Serie: Mein größter Tag

Alexander Brushinski überwindet alle Hürden

Alexander Hennen nach seinem Sieg beim Silvesterlauf 2007.

Alexander Hennen nach seinem Sieg beim Silvesterlauf 2007.

Foto: LORENZEN, Gerd / WP

Olpe/Wenden.  Hindernislauf wollte er eigentlich nur ausprobieren. Plötzlich war er Deutscher Vizemeister. Die Geschichte von Alexander Henne ist ungewöhnlich.

Es passte wie die Faust aufs Auge. Tina Turners „Simply the Best“ röhrte aus den Lautsprechern im Ernst-Abbe-Stadion von Jena, als just in dem Moment ein junger Mann von der SG Wenden den letzten Balken überwand und sich als deutscher Vizemeister der A-Jugend (heute U20) über 2000 Meter Hindernis feiern lassen konnte. „Es war Gänsehaut pur“, erinnert sich Alexander Henne an den 3. Juli 2004, als wäre es gestern. Der 19-Jährige, damals unter seinem Geburtsnamen Brushinski gemeldet, überraschte Leichtathletik-Deutschland. „Das Lied verbinde ich seit diesem Augenblick immer mit diesem einmaligen Moment.“

Vier Jahre zuvor ist der Fußballer Alexander Brushinski urplötzlich für die Leichtathletik entdeckt worden. In Drolshagen aufgewachsen, begeisterte er sich frühzeitig für des Deutschen liebstes Spiel und heuerte als Siebenjähriger beim SC Drolshagen an. Mit Konrad Pompetzki hatte er einen verantwortungsvollen und alles andere als engstirnigen Trainer.

„Pompi“, so der aufstrebende junge Mann, „hat mich zum Laufen gebracht. Bei längeren Laufeinheiten bin ich allen davon gerannt. Erst durch ihn habe ich mein Talent zum Laufen richtig erkannt.“ Konrad Pompetzki – ein Mann, der den Fußball nicht durch die rosarote Brille sieht – legte seinem talentierten Spieler keine Steine in den leichtathletischen Weg, er bestärkte ihn vielmehr.

Erste Schritte in Papas Schuhen

Die ersten Trainingseinheiten bewältigte er in den Sportschuhen seines Vaters. „Ich machte ja alle Trainingsläufe im Wald bisher mit meinen Fußballschuhen. Und am Anfang hatte ich mir Spikes von Johanna Schönhofer ausgeliehen.“ Dann war es soweit. Mai 2000. Kreuzberg Olpe. Kreismeisterschaften. Hinter Simon Huckestein wurde Alexander Brushinski als Vereinsloser in 2:52 Minuten Zweiter in der Schülerklasse. „Ich wurde direkt nach meinem Zieleinlauf von meinem jetzigen Trainer Egon Bröcher angeworben.“ Die SG Wenden sollte ab sofort sein sportliches Zuhause werden.

Es zahlte sich aus. Noch immer wohnhaft in Drolshagen, kümmerte sich kein Geringerer als Manfred Schleime – 1979 AK-Weltmeister über 1500 Meter – um ihn, besorgte ihm Laufschuhe.

„An Wochenenden machten Simon und ich unsere eigenen Trainingslager, Tempotraining im Stadtpark von Drolshagen.“ Zwei Brüder im Geiste hatten sich gefunden und gegenseitig gepusht.

Starker Wille

Und das mit schnellem Erfolg. Aber nicht nur die flachen Mittelstrecken hatten es Alexander Brushinski angetan. Ihn reizten auch die Hindernisse.

„Ich habe erst im Frühjahr 2004 meinem Trainer von meinem Vorhaben erzählt, dass ich einmal den Hindernislauf ausprobieren wollte. Schnell war ich zu diesem Zeitpunkt schon durch meinen Schwerpunkt auf der Mittelstrecke, nur besaß ich gar keine Hindernistechnik.“

Der Wille, ein Markenzeichen des aufstrebenden jungen Athleten, war da.

Unter den Fittichen des damaligen westfälischen Kadertrainers für Hindernislauf hatte er an zwei, drei Einheiten für Hindernistechnik teilgenommen – eine sicher recht bescheidene Voraussetzung für eine Teilnahme an den Westfälischen Meisterschaften. „Völlig ahnungslos bestritt ich mein erstes Hindernisrennen und wurde auf Anhieb Westfalenmeister.“

Brushinski-Wetter in Jena

Sein Sturz am letzten Hindernis konnte ihn vom Weg zum Titel nicht abhalten. 6:06 Minuten zeigten die Uhren zur Überraschung nicht nur des Athleten, sondern auch der Experten: er hatte sich direkt im ersten Rennen für die Deutschen Jugendmeisterschaften qualifiziert. Alles was jetzt kommen sollte, konnte eigentlich nur noch Zugabe sein.

Ernst-Abbe-Stadion Jena. Schwülwarme Witterung. Regen. Fast auf den Tag genau 50 Jahre zuvor hatte es in Bern auch geregnet. Fritz-Walter-Wetter. Hier in Jena war es Alexander- Brushinski- Wetter. „Dieses Wetter liegt mir, weil ich dadurch eine ‚Jetzt-erst-recht-Stimmung‘ erzeugen kann, die mir ein aggressives Laufen im Wettkampf ermöglicht.“

Wie aggressiv, sollte sich vor allem in der Endphase des Laufs zeigen. „Ich hielt mich immer im vorderen Feld auf. Auf der letzten Runde und vor allem den letzten zweihundert Metern spielte ich meine Spurtstärke aus und habe mich bis zum zweiten Platz vorgekämpft. Danach lief ich direkt zum Trainer und wir haben uns ungläubig und überwältigt umarmt, ein wirklich überwältigendes Gefühl.“

Ein Meilenstein

Und dann kam Tina Turner, „Simply the Best“. Dieser Lauf ist zum „Meilenstein meiner Karriere“ geworden, wie Henne bemerkte.

Nicht nur für den Vizemeister von 2004, auch für den gestandenen Athleten, der, mittlerweile zweifacher Vater, den Namen seiner Frau angenommen hatte, steht fest: „Ich kann meinem Trainer Egon Bröcher nicht genug danken dafür, dass ich durch den Leistungssport meine persönlichen Grenzen immer wieder neu ausloten und verschieben konnte.“

Lob für Förderer

Ihn, aber auch seinen Fußballtrainer Konrad Pompetzki, würdigt Alex Henne in höchsten Tönen: „Leute wie Egon und Pompi leisten völlig selbstlos eine so tolle Jugendarbeit. Der gesellschaftliche Wert ist nicht in Geld aufzuwiegen, weil sie vielen Jugendlichen eine Stütze sind in ihrer eigenen Selbstfindungsphase und eine Richtung vorgeben, die ihr späteres Leben in vielerlei Hinsicht positiv beeinflusst.“

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