Das Leben ist (k)ein Ponyhof

Die Hagener Cowboys mögen es ruhig

Das Werfen des Lassos, um ein entlaufenes Rind einzufangen, will gelernt sein: Rinderhirte Marco Hubricht demonstriert das „Ropen“ beim Training, nicht jeder Wurf sitzt.

Das Werfen des Lassos, um ein entlaufenes Rind einzufangen, will gelernt sein: Rinderhirte Marco Hubricht demonstriert das „Ropen“ beim Training, nicht jeder Wurf sitzt.

Foto: Axel Gaiser

Hagen.  Die Cowboys aus Texas sind kein Vorbild: Die Rinderhirten, in Hagen initiiert, fangen auch entlaufene Bullen ein. Aber auf die ruhige Tour.

Die Abschuss-Genehmigung für Bulle „Bernd“ lag schon vor. Das Galloway-Rind war ausgebüxt, mehr als einen Monat hatte es seine Freiheit genossen. Beim letzten Versuch, den gut 400 Kilogramm schweren Bullen im niedersächsischen Kreis Gifhorn wieder einzufangen, wurden die Westernreiter aus Hagen hinzugerufen. Und mit Tanja und Marco Hubricht gelang es, „Bernd“ unversehrt zurück auf seine Weide zu treiben. Das Einfangen entlaufener Tiere gehört zu den Aufgaben der „Rinderhirten“, eines in Hagen initiierten Zusammenschlusses von Reitern aus ganz Deutschland, die Landwirte, Naturschutz-Verbände und Veterinäre bei deren Arbeit unterstützen. „Unsere Passion ist die ruhige Arbeit an der Herde und am Rind“, beschreibt es Marco Hubricht. Die westfälischen Cowboys unterscheiden sich da deutlich von ihren aus Westernfilmen bekannten, wilden Vorbildern aus Amerika.

Westernreiten - die Rinderhirten aus Hagen

Vom „Greenhorn“ zum „Rinderhirten“ ist es ein ordentlicher Weg, das macht Marco Hubricht in der Iserlohner Grürmannsheide deutlich. „Das ist unsere Spielwiese“, sagt er mit Blick auf die Weide des Landwirts Gerd Ostholt, dem der Hagener Verein auch schon beim Einfangen entlaufener Rinder half: „Er ermöglicht uns, dass wir hier ständig trainieren dürfen.“ An Ostholts Herde von etwa 25 Highland-Rindern üben die Vereinsmitglieder das Treiben, Selektieren, Settlen - und die Arbeit im Team. Ein oder mehrtägige Lehrgänge mit ausgebildeten Trainern in den verschiedenen Leistungsstufen bieten die „Rinderhirten“ mit Partnern an. Den „Greenhorn“-Status haben die angehenden Cowboys nach Gewöhnungs- und Basis-Kurs abgelegt, vom „Rinderreiter“ werden sie über den „Rinderhüter“ zum „Rinderhirten“. Auch mit theoretischer Schulung. „Wie liest man ein Rind, wie liest man eine Herde?“, sagt Hubricht“, „daraus lässt sich viel ableiten.“

Nach altkaliformischer Reitweise

Die Grürmannsheider Rinder bieten an diesem Vormittag im Vereinstraining besten Anschauungs-Unterricht. Fünf Klubmitglieder haben ihre Pferde mitgebracht, üben im Verbund, zwei weitere helfen als „Bodenpersonal“, stellen den Strom auf den Weidezäunen ab, öffnen die Gatter. „Wichtig ist, dass alles ganz ruhig passiert“, erklärt Andreas vom Schemm, der heute nicht mitreitet: „Jetzt treiben sie die Rinder in der Formation zusammen, bringen sie zum Stehen, dann wird selektiert.“ Das klappt nicht immer, auch weil die Rolle des Teamführers gewechselt wird. „Wir haben zu viel Druck ausgeübt, da sind die Rinder ins Laufen gekommen, aber das ist ja Training“, analysiert Marco Hubricht und konkretisiert: „Eine Herde, die rennt, hat man nicht unter Kontrolle.“

Landschafts- und Tierschutz obenan

Da Landschafts- und Tierschutz bei ihnen obenan stünden, arbeite man grundsätzlich sehr ruhig. Und orientiert sich an der altkalifornischen Reitweise, Vorbildern aus Kanada und den spanischen Vaqueros, in Andalusien haben die Hubrichts – die Initiatoren der „Rinderhirten“ – diese Art des „Ranchworking“ kennengelernt. „Wer meint, wild in oder an einer Herde reiten zu müssen, ist bei uns falsch“, betont Marco Hubricht: „Da distanzieren wir uns ganz stark vom texanischen Stil.“

Das gilt auch für den Umgang mit dem Lasso, mit dem in Texas Tiere aus vollem Galopp spektakulär niedergerissen werden. „Was man in den klassischen Western-Filmen sieht, ist nicht unser Ziel“, macht Hubricht deutlich, „wir wollen keine Gewalt am Rind.“ Statt des etwa sieben Meter messenden Lassos arbeiten die Rinderhirten im Training mit dem etwa doppelt so langen Rope, das ein „Brakeaway“-Endstück hat. „Bei bestimmtem Druck öffnet sich die Schlinge“, erklärt Hubricht, lediglich das Arbeits-Brakeaway beim Fangen von Kälbern, Schlachtvieh oder entlaufenen Bullen sei geschlossen. Auch das „Ropen“ – erst in der letzten Ausbildungsstufe Lerngegenstand für angehende „Rinderhirten“ – gehe ganz ruhig vonstatten, der Ausbilder demonstriert es an der Herde in der Grürmannsheide. An diesem Vomittag zunächst mit wenig Erfolg. „Nicht jeder Wurf sitzt“, räumt Marco Hubricht ein, bei seiner Passion ist Geduld gefragt. Ganz nach dem Wahlspruch seines Vereins: Rinderhirten sind Reiter, die ruhig an Rindern arbeiten.

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