Schiedsrichter

Lutz Wagner öffnet Schatzkiste und Nähkästchen

Ex-Bundesligaschiedsrichter Lutz Wagner (links) zu Gast bei den Schiedsrichtern in Kirchveischede

Ex-Bundesligaschiedsrichter Lutz Wagner (links) zu Gast bei den Schiedsrichtern in Kirchveischede

Foto: Lothar Linke

Kirchveischede.   Mehr als 400 Spiele hat Lutz Wagner im Profifußball gepfiffen. Heute ist der Lehrwart beim DFB. In Kirchveischede begeistert er die Olper Schiris.

Wer gesehen hat, wie er sprach und wie er seine Gestik einsetzte, konnte nur zu einem Schluss kommen: Lutz Wagner ist immer noch Schiedsrichter.

Die klare Ansprache sowie die Gabe, sich Gehör und Respekt zu verschaffen, war noch genauso da wie zu seiner Zeit auf dem Rasen.

Dabei liegt die aktive Tätigkeit des 55-Jährigen mittlerweile neun Jahre zurück. 450 Spiele leitete er im Profifußball, davon 197 in der Bundesliga. Welch ein gigantischer Fundus an Geschichten. Welch ein Schatz an Erfahrungen. Was da in den Jahren zusammen gekommen ist, davon bekamen die Schiedsrichter des Kreises Olpe am Montagabend eine ungefähre Vorstellung. Für sie öffnete Lutz Wagner seine Schatzkiste. Und sein Nähkästchen. Wagner, heute Schiedsrichter-Lehrwart im DFB, brillierte. Und das in akzentfreiem Hessisch.

Sprint? Diesmal nicht

Selbst erfahrene Schiedsrichter dürfte der Gast aus dem Taunus während seines Vortrages verblüfft haben, und das bereits in seiner ersten Schilderung, als er - mit dem heutigen Olper Kreis-Obmann Marco Cremer an der Linie - ein Regionalligaspiel bei Borussia Mönchengladbachs Amateuren leitete. Plötzlich sah er sich mit einem rasend schnellen Gegenzug konfrontiert. Den Sprint schenkte er sich. „Ich sah, da komm’ ich nicht mehr hin. Da sagte ich mir: Geh lieber,“ berichtete Wagner zum allgemeinen Erstaunen.

Bequemlichkeit war’s nicht, die ihn in Gladbach bremste, sondern reine Taktik: „In der stehenden Position kann ich doch besser beobachten als im Sprint.“ Einleuchtend. Wenn er auch mahnte: Das solle natürlich „nicht dazu animieren, Fußballspiele aus dem Mittelkreis heraus zu leiten.“

Schnell hatte Wagner das Publikum für sich gewonnen. Mit Lob für die Arbeit an der Basis und mit Aufwertung der Kameraden dort. „Die Schiedsrichter, die oberhalb der Kreisliga pfeifen, machen nur 6,3 Prozent aus,“ zeigte er auf. Um auch gleich selbst die Frage zu beantworten, was den guten vom ausgezeichneten Schiedsrichter unterscheidet: „Nix. Der läuft nicht schneller, er ist nicht regelsicherer. Der hat genau die gleichen Voraussetzungen. Nur der Ausgezeichnete kann es unter allen möglichen Bedingungen abrufen. Und das ist ganz wichtig.“

Herausforderung schwarz-gelbe Wand

In Deutschland können „dreitausend Schiedsrichter ein Bundesligaspiel leiten,“ schätzte Lutz Wagner, „wenn die Sonne scheint, und eine Seite 3:0 führt. Aber wenn’s 0:1 steht und du pfeifst Strafstoß gegen die schwarz-gelbe Wand, dann sind es plötzlich nur noch zwanzig. Die müssen wir rausfinden. Diejenigen, die unter Druck genau das Gleiche abrufen wie ohne Druck.“ Die in besonderen Situationen, wenn alles auf sie schaut, sofort die Antwort parat haben.

Es komme auf die grundlegenden Dinge an. Wagners Video zeigt einen Drittliga-Schiedsrichter, der im Vollsprint auf dem Rasen in Kaiserslautern seine gelbe und rote Karte verliert. Und wie es der Teufel wollte, endete die Szene mit einem gelbwürdigen Foul. Was den wackeren Schiedsrichter jedoch nicht in die Bredouille brachte. Denn er trug Ersatzkarten in der Tasche. Wagner begeistert: „Toll vorbereitet. Das ist professionell!“

Begeistern kann sich Lutz Wagner an Dingen, die selbst ein Fußballfachmann nicht unbedingt sieht. Wie das Verhalten des Schiedsrichterteams bei einem Platzverweis gegen den Herthaner Haraguchi. Der Videoclip zeigt, wie der Schiedsrichter das Foul nach Ballverlust vorausahnt, wie souverän sein Assistent und der vierte Offizielle diese Szene handhaben. Wagner sah es im TV und freute sich wie ein Fan über ein Tor. „Da habe ich zu meiner Frau gesagt: Der Abend wird schön. Hol mal a Fläschche Rotwein.“

Colinas besondere Gabe

Gut zu sein, sei erstrebenswert. Aber, um erfolgreich zu sein, gelte es auch, eine Entscheidung „entsprechend zu präsentieren,“ so Wagners Credo. Beispielhaft nennt er den großen Pierluigi Colina. „Er war seines Zeichens nicht der beste Schiedsrichter der Welt. Da gab’s seinerzeit fünf bessere. Aber war der erfolgreichste.“ Warum? „Weil er Entscheidungen so präsentieren konnte, dass die Leute dachten: Och, da hat schon wieder einer die Regeln geändert. Da hat man das System dafür verantwortlich gemacht, wenn Colina Fehler gemacht hat.“

Cleverness nennt man dies. Eine Tugend, die Lutz Wagner ganz hoch hing an jenem Abend in Kirchveischede. „Als ich angefangen habe zu pfeifen, hieß es immer: War die Entscheidung richtig? Oder falsch? Das klassische Ergebnisdenken. Völlig falsch.“ Die Situation erahnen sei das Wesentliche, und sie zu erkennen. „Nur der erahnt, erkennt auch.“

Bei der Vorahnung sind so genannte „Taktik Tools“, über die die Schiedsrichter verfügen, hilfreich. Der Unparteiische kann sein Stellungsspiel drauf einrichten. Wie in der letzten, kniffligen Szene beim DFB-Pokalfinale 2018. Da hatten die Bayern einen Strafstoß gefordert. Steht der Schiedsrichter gut, kann er die Situation optimal einsehen. Wenn er weiß, was das Tool ihm verheißt. Wagner zitiert es: „Bayern München spielt 84 Prozent seiner Eckbälle auf den kurzen Pfosten.“

Schöne Fahrten mit dem „Fußballgott“

Lang anhaltenden Applaus bekam Lutz Wagner nach seinem Vortrag vor der Schiedsrichtervereinigung in Kirchveischede, und einen Korb mit sauerländer Spezialitäten gab es obendrauf. „Von der Art her super, und sehr spannend, auch was die spieltaktischen Dinge anging,“ fand es Marco Cremer nachher.

„Man merkte, die Leute sind richtig mitgegangen, absolut top“, ergänzte Uli Keine, der stellvertretende Olper Kreisvorsitzende, und brachte damit Lutz Wagners Wirkung auf den Punkt. Kurzum: Ihm gelang es, die Unparteiischen, alt wie jung, 90 Minuten lang zu fesseln. Mit Fußballwissen, aber auch mit einer gehörigen Portion Witz.

Auf Vermittlung des Schreibershofer Zweitliga-Schiedsrichters Thorben Siewer bereicherte der Mann aus dem Taunus die Mai-Monatsschulung der Unparteiischen in der Schützenhalle Kirchveischede. Eine Verbindung in den Kreis Olpe hatte er schon, als er Detlef Scheppe vom SV Rothemühle im Team hatte. „Es waren immer schöne Fahrten mit dem ,Fußballgott’“, schmunzelte der Gast.

Als „Top Act“ hatte Kreis-Obmann Marco Cremer den Vortrag des prominenten Kameraden in seiner Begrüßung angekündigt. Und er hatte nicht übertrieben.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben