50 Jahre Frauenfußball

Katja Sabisch: „Der Fußball ist fest in Männerhand“

Katja Sabisch.

Katja Sabisch.

Foto: Michael Meckel

Rahrbach.  Katja Sabisch vor ist Professorin für Gender Studies an der Ruhr-Universität Bochum.

Dabei befasst sich die gebürtige Rahrbacherin, die jetzt in Düsseldorf lebt, auch mit Fußball.

Sie sind Professorin für Gender Studies. Womit beschäftigen Sie sich da genau, Frau Sabisch?

Katja Sabisch: Da ich von Haus aus Soziologin bin, beschäftige ich mich vor allem mit sozialen Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen. Gerade haben wir für die Landesregierung ein Informationsportal über Intergeschlechtlichkeit entwickelt - eine tolle Seite, abrufbar unter inter-nrw.de.

Wie sind Sie auf diesen Forschungsbereich gekommen?

Ich bin in einem politisch interessierten Elternhaus groß geworden und habe mich schon früh für soziologische und auch historische Fragen begeistern können. Auf dem Städtischen Gymnasium Lennestadt habe ich dann durch meine Philosophielehrerin Zugang zu feministischen Theorien gefunden.

Und wie und warum sind Sie für dabei auf das Thema Fußball gestoßen?

In der Soziologie beschreiben wir Fußball als das „Brennglas“ der Gesellschaft. Hier lassen sich auf kleinem Raum aktuelle gesellschaftliche und politische Entwicklungen beobachten - auch hinsichtlich der Frage nach Geschlecht. Fußball ist fest in Männerhand: organisatorisch, wenn wir uns die Männerriege des DFB anschauen; aber auch kulturell, da in den Kurven in der Mehrzahl Männer stehen. In einigen Bereichen werden Frauen sogar rigoros ausgeschlossen und abgewertet - schauen Sie sich die Debatten um Schiedsrichterinnen oder Kommentatorinnen an, von der ungleichen Bezahlung ganz zu schweigen.

Welche Projekte haben Sie in Sachen Fußball bisher gemacht?

Wir konzentrieren uns an der Ruhr-Universität vor allem auf die Fanforschung. Dazu haben wir unterschiedliche Kooperationspartner, zum Beispiel die Landesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte in NRW.

Wie ist die Resonanz bei den Vereinen?

Gut. Mit dem VfL Bochum haben wir eine langfristige Kooperation zum Thema „Vielfalt im Fußball“, eine Mitarbeiterin meines Lehrstuhls war vor kurzem beim BVB und hat zum Thema Sexismus im Fußball referiert. Insgesamt besteht großes Interesse an unserer Expertise. Dabei muss allerdings gesagt werden, dass viele Initiativen der Vereine und Verbände oftmals „Window Dressing“ sind - da wird dann ein Banner gegen Rassismus vor dem Spiel gehisst, beleidigende und diskriminierende Äußerungen einiger Fans aber nicht geahndet. Das geht nicht.

Und was ist in der nächsten Zukunft geplant?

Wir würden gerne gemeinsam mit einigen Erstligavereinen und dem Westdeutschen Fußballverband eine Meldestelle für Diskriminierung im Fußball einrichten. Fans könnten dann auf einer Internetplattform direkt über diskriminierende Vorfälle im Stadion berichten. So hätten wir an der Ruhr-Universität endlich Daten, die Aufschluss über die Qualität und Quantität solcher Vorfälle im Kontext von Fußball geben. Daran anschließend könnten dann Handlungsempfehlungen für die Vereine und Verbände formuliert werden.

Haben Sie selbst auch mal selbst gespielt und wie wurde Ihr Interesse für Fußball geweckt?

Mein Papa hat selbst lange Fußball gespielt und war Trainer in Rahrbach. Am Wochenende waren wir deshalb oft auf dem Platz. Dann hatte Rahrbach eine Mädchenmannschaft, da war ich dabei.

Haben Sie auch einen Lieblingsverein?

Klar, das ist der BVB, eine alte Familientradition! Ich bin öfter mit einem Kollegen auf der Süd. Mit meiner Familie gehe ich eher zu Fortuna, manchmal auch zur DEG.

Zurück zu Ihren Forschungen. Haben Sie sich auch mit dem Thema Frauenfußball beschäftigt?

Ja, vor allem mit der Geschichte des Frauenfußballs. Die unzureichende Förderung und Bezahlung von Mädchen und Frauen in Deutschland ist ja gut erforscht, deshalb haben wir uns vor allem das Verbot des Frauenfußballs genauer angeschaut. Die Begründung war nicht nur, dass Frauen körperlich nicht für das Spiel geeignet seien, sondern auch, dass ihr zartes Wesen nicht zu dem kämpferischen Sport passt. Damit haben wir übrigens immer noch zu tun: Eine Kollegin hat nämlich nachweisen können, dass Zweikämpfe bei Frauen viel schneller abgepfiffen werden. Auch hier sehen wir die Ungleichbehandlung.

Ist es nicht falsch, ewig Männer- und Frauenfußball zu vergleichen?

Ach was, das kann man ruhig machen. Es sollte aber nicht mit einer Abwertung einhergehen. Im Gegenteil: Frauen haben definitiv viel schlechtere Bedingungen als Männer - weniger Trainingszeiten, schlechtere Ausstattung. Das muss, bevor wir es verändern, in der Debatte berücksichtigt werden.

Wie sehen Sie die Entwicklung des Frauenfußballs?

International sind wir auf einem guten Weg, schauen Sie sich die Popularität von Frauenfußball in den USA an. Oder Australien: Beide Fußball-Nationalteams bekommen nun das gleiche Geld. In Deutschland sind wir davon weit entfernt. Das ist im Übrigen nicht nur im Fußball beschämend.

Es gab Forderungen von Spielerinnen, die so viel Geld verdienen möchten wie die Männer. Wie stehen Sie dazu?

Richtig so! Dann kommt aber immer das Argument, dass Männerfußball durch Werbung und Lizenzen mehr Geld bringt und Männer deshalb - gerechterweise - auch mehr verdienen sollten. Erstaunlicherweise höre ich das in der Regel von männlichen Fans, die am Wochenende zuvor noch gegen Kommerzialisierung des Fußballs gewettert haben.

Im Kreis Olpe gibt es keine eigene Frauen-Kreisliga und keine Mädchen-Ligen mehr. Wie kann man dem entgegenwirken?

Ich denke, dass es mehr Angebote für Mädchen geben muss. Mit dem Professor für Trainingswissenschaften an der Ruhr-Uni plädiere ich dafür, dass Mädchen und Jungen zum Beispiel länger gemeinsam trainieren sollten. Das könnte mehr Mädchen ermutigen, dabei zu bleiben. Vor allem fehlt es auch an Rollenvorbildern: Mehr Frauen in die Vereins- und Verbandsstrukturen, das würde vielleicht etwas verändern. Und wenn ich DFB-Präsident Fritz Keller richtig verstanden haben, wird er dies zukünftig in Angriff nehmen.

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