Das Leben ist (k)ein Ponyhof

Tölten vor der früheren Trainerbank in Hagen-Holthausen

Islandpferde statt Kicker: Michelle Wilbert auf „Kjarkur“ (l.) und Susanne Burghardt („Hroki“)  tölten vor der früheren Trainerbank.

Islandpferde statt Kicker: Michelle Wilbert auf „Kjarkur“ (l.) und Susanne Burghardt („Hroki“) tölten vor der früheren Trainerbank.

Foto: Hendrik Nachtigäller

Holthausen.  Früher wurde hier gekickt, jetzt wird getöltet: In Holthausen entstand aus dem Fußballplatz eine Ovalbahn für Islandpferde.

Hufgetrappel statt hektischer Rufe, Wiehern statt schriller Pfiffe aus der Trillerpfeife: Wo einst die Fußballer des TuS Holthausen dem runden Leder hinterherjagten, tölten heute Islandpferde. Aus der ehemaligen Heimspiel- und Trainingsstätte des TuS auf der Hegge hat das Ehepaar Susanne Burghardt und Klaus Hübel mit einer Interessengemeinschaft aus Gleichgesinnten binnen vier Monaten von März bis Juli eine holzumzäunte Ovalbahn samt Unterständen für Ross und Reiter geschaffen, die die Herzen von Pferdefreunden höher schlagen lässt - vom begeisterten Breitensportler bis hin zur globalen Elite. „Wir hatten vor kurzem Johanna Tryggvason hier. Die findet es unglaublich, auf dieser Anlage zu reiten“, berichtet Klaus Hübel begeistert. Die amtierende Weltmeisterin im Tölt und der Viergang-Kombination ist in der Isländer-Szene eine feste Größe. Doch bis zu diesem Punkt war es ein langer Weg.

„Wir waren schon ganz lange auf der Suche nach einem Platz, der ganz eben ist, weil hier in dem Gelände geht es viel Berg hoch, Berg runter, und eigentlich haben wir dafür eine alte Industriebrache gesucht“, berichtet Susanne Burghardt. „Dann hat Klaus im letzten Jahr in der Zeitung gelesen, dass dieses Gelände nicht mehr zum Fußballspielen genutzt wurde und man bisher keine Eignung dafür gefunden hatte.“ Hübel, ein Mann der Tat, trat mit seiner Idee an die Kultur- und Dorfgemeinschaft Hagen-Holthausen heran, und traf auf offene Ohren: „Die Holthauser Bürger wollten auch gerne, dass hier etwas passiert, und dass nicht die Leute hier nachts mit Autos und Motorrädern herumfahren oder Trinkgelage stattfinden.“ Nach der Fusion der TuS-Fußballer mit Eintracht Hohenlimburg zur SG Hohenlimburg-Holthausen lag der Platz brach, in der Folge kam es auf dem verwaisten Gelände wiederholt zu Vandalismus und Ruhestörungen.

140 Pfähle in Boden gerammt

Nun wollen die Reiter den Hegge-Sportplatz mit neuem Leben füllen. „Und zwar nicht als Turnier-, sondern als Trainingsplatz“, erklärt Hübel. „Der ist für Unterricht und Lehrgänge gedacht, die Susanne und andere qualifizierte Trainer geben.“ Einen Schulpferdebetrieb soll es hier ebensowenig geben wie feste Stallungen für die Vierbeiner. Wer auf der Hegge reiten und trainieren möchte, muss ein Pferd mitbringen. Klaus Hübel und Susanne Burghardt fahren dazu im Schnitt zweimal pro Woche mit ihren Isländern aus dem Nimmertal in Hohenlimburg nach Holthausen. Die 54-Jährige ist B-Lizenz-Trainerin und Sportwartin im Landesverband der Islandpferde-Reiter- und Züchtervereine Westfalen-Lippe. Der Sportkader des Verbandes nutzt die neue Ovalbahn in Holthausen bereits. „Das sind zwölf Reiter, die sich hier für Lehrgänge und Training treffen“, berichtet Burghardt.

Erst stand die Überlegung im Raum, den Platz mit den Islandpferdefreunden Südwestfalen e.V., in dem Hübel und Burghardt Mitglieder sind, zu betreiben, doch unterschiedliche Auffassungen über die Vision der Nutzung führten dazu, dass das Ehepaar die Umsetzung mit der Interessengemeinschaft selbst in die Hand nahm. Und das bedeutete zunächst einmal: ganz viel Arbeit. Gut 10.000 Quadratkilometer Fläche habe das Gelände, der Innenbereich der Ovalbahn liege bei rund 4000 bis 4500 Quadratmetern. Insgesamt 140 Pfähle zwängte die Interessengemeinschaft in den Grund, einerseits um die Ovalbahn zu umfrieden, andererseits um den „Roundpen“ an der eingangsfernen Seite des Platzes zu erstellen.

Hütten von der „Equitana“

Kein einfaches Unterfangen bei dem Untergrund. „Hier ist Kalkboden drunter, nebenan ist ja der Kalksteinbruch“, berichtet Klaus Hübel. „Das war schon eine Aufgabe, mit einem 52er Bohrer hier die Löcher in den Boden zu machen, um dann die Pfähle einstecken zu können.“ Diesen kreisrund umzäunten „Roundpen“ nutzen die Reiter, um entweder innerhalb mit dem Pferd auf engerem Raum zu arbeiten, oder die Rösser außen herum auf gebogener Linie zu bewegen. Südlich des Reitplatzes hat die Interessengemeinschaft überdachte Unterstände für die Isländer geschaffen und dafür ehemalige Messehütten von der Pferdemesse „Equitana“ genutzt.

An anderen Stellen wird die Fußball-Vergangenheit der Sportstätte deutlich. Einen der Torpfosten zum Platzeingang hin haben die Pferdefreunde nur abgesägt und in die Umzäunung integriert. Eine Querlatte liegt an beiden Enden auf je zwei Euro-Paletten und dient den Reitern nun für Gleichgewichtsübungen. Die überdachten Trainerhäuschen am Rand stehen ebenso noch wie die Flutlichtanlage, auch wenn diese nicht mehr angeschlossen und so von den Reitern auch nicht genutzt werden kann. Auch der Bodenbelag ist noch der gleiche wie zu Fußballzeiten. „Der Boden ist super gut, das ist Solo-Sand mit feinem Schotter“, sagt Hübel. „Der kommt von den Dolomit-Werken hier aus der Gegend.“ Weniger super findet der 75-Jährige, dass die sanitären Anlagen im ehemaligen Vereinsheim, das bei einem Brand im Mai 2018 in Flammen aufgegangen war, abgerissen werden. Das hätte man reparieren können, so Hübel. Für Lehrgänge und andere Veranstaltungen wollen die Reiter nun Dixi-Klos aufstellen.

Gutes Verhältnis zu Nachbarn

Ganz wichtig ist den Islandpferdefreunden ein gutes Verhältnis zu den benachbarten Holthauser Bürgern. Sie wollen es sich mit den Anwohnern auf keinen Fall verscherzen. Denn obwohl Hübel und Co. 850 Euro im Jahr für die Nutzung der Anlage an die Stadt Hagen überweisen, kann der Vertrag monatlich gekündigt werden. Dazu will die Interessengemeinschaft nicht den Hauch eines Grundes bieten. „Wir wollen so lange wie möglich hier bleiben“, bekräftigt Susanne Burghardt. „Das ist in der ganz weiten Umgebung einer der besten Islandpferde-Plätze.“

Bequemer Tölt ist das Markenzeichen

Was macht die Faszination an Islandpferden aus? Mit am Widerrist 1,25 Meter bis 1,48 Meter Größe zählen die Vierbeiner aus dem hohen Norden streng genommen noch als Pony, erst ab einer Größe von 1,49 Metern werden Rösser in Deutschland auf Dressur- und Springturnieren als (dann Klein-) Pferd klassifiziert. Doch Isländer sind nicht nur besonders kräftig und können trotz ihrer geringen Größe auch ausgewachsene Frauen und Männer problemlos tragen.

„Sie sind einfach mutiger“, erklärt Klaus Hübel und fängt an zu schwärmen: „dazu trittsicherer, individueller und eigene, teilweise ganz starke Charaktere. Sie haben diese Lauffreudigkeit, dem Reiter zu gefallen. Und dann ist da natürlich der Tölt.“ Während „normale“ Großpferde und Ponys über die drei Grundgangarten Schritt, Trab und Galopp verfügen, haben Isländer die genetische Veranlagung zu dieser vierten, für Reiter besonders bequem zu sitzenden Gangart. Der Tölt ist ein Viertakt, die Geschwindigkeit können die Tiere dabei variieren, von langsam wie im Schritt bis hin zu schnell wie im Galopp.

„Dadurch, dass da keine Flugphase drin ist, sondern immer mindestens ein Pferdebein am Boden ist, sitzt man immer ganz bequem — ob man jetzt langsam oder schnell töltet“, erklärt Susanne Burghardt. „Wenn der Takt gut ist und die Beine immer im gleichen Rhythmus nacheinander abfußen, wirst du nie geworfen im Sattel.“ Früher waren Isländer tendenziell etwas kleiner, von 1,25 Metern bis 1,35 Metern, durch Züchtung sind sie im Durchschnitt mittlerweile etwa 10 Zentimeter größer — der bequeme Tölt ist aber weiterhin eines ihrer bekanntesten Markenzeichen.

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