Serie: Mein größter Tag

Jonjic und Sportfreunde Siegen überraschen im DFB-Pokal

Zoran Jonjic, Trainer des SV Brachthausen/Wirme und ehemaliger Stürmer der Sportfreunde Siegen.

Zoran Jonjic, Trainer des SV Brachthausen/Wirme und ehemaliger Stürmer der Sportfreunde Siegen.

Foto: Michael Meckel

Siegen/Brachthausen.  Eine denkwürdige Saison im DFB Pokal gelingt den Sportfreunden Siegen 1998. Mit dabei ist auch der Trainer des SV Brachthausen/Wirme.

Das Jahr 1998 war ein sporthistorisches Jahr für Deutschland. Zum ersten Mal wurde mit dem 1. FC Kaiserslautern ein Aufsteiger Deutscher Meister und im Mai 1998 stieg eine Mannschaft in die Bundesliga auf, die seitdem ununterbrochen in Deutschlands Eliteliga spielt und elf Jahre später, also 2009, unter Trainer Felix Magath sogar Deutscher Meister wurde: der VfL Wolfsburg.

Doch bis dahin war es noch ein weiter Weg. Zunächst musste der frisch gebackene Bundesliga-Aufsteiger am 2. Dezember 1998 im Viertelfinale des DFB-Pokals beim damaligen Regionalligisten Sportfreunde Siegen im Leimbachstadion antreten. Trainer der beiden Konkurrenten waren – passt wie angegossen – Wolfgang Wolf beim VfL Wolfsburg und Ingo Peter bei den SF Siegen.

Als Kapitän durfte Zorislav „Zoran“ Jonjc die Siegener Mannschaft einen Tag nach seinem 31. Geburtstag aufs Spielfeld führen. Wir trafen ihn 21 Jahre später auf dem Sportplatz des B-Kreisligisten SV Brachthausen/Wirme, dessen Trainer Jonjic seit 2015 ist. Seine Augen glänzen und in der Hand trägt er einen großen, roten Ordner mit Zeitungsausschnitten und Artikeln aus der Saison 1998/99. Den hatten ihm die SF Siegen für den Pressetermin für ein paar Tage zur Verfügung gestellt.

Wahre „Fußball-Schätze“ kommen da zum Vorschein. „Den Ordner hat Fritz Reuter, ein ehemaliger Mitarbeiter der SF Siegen angelegt. Der hat sich jedes Jahr die Mühe gemacht, über jede Saison solch einen Ordner mit Zeitungsartikeln und Fotos herzustellen. Das ist irre. Eine unglaubliche Arbeit. Aber sie hat ihm Spaß gemacht“, so Zoran Jonjic

Jürgen Klopp aus dem Pokal geworfen

Tolle Erinnerungen kommen auf, als Jonjic den Ordner aufschlägt. Denn es war eine herausragende Saison für die Siegener, vor allem im DFB-Pokal. In der ersten Runde am 29. August warfen die Siegener den damaligen Zweitligisten FSV Mainz – damals noch ohne Trainer, aber dafür mit dem Spieler Jürgen Klopp – aus dem Wettbewerb.

„Kein Mensch hat damals damit gerechnet, dass wir Mainz schlagen können. Die sind in der 38. Minute in Führung gegangen. Aber es war ein ausgeglichenes Spiel mit wenigen Chancen. Und dann gab es in der 87. Minute einen Freistoß für uns. Und den habe ich aus 20 Metern schön über die Mauer geschlenzt. Da war enorme Euphorie im Stadion. Da war eine unfassbare Stimmung, einfach toll. Diese Stimmung hat uns in der Verlängerung getragen und wir haben mit 3:1 gewonnen“, erzählt Zorislav Jonjic.

In der zweiten Runde am 23. September wurde mit dem SC Freiburg, damals noch unter Trainer Volker Finke, sogar ein Bundesligist ausgeschaltet. Den 1:0-Siegtreffer erzielte Kuci in der 34. Minute. Und in der der dritten Runde am 3. November schaltete Siegen Zweitligist KFC Uerdingen mit 1:0 aus.

Euphorie nach Los Wolfsburg

Ja, und dann wurde den Siegenern für das Viertelfinale Bundesliga-Aufsteiger VfL Wolfsburg zugelost. „Es war natürlich ein großer Jubel, als wir wieder einen Bundesligisten zugelost bekamen. Die Euphorie bei uns war so enorm, weil wir so einen guten Lauf hatten. Sicher war Wolfsburg eine große Nummer, aber vielleicht doch machbar, gegen die zu gewinnen“, erinnert sich Zorislav Jonjic an den Augenblick der Auslosung zurück.

Und dann war der große Tag gekommen. Anstoß von Schiedsrichter Hans-Jürgen Weber aus Essen im Leimbachstadion war zu sehr ungewöhnlicher Fußball-Zeit: am Mittwoch, 2. Dezember 1998, um 13.30 Uhr. Zoran Jonjic schwelgt in Erinnerungen: „Es herrschte bei jedem pure Freude auf dieses Spiel. Das bleibt ein Leben lang in Erinnerung. Das Spiel war schon eine echt coole Sache.“

Sondertrainingseinheiten habe es keine gegeben. „Wir haben trainiert wie in den Monaten zuvor. Von der Intensität wussten wir, dass wir konditionell auf jeden Fall mithalten können. Für 90 oder vielleicht sogar 120 Minuten hatten wir Luft genug. Das Spiel war im Dezember. Im Sommer 1998 absolvierten wir ein Trainingslager in der Slowakei. Diese Grundlagen waren im Dezember noch unglaublich zu spüren. Das kam uns zu Gute.“

Und dann war es soweit. „Offiziell waren 14.700 Zuschauer im Stadion. Wir haben auch gegen Wolfsburg ein gutes Spiel geliefert. Aber wir haben schnell gesehen, dass wir gerade bei den Standards Probleme hatten. Leider hat Andrzej Juskowiak schon nach sechs Minuten nach einer Ecke das 0:1 gemacht“, erzählt Jonjic.

Juskowiak trifft zum zweiten Mal

Doch Siegen kam schnell zurück. Zorislav Jonjic erzählt: „Nach 22 Minuten haben wir sogar das 1:1 geschafft. Da habe ich Romas Cirba den Ball vorgelegt und er hat den versenkt. Aber leider haben wir kurz vor der Halbzeit noch einmal ein Gegentor von Juskowiak kassiert. Das war ein Nackenschlag für uns.“

Dennoch habe seine Mannschaft nicht aufgegeben. Jonjic: „Bei der tollen Kulisse wollten wir noch einmal alles geben. Nach der Pause haben wir alles in die Waagschale geworfen, aber es hatte leider nicht gereicht. Nach 63 Minuten hat Claudio Reyna das 1:3 erzielt. Danach kamen wir nicht mehr zum Zug.“

Insgesamt sei es ein sehr faires Spiel gewesen, rekapituliert Zoran Jonjic. „Es gab nur ein paar gelbe Karten. Die Zuschauer haben sich über die ein oder andere Schiedsrichterentscheidung unheimlich aufgeregt. Aber unter dem Strich muss man sagen, dass die Wolfsburger doch besser waren und zurecht weitergekommen sind.“ Nichtsdestotrotz sei die Enttäuschung nach dem Spiel „enorm“ gewesen. Jonjic: „Die Zuschauer haben trotz unserer Niederlage gezeigt, dass sie von unserer Leistung angetan waren.“

Trotz der Niederlage denkt Zorislav Jonjic gerne an das Spiel gegen die „Wölfe“ zurück: „Wolfsburg hatte sehr bekannte Spieler im Kader. Neben Juskowiak waren da unter anderem Roy Präger, Claudio Reyna, Detlev Dammeier oder Torwart Claus Reitmeier. Leider hatten wir keinen großen Kontakt zu ihnen gehabt. Wenn man den ein oder anderen kennt, sagt man kurz vor dem Spiel Hallo und tauscht sich aus.“

Stolz überwiegt nach dem Spiel

Nach dem Spiel gab es das obligatorische Abendessen mit Familienmitgliedern. „Da haben wir uns auf die Schultern geklopft. Nach dem Motto: Es war schön, schade, dass wir raus sind. Der ein oder andere hätte sich dann doch noch Dortmund oder Bayern gewünscht. Einige aus der Mannschaft waren Dortmunder Fans. Und einmal gegen so eine Mannschaft zu spielen, wäre der Wahnsinn gewesen“, lacht Zorislav Jonjic und er schwelgt in Erinnerungen: „Wenn ich die Bilder von damals so sehe, kann man nur sagen: Wahnsinn! Von der Gemeinschaft her, hatten wir damals eine tolle Truppe. Es gab viele Nationalitäten. Wir haben uns auf und neben dem Platz sehr, sehr gut verstanden. Wir hatten überwiegend Profis, die entweder aus der 2. Liga oder aus dem Ausland kamen. Das hat sehr gut harmoniert.“

Zoran Jonjic hofft, dass es bald noch einmal zu einem Wiedersehen der damaligen Mannschaft klappt. Aber das sei nicht so einfach. Jonjic erklärt warum: „Wir haben uns vorgenommen, immer wieder zu treffen. Aber das ist schwer zu organisieren, weil wir nicht nur bundes-, sondern fast europaweit verstreut sind. Vor drei oder vier Jahren hat es aber tatsächlich geklappt. Ein weiteres Treffen haben wir jetzt wieder vor. Aber es ist so schwierig zu organisieren wie bei einem Ehemaligentreffen in der Schule.“

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