Judith Hacker

Das Stehauf-Mädchen von Rot-Weiß Hünsborn

Judith Hacker weiß sich auf dem Spielfeld durchzusetzen - freundlich, aber bestimmt.

Judith Hacker weiß sich auf dem Spielfeld durchzusetzen - freundlich, aber bestimmt.

Foto: mewa / WP

Hünsborn.  Es sind zwei Rückschläge, die die sportliche Laufbahn von Judith Hacker in eine andere Richtung gedrückt haben.

Genau gesagt zwei Kreuzbandrisse. Nach dem zweiten gab die heute 26-Jährige das Fußballspielen auf und wurde Schiedsrichterin bei Rot-Weiß Hünsborn.

„Da war ich 16 Jahre,“ erinnerte sie sich an eine Zeit, die für eine Sportbegeisterte wie Judith Hacker eine Höchststrafe gewesen sein muss, „da stand für mich fest, das mit dem Spielen machst du nicht mehr.“

Doch diesen wunderbaren Sport völlig aufzugeben, war für sie keine Option. Ihr Vater und ihre zwei Brüder, sind Fußballer und Fußballfans. Übrigens eine kunterbunte Mischung, diese Familie: Einer der Männer im Hause ist Nürnberg-Fan, einer sympathisiert mit dem VfL Bochum, ein anderer mit Erzgebirge Aue. „Ich bin also erblich vorbelastet,“ lacht Judith Hacker, die ihrerseits Schalkerin ist. Angenommen, Schalke 04 siegt durch einen unberechtigten Strafstoß. Freut sie sich dann für Schalke oder leidet sie mit ihrem Schiedsrichterkollegen, der medial einiges durchzumachen hätte in den Stunden und Tagen danach? „Man freut sich als Fan, hat aber auch ein wenig Mitgefühl für den Kollegen, der allerdings Profi und auf solche Situationen vorbereitet ist“.

Trainerin bei den Kleinsten

Trotz ihrer Verletzungen wollte Judith Hacker dem Fußball verbunden bleiben“. Bei Rot-Weiß Hünsborn trainierte sie von 2011 bis 2015 die kleinsten Kicker. Die Minis und die F-Junioren. Zuvor aber hatte sie eine wegweisende und aus heutiger Sicht goldrichtige Entscheidung getroffen: Sich zum Schiedsrichter-Anwärterlehrgang angemeldet. Ein Stehauf-Mädchen.

2012 war das. Wie auch heute noch, waren Frauen auch damals im Fußball stark unterrepräsentiert. Ob die Sprüche vor acht Jahren noch dümmlicher waren als heute, lässt sich schwer bewerten. Judith Hacker jedenfalls kann im Januar 2020 drüber lachen. „Geh kochen“, sei ihr mal geraten worden auf einem Fußballplatz. Freundlicher, aber nicht wirklich intelligenter sei die Festellung gewesen, die sie mal aufgeschnappt hat: „Oh, heute pfeift eine Frau. Dann benehmen sie sich sicher gut.“

Banalitäten, die Judith Hacker auch als solche abhakt. Zu einer Eskalation ist es in ihrer achtjährigen Schiedsrichterinnen-Laufbahn nie gekommen. „Nein, einen Spieler direkt vor der Nase hatte ich bislang noch nie,“ sagt sie. Wenn man sie in Aktion sieht, ahnt man, warum: Es ist ihre Körpersprache. Ihr Auftreten kommt ohne Getue und Geschrei aus, und dennoch gelingt es ihr, die Botschaft zu übermitteln: Chefin auf dem Rasen bin ich. Freundlich, aber bestimmt halt. Die Fähigkeit, in der Hektik des Spiels den richtigen Ton zu treffen, den schmalen Draht zwischen Nähe und Distanz zu treffen, ist nicht jedem gegeben. Judith Hacker überlegt kurz und antwortet locker: „Mit der Zeit wächst man da ‘rein.“

„Oh, Mist...“

Trotzdem ist sie nicht verschont geblieben vor diesem hässlichen Kobold, der plötzlich aus der Kiste springt und den alle Schiedsrichter fürchten: Zweifel.

Es war in Elben, in der Kreisliga A. Der direkte Freistoß kurz vor dem Sechzehner knallte in die Mauer und wurde dort mit einem klaren Handspiel abgefälscht. Weil die Mauer im Strafraum stand, gab es nur eines: Strafstoß.

„Drei Sekunden später sehe ich, dass der Ball im Tor liegt und denke: Oh, Mist! zu früh abgepfiffen! Ich war wohl von dem Gefühl geleitet, meinen Fehler wieder ausbügeln zu müssen, als ich spontan eine Entscheidung traf, die leider ebenfalls falsch war: ich habe den Treffer anerkannt. Worüber ich heute schmunzeln kann: Gleich nach dem Spiel habe ich Marco Cremer angerufen, um ihm mein Missgeschick in den letzten Spielminuten zu beichten. Die Kommunikation im Kreis Olpe funktioniert aber ausgezeichnet, denn Marco wusste bereits Bescheid!“

Im Vergleich zur Episode von Elben hatte die Geschichte aus der Saison 2016/17 eine Langzeitwirkung. Judith Hacker war auf dem Sprung in die Fußball-Landesliga und hatte bei ihren sechs Bezirksliga-Spielen erstklassige Beobachtungen hingelegt. Dann kam das Siebte. SV Rothemühle gegen den SV Ottfingen. Ein heißes Eisen, nicht nur weil es ein Nachbarduell war. Auch war SVR-Trainer José Fernandez nach dem 0:6 im Hinspiel - das Judith Hacker übrigens auch geleitet hatte - entlassen worden. Auch Monate später schwebten die Rothemühler in Abstiegsgefahr.

Das Rückspiel wurde für die junge Schiedsrichterin in negativer Hinsicht unvergesslich. „Der Beobachter kam aus Dortmund. Er hat vom Betreten bis zum Verlassen des Platzes alles schlecht bewertet,“ erinnert sich Judith Hacker an den schwarzen Tag am Rothenborn. Die guten Noten zuvor halfen ihr in der Endabrechnung nicht mehr, der Landesliga-Aufstieg war dahin. „Ich habe dann zu Marco (Marco Cremer, Kreis-Obmann, d. Red.) gesagt: Ich mach’s nicht mehr.“ Aktuell ist sie in den Bezirksligen 4, 5 und 6 aktiv.

Leichtathletik-Triumph

Der Weg nach oben war verbaut. Dass sie eine Hochkaräterin in der Schiedsrichter-Gilde ist, zeigt die Tatsache, dass sie Landessiegerin 2019 bei der Aktion „Danke Schiri“ geworden ist.

Und da ist noch die Leichtathletik. Dort ist Judith Hacker ebenfalls ein Ass. Kompensieren ihre großen Erfolge in dieser Sportart den Karriereknick in ihrer Schiedsrichterlaufbahn, den verpassten Aufstieg zur Landesliga? Judith Hacker schließt das nicht aus. 2019 war ihr Jahr. So wurde sie nach einem unglaublich starken, und fast einsamen Rennen im Trikot der SG Wenden NRW-Meisterin über 10.000 Meter. Ihre Zeit trotz Regens und Windböen: 37:35,56 Minuten.

Hinderlich ist dieses läuferische Können für ihre Schiedsrichtertätigkeit nicht. Und schon gar nicht in der Bezirksliga, der höchsten Klasse, in der es ohne Assistenten gehen muss. Man glaubt Judith Hacker aufs Wort, wenn sie sagt: „Ich bin auf Ballhöhe.“

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