Nach dem WM-Aus

Thomas Krah (Garenfeld): Jugendlichen fehlen Idole

SC-Vorsitzender Thomas Krah und Orosol-Geschäftsführer Hans-Martin Diederichs.

SC-Vorsitzender Thomas Krah und Orosol-Geschäftsführer Hans-Martin Diederichs.

Foto: Verein

Hohenlimburg/Garenfeld.   Fußball-WM jetzt ohne Deutschland. Was hat das Ausscheiden „der Mannschaft“ für Auswirkungen auf die Region?

Fassungslosigkeit am Mittwochabend im ganzen Land – Deutschland ist bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland nach der Vorrunde ausgeschieden. Als Gruppenletzter. Als amtierender Weltmeister eine Blamage. Auch in der Heimat ist die Enttäuschung groß. Was hat das Ausscheiden „der Mannschaft“ für Auswirkungen auf die Region? Die WP sprach mit Thomas Krah, Vorsitzender des SC Berchum/Garenfeld.

Herr Krah, welche Auswirkungen hat das WM-Aus auf den Amateurfußball in der Region?

Thomas Krah: Bestimmt keine negativen Auswirkungen. Ich hoffe eher, dass wir ein gesteigertes Zuschauerinteresse an den Vorbereitungsspielen und Turnieren feststellen werden. Im Amateurbereich wird ehrlicher Fußball geboten und teilweise höheres Tempo gespielt, als es unsere Nationalmannschaft in Russland gezeigt hat (schmunzelt).

Wie weit ist die Nachwuchsarbeit betroffen?

Für uns Amateure hat dies erst einmal wenig Auswirkung, allerdings fehlen den Jugendlichen jetzt die Idole. Welchen Namen soll man sich denn auf das Trikot der Nationalmannschaft drucken lassen? Da ist in Sachen ,Identifikation mit der Nationalmannschaft’ jetzt viel kaputt gegangen.

Ein rigoroser Neuaufbau mit einer neuen und frischen Generation ist jetzt dringend notwendig. Die jungen Spieler und Talente, mit denen sich Jung und Alt dann auch wieder identifizieren können, sind ja vorhanden. Wir wurden U21-Europameister, und letztes Jahr hat ein sehr junges Team den Confed-Cup mit gutem Fußball und viel Herz gewonnen. Ich persönlich würde mir wünschen, wenn für diesen Neuaufbau ein neues, frisches und hungriges Trainerteam an die Stelle von Jogi Löw tritt und dieser den Weg frei macht.

Wie groß war der Zulauf an Kindern nach dem WM-Triumph 2014, was passiert nun?

Die Begeisterung wird nach den Sommerferien bei den Kleinsten wohl nur ,Normalmaß’ haben. Das war nach der WM 2014 oder auch gerade nach der Heim-WM 2006 ganz anders. Da kann ich mich noch gut dran erinnern, denn Thomas Becker und ich standen nach den Ferien zum ersten Training der Minis mit 38 Kindern auf dem alten Berchumer Sportplatz.

Können andere Sportarten hoffen, aus dem Schatten des Spitzenfußballs herauszutreten?

Das denke ich weniger, dafür steht der Fußball zu sehr im Fokus der Gesellschaft. Der Samstag ist immer in allen Sportsendungen voll mit Fußball aus allen Ligen. Das war früher anders, da wurde abends im Sportstudio nicht noch einmal alles im Detail durchgekaut, sondern es kamen nach dem Fußballblock auch immer andere Sportarten zum Zug. Daran wird ein WM-Aus der Nationalmannschaft - leider - nichts ändern. Mir persönlich ist es mittlerweile auch zu viel Fußball im TV, aber der Markt bestimmt unser Programm.

Kann der Amateurfußball von der Blamage des Spitzenfußballs womöglich profitieren? Ist das WM-Aus eine Chance?

Schon nach dem ersten Spiel habe ich kein wirkliches „Wir-Gefühl“ gespürt. Der Mannschaft fehlte so viel. Wenn spielerisch schon nicht viel geht, dann kann eine deutsche Mannschaft immer noch einiges über die Laufbereitschaft, die Leidenschaft und Herzblut erreichen. Aber neben den echten Typen fehlten diesmal eben auch die sonst so viel gepriesenen ,deutschen Tugenden’. Amateurfußball und Spitzenfußball sind meiner Meinung nach irgendwo voneinander abhängig. Die Top-Spiele und Welt - und Europameisterschaften sorgen für echte Fußball-Begeisterung. Dies schlägt dann bis in die unterste Liga und jüngste Jugendmannschaft durch. Beim Jugendturnier am Wochenende in Garenfeld habe ich bei den Kids sehr oft den ,Ronaldo-Jubel’ gesehen. Dieser Spieler ist ein Idol und (fast) jeder Junge will so spielen wie Ronaldo. Aus dieser Begeisterung entstehen dann die Stars von übermorgen.

Was muss der Amateurfußball bieten, um von dieser kritischen Haltung gegenüber dem Profifußball zu profitieren?

Ich kann da nur von uns reden. Wir versuchen im Verein für alle Mitglieder eine Wohlfühloase zu schaffen, da wir Nachhaltigkeit für sehr wichtig erachten. Unser Vereinsheim ist immer offen, und die Currywurst ist die Beste weit und breit. Sonntags bekommen die Zuschauer bei uns ehrlichen und spannenden Amateurfußball geboten und dies für recht wenig Geld. Die Spieler im Seniorenbereich sind größtenteils schon viele Jahre bei uns aktiv, was eine gewisse Bodenständigkeit und Identifikation mit dem Verein widerspiegelt.

SG Ho/Ho ein Breitensportverein mit Herz

Für die SG Hohenlimburg/Holthausen erwartet Philipp Leichtnahm keine signifikante Auswirkungen für den Fußballbetrieb. „Der Fußball ist und bleibt die beliebteste Sportart in Deutschland und ist fest in unserer Gesellschaft verankert“, so der SG-Kassierer. Er verbinde Generationen und Kulturen miteinander. „Das ist es, was ihn so besonders macht. Über eine wegbrechende Begeisterung sollte man sich demnach keine Sorgen machen.“ Zudem beginnen ja bald Borussia Dortmund und Schalke 04 mit der Vorbereitung. „Das sollte die WM ein wenig vergessen lassen.“

Den Mitgliederzuwachs, den es 2014 gegeben hat, erwartet Leichtnahm nicht. „Insbesondere der Andrang in der G-, F- und E- Jugend war damals schon enorm.“

Hohe Gehälter und Eintrittspreise, gigantische Transfersummen, Pay-TV sowie streikende Profifußballer hätten tatsächlich dazu geführt, dass ein Raunen durch die Bundesrepublik geht. „Das wird im Hinblick auf die Transfersummen in England auch noch weiter voranschreiten, denn der deutsche Markt wird mitgehen müssen, um den Anschluss nicht zu verlieren. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass Bundesligisten auf einmal vor leeren Rängen spielen, weil die Fans sich dem Amateurfußball zugewandt haben.“

Philipp Leichtnahm liegt es sehr am Herzen, dass die SG Ho/Ho ein Breitensportverein ist. Der Verein habe eine soziale Verantwortung im Raum Hohenlimburg und gegenüber den dort lebenden Mitbürgern. „Die Menschen sollen bei uns einen Anlaufpunkt haben und dort eine familiäre Atmosphäre vorfinden, denn die Familie ist unser stärkstes Netzwerk. Sie stiftet Zusammenhalt über Generationen hinweg und für unseren Verein als Ganzes“, sagt der Funktionär.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben