Kabinengeflüster

Thomas Reuters unvergessliche Begegnung mit John Stockton

| Lesedauer: 7 Minuten
Nach seinem Siegtreffer gegen Schwelm lässt sich Yannick Opitz (rechts) von seinem Team feiern (links ist Thomas Reuter).

Nach seinem Siegtreffer gegen Schwelm lässt sich Yannick Opitz (rechts) von seinem Team feiern (links ist Thomas Reuter).

Foto: Michael Scheuermann

Hagen.  Thomas Reuter (29) spricht im Kabinengeflüster über sein Duell mit John Stockton und ein feindseliges Derby zwischen Iserlohn und Schwelm.

Kann man glückselig und beeindruckt sein, wenn man als 20-jähriger Basketballer von einem 50-Jährigem regelrecht frisch gemacht wird? Kann man, wenn der Gegner John Stockton hieß. Warum der gebürtige Hagener Thomas Reuter (29), aktuell in Diensten des ProB-Ligisten WWU Baskets Münster, auf die NBA-Legende traf und welches Derby für ihn unvergesslich ist, erzählt er in unserer neuesten Folge von „Kabinengeflüster“.

Genugtuung pur

In der Saison 2014/15 der 2. Basketball-Bundesliga ProB hatten die Iserlohn Kangaroos große Ambitionen. Nach dem Aufstieg war die Mannschaft von Trainer Matthias „Matze“ Grothe auf Anhieb eines der besten Teams der Liga. Der abstiegsbedrohte Lokalrivale EN Baskets Schwelm sollte für die Kangaroos eigentlich kein Hindernis sein – eigentlich. Im Januar 2015 schwächelten die Kangaroos, Schwelm spielte mit dem Rücken zur Wand. „Bei denen brannte der Baum“, erinnert sich Thomas Reuter.

Im Derby in der altehrwürdigen Halle West drehten die Baskets die Kräfteverhältnisse vor lautstarker Kulisse um. Bei nur noch dreieinhalb Minuten auf der Spieluhr führte Schwelm mit 16 Punkten und sah wie der sichere Sieger aus. „Ich weiß noch, wie ich wenige Minuten vor Schluss eingewechselt wurde und Julius Dücker von Schwelm zu mir sagte: Jetzt brauchst du dich auch nicht mehr anstrengen“, schmunzelt Reuter. „Aber ich hatte das Gefühl, dass da noch etwas geht.“

Und wie da etwas ging. Iserlohn holte Punkt für Punkt auf, Schwelm bekam zittrige Knie. Kurz vor Schluss, beim Stand von 84:81, bekam Thomas Reuter den Pass von Orlan Jackmann, drückte von der Dreierlinie ab und traf – Verlängerung! In der Nachspielzeit ging es weiter hin und her und am Ende war es ausgerechnet Yannick Opitz, der mit der Schlusssirene den entscheidenden Dreier zum 96:93-Auswärtssieg versenkte.

Warum ausgerechnet? Weil der junge Hagener Guard das ganze Spiel über von Schwelmer Ultras beschimpft und bedroht wurde. Der Buzzerbeater war für ihn Genugtuung pur. „Sie hatten riesige Banner mit Schmährufen drauf, für jedes Viertel eins“, erzählt Opitz, der damals eine Fehde mit dem Schwelmer Anhang hatte. „Die Stimmung war nicht nur hitzig, sondern schon feindselig“, weiß Reuter.

Aber die Kangaroos hatten das letzte Wort. Opitz, Reuter und Co. jubelten und feierten sich, die Baskets und ihre Fans waren geschockt und niedergeschlagen.

Aus dem Staub gemacht

In die Iserlohner Euphorie mischte sich nach Spielschluss auch Furcht. Furcht vor den aggressiven Schwelmer Fans. „Ich dachte damals: Wir müssen irgendwie unbeschadet aus der Halle kommen“, sagt Reuter. Als die Iserlohner gemeinsam aus der Arena gingen, warteten draußen bereits Baskets-Anhänger. „Einer hat zu Matze gesagt: Nach McDonald’s geht’s dort entlang“, erinnert sich Reuter.

Es kam zum Gerangel, Grothe soll sich einen Schwelmer mit beiden Händen gekrallt und in die Lüfte gehoben haben. „Mit der rechten Hand hat er einen Ultra gepackt, mit der linken hat er Marcel Keßen ferngehalten, der sich mit einmischen wollte“, grinst Opitz, den die Schwelmer sich ja eigentlich vorknöpfen sollten. Doch der hatte sich, wie Reuter auch, längst aus dem Staub gemacht.

Mehr Weizen, mehr Punkte

Als Thomas Reuter in der Saison 2010/11 für ProB-Ligist BSV Wulfen spielte, hatte er einen überragenden US-Amerikaner an seiner Seite. Aber Joey Henley war nicht nur spielerisch auf Topniveau, er war auch abseits des Feldes ein Gewinn fürs Team. „Joey war super integriert“, denkt Reuter zurück. Der Amerikaner hatte sich deutschen Bräuchen allerdings besser angepasst, als seine Mitspieler dachten. Als das Team vor einem Auswärtsspiel zusammen aß, überraschte Henley alle, als er sich ein Weizenbier bestellte. „Wir dachten alle, er hätte einen Witz gemacht. Wir hatten Apfelschorle getrunken, und wer mutig war, hat eine Cola bestellt.“

Aber Henley wollte halt ein zünftiges Weizen und er bekam es auch. Sein Trainer Philipp Kappenstein sagte ihm damals: Mir ist egal, ob du vorm Spiel Bier trinkst, solange du performst und wir gewinnen. Und es kam, wie es kommen musste. „Joey war überragend in dem Spiel“, sagt Reuter. Hopfen und Malz schienen dem Amerikaner frische Kräfte zu verleihen, also trank Henley von da an vor jedem Basketballspiel ein Weizen. Prost!

Der fitteste 50-Jährige

Thomas Reuter war in seiner Jugendzeit vermutlich deutschlandweit der einzige Basketballer, der mit einem lilafarbenen Trikot von Karl Malone durch die Hallen lief. „Ich war immer ein großer Fan der Utah Jazz“, bekennt der 29-Jährige. Umso größer war für ihn die Ehre, als er vor neun Jahren selbst mit dem legendären Jazz-Aufbauspieler John Stockton, der mit Malone in den Neunzigern ein unaufhaltsames Duo bildete, auf dem Feld stand. Reuter ging 2012 an die US-amerikanische Uni Eastern Washington, und nur kurz nach seiner Ankunft nahm der Hagener an einem „Open Gym“ teil, das Stockton in seiner Heimatstadt Spokane gab.

„Er hat diese Open Gyms selbst organisiert. Dort kamen dann viele College-Spieler aus der Region hin, einfach um gegeneinander zu zocken“, erklärt Thomas Reuter. Aber John Stockton, einer der besten Passgeber aller Zeiten, zockte im Alter von 50 Jahren noch selbst mit. Und das mehr als gut. „Er hat uns alle rasiert“, lacht Reuter. „Es war unglaublich, wie fit und wie gut er noch war. Er hat keins der Trainingsspiele verloren.“

Einziger Wermutstropfen: Reuter spielte nicht in einem Team mit Stockton. „Ich wäre gerne anstelle von Malone sein Assist-Abnehmer gewesen“, sagt der Flügelspieler. „Aber Stockton live zu erleben, das war trotzdem der Wahnsinn.“

+++ Info +++

In der Serie „Kabinengeflüster“ sprechen aktuelle und ehemalige Größen des Hagener Basketballs über prägnante, kuriose und witzige Momente ihrer Laufbahnen. Die Serie hat unsere Zeitung in Zusammenarbeit mit den Basketballern Yannick Opitz und Sören Fritze, die bei Erstregionalligist BBA Hagen aktiv sind, ins Leben gerufen. Beide spielen seit 2018 wieder für die BG bzw. BBA Hagen.

Thomas Reuter wechselte im Sommer 2020 von ProA-Ligist Uni Baskets Paderborn zum ProB-Team der WWU Baskets Münster. Dort ist der 29-Jährige Mannschaftskapitän. In seiner Jugend spielte Reuter unter anderem für den TuS Breckerfeld, später durchlief er die Jugendschule von Phoenix Hagen. Mit Phoenix schnupperte der Flügelspieler unter Trainer Ingo Freyer Bundesliga-Luft. Aktuell absolviert der angehende Gymnasiallehrer sein Referendariat.

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