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Spielzeit: Zweimal zwanzig Jahre

Wolfgang Waßersleben bei der Passkontrolle vor dem Testspiel Attendorn/Schwalbenohl II gegen Maumke II

Wolfgang Waßersleben bei der Passkontrolle vor dem Testspiel Attendorn/Schwalbenohl II gegen Maumke II

Foto: Martin Droste

Olpe.   Zwei Halbzeiten hat ein Fußballspiel. Wie die Schiri-Karriere von Wolfgang Waßersleben. Eine Halbzeit in der DDR, eine im Westen.

Zwei Mal zwanzig Jahre. Während Waßersleben längst den zweiten Durchgang bestreitet, lebt der erste weiter. Immer dann, wenn er redet. Sein Sächsisch ist akzentfrei. An Waßerslebens Sprache sind alle sauerländischen Einflüsse abgeperlt. Selbst nach zwei Jahrzehnten im Kreis Olpe.

Die 68 Jahre sind Waßersleben, der in der Lutherstadt Wittenberg aufgewachsen ist, nicht anzusehen. Er ist im Ruhestand, würde aber noch gern arbeiten, wenn er nur etwas fände. „Viele schätzen mich jünger. Und ich fühle mich auch so,“ sagt Wolfgang Waßersleben mit einem kurzen Anflug von Stolz, „der Sportplatz hält mich jung.“

Und fit. Wolfgang Waßersleben schnurrt wie ein Dynamo. In der letzten Saison hat er 64 Spiele über zweimal 45 Minuten absolviert, ein Wert, den mancher englische Fußballprofi nicht erreicht. „Die Spiel-Ansetzer freuen sich, dass sie mich immer anrufen können,“ sagt Waßersleben. Er ist allzeit bereit und sieht die Schiedsrichterei als seine Berufung an: „Mein Grundsatz ist: Wenn ich nur noch im Mittelkreis stehe, dann hat es keinen Sinn mehr. Dann höre ich auf.“

Broiler und Soljanka

Davon ist der Mann meilenweit entfernt. Zwei Spiele an einem Sonntag verputzt er gern mal. Die Kondition ist nicht das Problem, allerdings darf der Fahrplan nicht allzu eng getaktet sein. „Es kommt schon mal vor, dass ich nach dem ersten Spiel in nasser Bekleidung zum nächsten Spiel fahre,“ verdeutlicht Waßersleben das Dilemma, fügt aber lässig hinzu: „Im Auto ist es ja warm.“

Wer große Unterschiede zwischen dem niederklassigen Fußball der DDR und dem in der Bundesrepublik erwartet, den muss Wolfgang Waßersleben enttäuschen. Die Monatsbelehrungen gab es auch in Wittenberg, der Obmann gab den Seinen die Spielansetzungen bekannt.

„Dass wir auch in der Kreisliga immer im Gespann gepfiffen haben, war vielleicht anders als hier,“ erinnert sich Waßersleben. Die Zusammensetzung der Schiedsrichter-Teams war immer gleich. Gemeinsam fuhr das Trio im Trabant zum Einsatz. Nachher gab es die Spesen vom Heimverein. „Die Kröten reichten für ‘ne Suppe,“ erinnert sich Waßersleben. Die Bratwurst danach, spendiert vom gastgebenden Klub, war im Osten nicht so verbreitet wir hier in Westfalen. Waßersleben: „Da bekamen wir auch oft Broiler oder Soljanka.“ Übersetzt: Das eine ist ein Brathähnchen, das andere eine Suppe mit Kraut und Gurken.

Waßersleben hatte in seiner alten Heimat Sachsen Anhalt nicht mehr und nicht weniger brisante Situationen zu bewältigen als hier in Westfalen. „Die Emotionen konnten immer hoch kochen. Es kommt halt drauf an, dass die Sache nicht aus dem Ruder läuft.“

Und dennoch ärgert ihn eines an seinem 2x20-Jahre-Leben: „Die Jahre in der DDR sind mir hier nicht anerkannt worden,“ bedauert er. Waßerslebens Ersuchen an den DTSB, dem Fußballverband der DDR, ihm diese respektable Zeitspanne zu bescheinigen, war vergebens. Er hatte nichts Schriftliches in der Hand. Dabei sei es ihm „nicht auf den Präsentkorb angekommen“, den ein Jubilar nach 40 Jahren an der Pfeife idealerweise erhält. Nein: „Vierzig Jahre - das hört sich nun mal besser an als zwanzig,“ sagt er.

Es war purer Zufall, dass Wolfgang Waßersleben im Kreis Olpe gelandet ist,. Im Osten war er selbstständig, hat dort Lederbekleidung und Berufskleidung verkauft. Als die Grenze sich öffnete, bezog er seine Ware aus Köln und holte sie persönlich aus der Domstadt ab. Schon auf seiner ersten Tour verfuhr er sich und erblickte das Sauerland zum ersten Mal. „Was ist das hier schön, habe ich da gedacht,“ erinnert sich Waßersleben, „hier würde ich gern bleiben.“

Freundliche Aufnahme

Die Entwicklung im Osten hat da nachgeholfen. „Nach der Wende sind viele Einzelhändler kaputt gegangen,“ erzählt Waßersleben. Er fing im Kreis Olpe neu an. Beruflich, wie auch als Schiedsrichter. Das Kreuzbergstadion in Olpe war die erste Sportstätte, die er sah. Gestartet hat er den sauerländischen Teil seiner Schiedsrichterlaufbahn bei Blau-Weiß Hillmicke. „Ein Arbeitskollege spielte in der Hillmicker Zweiten. Er hat mich angesprochen, ob ich nicht für sie pfeifen wollte,“ berichtet Waßersleben. Nach drei Jahren Hillmicke und Rot-Weiß Hünsborn schloss er sich dem SC Drolshagen an.

Was ihn erstaunte war die freundliche Aufnahme in unserer Region. Bei einem einer ersten Einsätze, es war in Kirchveischede, sprach ihn die dort anwesende Andrea Rath an. Die erfahrene Schiedsrichterkollegin wusste, dass Waßersleben neu und kürzlich erst angekommen war. „Sie hat sich gekümmert. Das fand ich total klasse,“ erinnerte sich Wolfgang Waßersleben. Eine Patenschaft, wie sie im heimischen Schiedsrichterwesen den blutjungen Anfängern zuteil wird, war es allerdings nicht. Waßersleben lacht: „Mit 50 Jahren noch eine Patenschaft zu bekommen - klingt etwas komisch.“

Im Kreis Olpe pfiff Wolfgang Waßersleben ausschließlich Kreisliga, zumeist in der C und D. „Da ist der Wolle“, so wird er hier und da begrüßt und wichtig ist ihm die Feststellung: „Vor allem die ausländischen Vereine sind unheimlich gastfreundlich.“

Hertha BSC zu Gast

Die jährlichen Überprüfungen schenke er sich, stellt er klar. Die bräuchte er, wenn er in der Kreisliga A pfeifen wollte. Er macht nur noch die Theorie mit, nicht mehr die Laufprüfung. Aber so wie es ist, ist es gut. Es stört ihn nicht, dass er sein Können immer nur vor zehn, zwanzig Zuschauern zeigen kann. Dass Grill und Kaffeemaschine oft noch kalt sind, weil nicht die Erste, sondern die Zweite spielt.

Sein letzter Auftritt vor einer großen Kulisse fiel noch in seine Zeit im Osten. Hertha BSC Berlin gastierte bei seinem Verein Grün-Weiß Piestritz und lockte mit Stars wie Dariusz Wosz oder Michael Preetz die Massen in den kleinen Ort. Okay - Waßersleben pfiff nicht die Hertha-Profis, sondern das Vorspiel. Die Piestritzer Damen. Das tat seinem Erlebnis keinen Abbruch, im Gegenteil. Waßersleben: „Zu dem Zeitpunkt waren schon mehr als 1000 Zuschauer da.“

Unter 100.000 Fans

Als Schiedsrichter der unteren Kreisligen übt Wolfgang Wassersleben sein Amt zumeist vor einer Handvoll Zuschauer aus, anders als seine Kameraden, die in der Bezirksliga oder höher pfeifen.

Dennoch hatte er ein Erlebnis, was sicherlich nicht viele Menschen im Kreis Olpe aufweisen können: ein Spiel vor 100.000 Zuschauern, und das in Deutschland.

Es war 1977, da spielte die Auswahl der DDR in der Qualifikation zur Fußball-Weltmeisterschaft 1978 gegen Österreich. Die Partie fand statt im Zentralstadion von Leipzig, dass seinerzeit diese gigantischen Ausmaße hatte. 7000 Österreicher waren unter den Zuschauern - und eben Wolfgang Waßersleben. „Ein unvergessenes Erlebnis“, schwärmte der 68-Jährige. Er reiste, gemeinsam mit einigen Sportfreunden aus seinem Heimatverein, im Trabi an. Die Eintrittskarte hat 15 DDR-Mark gekostet, weiß Waßersleben noch.

Das Spiel endete übrigens 1:1. Für Österreich traf Roland Hattenberger, zu jener Zeit Profi beim VfB Stuttgart. Den Ausgleichstreffer erzielte Wolfram Löwe von Lok Leipzig in seinem letzten Spiel für die DDR-Mannschaft. Mit ihr hatte Löwe ein Jahr zuvor olympisches Gold in Montreal gewonnen.
Das Unentschieden war letztlich zu wenig für die DDR-Auswahl, statt ihrer fuhr Österreich zur Weltmeisterschaft 1978 und sollte, dort in Argentinien, mit einem 3:2 über die DFB-Elf, den amtierenden Weltmeister, in die Geschichtsbücher eingehen.

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