Turnen

Hagen: Emma Bergmann will kein Mitleid - sie will nur turnen

Am Reck aufstützen? Gar kein Problem. Schon von Anfang an ist Emma Bergmann (links) mit ihrer Schwester Lotta in die Turnhalle Berchum gekommen. Mit Übungsleiterin Mona Sturm (rechts) übt die Vierjährige neue Übungen. 

Am Reck aufstützen? Gar kein Problem. Schon von Anfang an ist Emma Bergmann (links) mit ihrer Schwester Lotta in die Turnhalle Berchum gekommen. Mit Übungsleiterin Mona Sturm (rechts) übt die Vierjährige neue Übungen. 

Foto: Michael Kleinrensing / WP

Hagen.  Kurz nach ihrer Geburt muss sich die heute vierjährige Emma Bergmann schweren Operationen unterziehen. Heute kann sie sagen: Alles ist gut.

So ganz überzeugt ist sie von dem Gespräch noch nicht. Dabei weiß sie, dass es vor allem um sie und ihre Geschichte geht. Doch Emma Bergmann ist zurückhaltend, lässt lieber ihre Mutter Mareike erzählen. Dabei sein möchte die Vierjährige, die sich schon in ihren schwarzpinken Turnanzug geworfen hat, aber trotzdem. Neugierig ist sie ja. Und kaum geht es in die Berchumer Turnhalle, ist das blonde Mädchen wie ausgewechselt.

Kein Wunder: Auf die Frage seit wann ihre zweite Tochter eigentlich turnt, weiß Mutter Mareike Bergmann so schnell gar keine Antwort: „Na, eigentlich schon immer.“ Denn die große Schwester Lotta (7) diente schon früh als Vorbild, und der Weg zur Berchumer Turnhalle ist nur kurz. „Sie war immer schon dabei, wenn Lotta geturnt hat. Schon als kleines Baby. Da war es klar, dass sie auch anfängt.“ Das heimische Kinderzimmer schmückt daher auch ein kleiner Schwebebalken, im Garten steht ein Reck. „Ich finde es gut, dass die Kinder immer in Bewegung sind und sportlich aktiv sind“, unterstützt Mareike Bergmann ihre Töchter gerne.

Dass Emma sehr krank war, das merkt man ihr nicht an, wenn sie unter der Leitung von TV-Trainerin Martina Sturm und deren Tochter Mona durch die Berchumer Halle turnt. Nach ihrer Geburt wurde bei der Neugeborenen eine sogenannte Speiseröhren-Lunge diagnostiziert. In einer riskanten Operation, die bis dahin europaweit erst dreimal geglückt ist, wurde Emma in Berlin operiert. Als erstes deutsches Kind. Keine einfache Zeit für die Familie, die viel Zeit auf Intensivstationen verbringen musste. „Das war keine einfache Zeit. Wir sind alle froh, dass es dann doch so gut ausgegangen ist.“

Der Ausgang war ungewiss

Denn ob und wie beeinträchtigt Emma nach dem riskanten Eingriff sein würde, das konnte niemand im Vorfeld wissen. Aber sie erholte sich im Anschluss schneller, als alle zu hoffen gewagt hatten. „Man hat ja auch einfach keine Vergleichswerte. Dadurch, dass es so selten ist und es so wenige Operationen gab, wusste man ja nicht, ob es Langzeitschäden gibt oder nicht“, berichtet Mareike Bergmann, während sie ihren Töchtern beim Turnen zuschaut.

Auf die Frage, ob ihr das Turnen Spaß macht, nickt Emma begeistert. „Turnerisch merkt man ihr überhaupt nicht an, dass sie irgendwelche Defizite oder sonst etwas hat“, bestätigt auch Trainerin Martina Sturm und ergänzt: „Im Gegenteil. Für ihr Alter macht sie das super. Vom Verhalten her ist sie sehr konzentriert und versteht schnell, was man von ihr möchte und wie die Übungen gehen.“

Einschränkungen gibt es für die kleine Berchumerin kaum. „In der aktuellen Zeit mit Corona gehört sie natürlich zur Risikogruppe, und vor der ersten Erkältung hatten wir damals auch große Angst. Aber inzwischen ist eigentlich das Einzige, was ansteht, dass wir einmal im Jahr zum Kinderorthopäden müssen.“

Denn Emma hat Skoliose, eine seitliche Verbiegung der Wirbelsäule, durch welche diese verformt ist. Doch auch das sieht man ihr nicht an. Dort zeigen sich die positiven Auswirkungen ihres Hobbys, wie ihre Mutter glücklich berichtet: „Der Arzt meinte zu uns, dass sie sich sehr gut entwickelt hat.“ Durch das Turnen, wobei sie sich immer wieder aufrichten und auf ihre Haltung achten muss, konnte Emma der Verformung entgegenwirken.

Vor Corona viel Besuch

Und wie wichtig die Bewegung den Geschwistern, zu denen inzwischen auch die zweijährige Tilda gehört. ist, merkt man, wenn man die drei Schwestern beobachtet. „Sie sind ständig unterwegs, turnen durch den Garten bei uns oder machen sonst was“, ist Mareike Bergmann immer glücklich über die quirlige Art ihrer Kinder und ergänzt: „Vor Corona hatten wir hier auch gefühlt alle paar Tage einen ganzen Kindergeburtstag, so viele Freundinnen, wie die Mädchen immer dabei hatten.“

Und genau das ist es auch, was die Familie Bergmann vermitteln möchte: „Ja, Emma war sehr krank, aber inzwischen führt sie ein ganz normales Kinderleben“, möchte Mutter Mareike nicht, dass ihre Tochter irgendeinen Sonderstatus hat oder Mitleid bekommt. Denn wer Emma beobachtet, wenn sie in der kleinen Berchumer Halle über den Schwebebalken läuft oder sich am Reck aufstützt, um einen Überschwung zu machen, der sieht ihr nicht an, wie krank sie war.

Beim TV Berchum kennt zwar jeder ihre Geschichte, aber dort ist Emma vor allem als kleine ehrgeizige Turnerin bekannt. Und nicht für ihre Krankheit.

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