurde Ende Januar zum Aufsichtsratsvorsitzenden gewählt, Fuchs zu seinem Stellvertreter. Seither ist viel passiert: Entlassung von Trainer Friedhelm Funkel, Aufhebungsvertrag mit Sportvorstand Lutz Pfannenstiel und nun die Corona-Krise.

Ihren Einstand hätten Sie sich sicher nicht ganz so vorgestellt, oder?

BORGERDING: Ein wenig anders, das stimmt. Es ist eine Menge passiert seit dem 26. Januar, als wir unsere Ämter angetreten haben. Es war der Tag des Leverkusen-Spiels, und schon in den zwei Wochen danach ist brutal viel geschehen.

Und das hat sich bis zum heutigen Tag nicht geändert.

BORGERDING: Stimmt. Wir sind in einer Phase, die eine Riesen-Herausforderung ist. Nicht nur für den Fußball, sondern für die ganze Gesellschaft. In welche Richtung sich das entwickelt, kann heute keiner seriös sagen. Das macht die Lage so schwierig, auch psychologisch. Das Wichtigste ist die Gesundheit der Menschen. Da sollte sich der Fußball ein Stück weit zurücknehmen.

Ist es eine Feuertaufe für Sie?

FUCHS: Das kann man so sagen. Aber wir waren uns sehr wohl bewusst, dass unsere neuen Positionen eine spannende Herausforderung sein würde. Eine solch intensive Phase konnte jedoch niemand erahnen. Dass es irgendwann einmal zu einer Freistellung von Trainer Friedhelm Funkel kommen könnte, damit musste man im Fußballgeschäft rechnen…
BORGERDING: Aber nicht unbedingt nach 24 Stunden in unserem Amt…
FUCHS: Nein, das nicht unbedingt. Und dann kam mit der Bitte Lutz Pfannenstiels um vorzeitige Auflösung seines Vertrags gleich die nächste Aufgabe, jetzt die ganze Corona-Geschichte. Aber da kann man ja gleich ganz Deutschland virtuell in den Arm nehmen. Es gibt keine Chance, sich wegzuducken, und das hat auch keiner von uns beiden vor.
BORGERDING: Im Gegenteil. Wie schon Helmut Schmidt sagte: In einer Krise zeigt sich der wahre Charakter. Und eine Krise kann auch immer eine riesige Chance bedeuten. Wir sind beide optimistisch.

Meinen Sie das speziell auf Fortuna bezogen?

BORGERDING: Auch. Aus dieser Krise kann sich für Fortuna ein gewisses Momentum entwickeln. Das merken wir auch gerade: Mitarbeiter, Spieler, Gremien – alle rücken zusammen, jeder wirft Ideen hinein. Jeder bietet dem anderen Hilfe an, das ist doch ein wunderbares Zeichen. Darauf kann man aufbauen.

Haben Sie konkrete Szenarien entworfen, wie es weitergehen kann?

BORGERDING: Da muss man unterscheiden zwischen Gesellschaft und Verein. Wenn wir über Fußball sprechen, dann sind die Szenarien ja bekannt. Bei uns ist der Vorstand dafür zuständig, welche wirtschaftlichen Ableitungen sich aus den möglichen Situationen ergeben, Chancen ebenso wie Risiken. Mehr kann man im Moment nicht tun, es gibt ja jeden Tag neue Wasserstandsmeldungen. Man muss auf alles vorbereitet sein, und diese Hausaufgaben müssen wir bei Fortuna, speziell unser Vorstand, machen. Das hat er gemacht, und wir sind hundertprozentig überzeugt von den Maßnahmen. Wir vom Aufsichtsrat beraten ihn, und werden so unserer Aufsichts- und Kontrollfunktion gerecht.

Muss man sich im Worst-Case-Szenario Sorgen um Fortuna machen?

FUCHS: Nein, man muss sich um Fortuna keine Sorgen machen. Der Verein ist wirtschaftlich gut aufgestellt und insgesamt in einer sehr positiven Phase, auch wenn die Außendarstellung manchmal anders aussah. Wir erleben gerade die erfolgreichste Zeit der vergangenen 25 Jahre und sind alle guter Hoffnung, dass wir den Klassenerhalt schaffen. Wir sind auch wirtschaftlich in der Lage, diese Situation zu meistern.

Gilt das auch für den Fußball im Allgemeinen?

FUCHS: Der Fußball wird Corona überleben, das steht außer Frage. Darüber hinaus muss man aber sagen, dass es viele Vereine gibt, die nicht so schlank aufgestellt sind wie wir, die nicht so sparsam waren wie wir. Diese Attribute kommen uns jetzt entgegen. Wir müssen konsequent haushalten, das ist klar, aber das können wir bei Fortuna.

Könnte die aktuelle Krise für den Fußball eine Art Regulativ sein?

BORGERDING: Es war ein Dämpfer zur richtigen Zeit, denke ich. Der Fußball hatte sich so entwickelt, dass alles auf Wolke sieben schwebte, immer ein bisschen vom hohen Ross herunter agierte. Jetzt ist mal wieder etwas Demut und Bescheidenheit angebracht. Vielleicht merkt jetzt auch der letzte Funktionär, dass wir die Zitrone nicht immer weiter auspressen können.

Zurück zu den Wurzeln also?

BORGERDING: Wir werden das Rad nicht wieder komplett zurückdrehen, aber wir können und müssen durch diese Krise ein neues Bewusstsein entwickeln.

FUCHS: Nicht mehr dieses „immer höher, immer weiter, immer noch mehr Spiele, immer noch mehr Fernsehgelder, immer neue Wettbewerbe“. Wir sind an einem Wendepunkt angekommen. Auch sozial, dass wir uns fragen: Was ist wirklich wichtig, ist Fußball wirklich der Mittelpunkt der Welt? Nein, es geht nicht nur um den Wirtschaftsbetrieb Sport. Auch nach der Krise wird doch weiter Fußball gespielt werden. Das ist eine Riesenchance für Fortuna, sich da zu positionieren und die nächsten Schritte zu gehen.

Können die Fans ein Gewinner dieses Wandels werden, der sich aus der Krise ergibt?

FUCHS: Definitiv. Wir haben doch alle gesehen beim Geisterspiel Gladbach gegen Köln, was dem Fußball ohne Zuschauer abgeht. Ich persönlich habe mir gesagt: Wenn das jetzt so bleiben sollte, dann wäre das nicht mehr „mein“ Fußball.
BORGERDING: Das hat Schiedsrichter Deniz Aytekin ja nach diesem Spiel richtig gesagt: Das ist, als wenn man in eine Cocktailbar geht und keinen Cocktail bekommt. Die Fans gehören zum Fußball einfach dazu. Es macht einfach keinen Spaß ohne Zuschauer, und deshalb glaube ich auch, dass durch die aktuelle Situation in die Diskussion um Fankultur wieder mehr Fahrt kommt.

Wenn man einigen Virologen glauben darf, kann es aber noch eine ganze Weile ohne Zuschauer weitergehen. Laut Professor Drosten von der Charité sogar noch mehr als ein Jahr.

BORGERDING: Da gibt es aber sehr viele unterschiedliche Aussagen. Ich höre alles von vier Wochen bis 2021. Das seriös vorauszusagen, geht einfach nicht. Wir müssen diese Krise sehr ernst nehmen, aber unaufgeregt damit umgehen.
FUCHS: Wir müssen das, was wir einfordern, allerdings auch nach innen leben – vor allem Solidarität. Ich fände es zwar eine Katastrophe, Spiele ohne Zuschauer zu absolvieren, aber wir können dazu nicht grundsätzlich „nein“ sagen.

Noch einmal zurück zum Regulativ: Verlieren auch manche Schwierigkeiten Fortunas in diesem Licht an Bedeutung?

BORGERDING: Es gab schon einige Unruhe im Verein. Aber wir spüren einen Schulterschluss und sehen in diesem Momentum die Chance, noch enger zusammenzurücken.

Zu dieser Unruhe hat 2019 auch der Vorstandsvorsitzende Thomas Röttgermann mit beigetragen. Ist die Krise daher auch für ihn eine Chance?

BORGERDING: Unser Eindruck ist, dass er dabei einen sehr guten Job macht. Ein Krisenmanager, der für uns Szenarien aufbereitet hat, hinter denen wir zu 100 Prozent stehen. Es war eine unruhige Zeit im vergangenen Jahr, aber Thomas Röttgermann arbeitet auch jetzt mit sehr viel Ruhe und Selbstbewusstsein, was ich sehr gern sehe.
FUCHS: …und was uns in dieser sehr speziellen Situation auch beruhigt: Er ist ein erfahrener Seemann, verfügt über 30 Jahre Erfahrung im Geschäft. Das kommt uns jetzt zugute. (jol/erer)

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