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„Wir waren gar nicht darauf vorbereitet“

Geschäftsführer Friedel Ludwig im standesgemäßen Outfit.

Geschäftsführer Friedel Ludwig im standesgemäßen Outfit.

Foto: RWL

Grevenbrück.   Im Juni 1994 schaffte RW Lennestadt mit dem Oberligaaufstieg Einmaliges. Zum Jubiläum erinnern wir uns gemeinsam mit den Fußball-Helden von einst.

Rollte Rot-Weiß Lennestadt auf die Oberliga zu oder die Oberliga auf Rot-Weiß Lennestadt?

Die Frage ist legitim, wenn man die heutigen Aussagen von Friedel Ludwig zugrunde legt. „Wir waren gar nicht drauf vorbereitet,“ sagt er beim Besuch in unserer Redaktion, „wir hatten kein Geld. Wir hatten keine Tribüne. Wir hatten nichts. Wir hätten’s normalerweise nicht machen dürfen.“

Aber die Euphorie war grenzenlos, damals 1993/94 in Grevenbrück, auch geschürt durch die Aussicht, den schon bestehenden „Großmächten“ aus Wenden, Ottfingen, Hillmicke und zuvor Olpe etwas entgegen setzen zu können im östlichen Kreis.

Mittendrin in dieser Woge stand Friedel Ludwig, die Gewissenhaftigkeit in Person. Der kühle Kopf. Der Skeptiker. Er bezeichnet sich selbst als „Mensch der Zahlen“. Und als solcher blickte er über Tore und Punkte hinaus: „Ich habe mir immer große Sorgen gemacht,“ gesteht er heute ein. Aber: „Ich habe natürlich dahinter gestanden.“ Und gefreut hat er sich, wie alle Sportler. „Die Feier bei Born,“ schwärmt Friedel Ludwig, „war der Hammer.“

Dennoch: Das dürfte im westfälischen Amateurfußball noch nicht da gewesen sein. Drei Wochen lang stand der Bierwagen im Mai und Juni 1994 neben dem Vereinslokal Born. Drei Wochen lang blieb er verschlossen und das Kaltgetränk unberührt. „Wir kamen nicht ans Bier dran,“ erinnerte sich Friedel Ludwig. Der Grund war simpel: Geplant war die Aufstiegsfeier eigentlich nach dem letzten Verbandsligaspiel in Herne am 29. Mai. Aber die Niederlage dort löste für RW Lennestadt eine Kette von Entscheidungs- und Relegationsspielen aus. Die zogen sich über Wochen hin, und so lange der Aufstieg auf sich warten lässt, bleiben die Bierhähne oben. Am 15. Juni erfüllte der Bierwagen dann seinen Zweck, als die frisch gebackenen Oberligisten eintrafen.

Gut 25 Jahre später wird an gleicher Stelle wieder Bier fließen. Am Samstag, den 9. November 2019 ab 19 Uhr. Dann steigt im Gasthof Born die Wiedersehensfeier, die Organisation haben Friedel Ludwig, Spiry Vormweg und Franz Junker übernommen. Eingeladen sind auch die Spielerfrauen, der damalige sowie der aktive Vorstand von RW Lennestadt.

Fahrstuhl rast - aber nach oben

Es sei einfach zu schnell gegangen. Der Fahrstuhl hatte sich selbstständig gemacht. Nach oben wohlgemerkt. Und rasant. „Wir konnten das Rad nicht mehr zurück drehen. Es ging nicht mehr,“ blickte Friedel Ludwig zurück, „hätten wir hier einem sagen sollen: Wir wollen nicht aufsteigen? Einem Trainer? Das kannst Du selbst einer Schülermannschaft nicht erzählen.“

Er gab zudem eines zu bedenken, was heute in diesen Sphären nahezu unvorstellbar ist: „Wir hatten einen Aschenplatz. Mit einer Aschenbahn drumherum.“ Weil das in diesen hohen Klassen nicht mehr sein durfte, hatte sich der Verein aus Grevenbrück beim Fußball- und Leichtathletikverband Westfalen (FLVW) um eine Ausnahmegenehmigung bemüht, zunächst mit Erfolg. Friedel Ludwig: „Was wollen sie denn machen? Uns den Kopf abreißen? Wir haben keinen anderen Platz. Dann müssen sie uns rausschmeißen.“

Auch wenn die Erinnerung an Staub und Matsch nicht positiv sind - in einem Punkt huscht Friedel Ludwig dann doch ein Lächeln übers Gesicht: „Wir konnten unseren Heimvorteil ausnutzen. Wir haben Schalke, mit Trainer Klaus Fischer, im Schneematsch besiegt. Dabei waren wir für die Mannschaften aus dem Ruhrgebiet nur der Bauernverein.“ Eines aus dieser Partie ist Friedel Ludwig im Gedächtnis haften geblieben: „Wenn ich sehe, was da bei Schalke alles auf der Bank sitzt, eine blaue Jacke anhat, was zu sagen hat und die alle noch Geld kriegen - das haben wir mit drei, vier Leuten gemacht.“ Dafür habe man bei RW Lennestadt damals kurze Wege gehabt, hebt Friedel Ludwig die Vorzüge jener Strukturen hervor. Und den Mann, der voran ging, an der Spitze stand: „Wir haben mit Manfred Kurzenacker einen Präsidenten gehabt, der machte das eben hervorragend. Es gab eine klare Hierarchie. Wir haben täglich telefoniert.“

Die sportlichen Highlights täuschen nicht darüber hinweg, dass zu jener Zeit die Infrastruktur rund um den Platz an der Habuche gefehlt hat. Wenn sie auch „nichts hatten“, die Rot-Weißen, eines hatten sie: Eine Mannschaft von enormer Qualität um Kapitän Franz Vetter herum. „Die Mannschaft war gut, keine Frage. Die bestand zumeist aus Einheimischen. Heute wäre das kaum noch möglich,“ resümierte Friedel Ludwig, nimmt aber einen Verein aus, der stark an das RWL von 1994 erinnert: „Finnentrop/Bamenohl heute. Die haben auch zum größten Teil Spieler aus der Gemeinde.“ Das Ergebnis ist bekannt. Heute sind die Finnentrop/Bamenohler die überragende Fußballmannschaft im Kreis.

Aufstieg war nie das Ziel

Aber darüber hinaus sei das Spielerpotenzial wie in den 90er Jahren nicht mehr vorhanden. Friedel Ludwig: „Die Typen werden weniger. Solche wie Michael Thielmann. Du hast heute Leute, die kommen und die gehen wieder und bleiben nichtmals auf eine Flasche Bier.“

Trotz des starken Kaders war vor der Saison 1993/94 ein Aufstieg nie ein Thema gewesen. Weder Trainer Jörg Rokitte noch ein anderer Verantwortlicher hatte im Sommer 1993 die Oberliga als Saisonziel ausgerufen. Es war vor der Saison bekannt, dass drei oder vier aufstiegen würden. Ludwig: „Aber dass wir da oben, in diesem Zirkus, mitspielen würden, das hätte selbst der größte Optimist doch nicht auf dem Schirm gehabt.“

Zumal RWL in der Verbandsliga einige Male gegen den Abstieg gespielt hatte. Zwei Mal musste die Mannschaft in eine Relegation. Einmal gegen Arminia Bielefeld Amateure, einmal zwang sie eine dreifache Punktgleichheit im Keller sogar in eine Dreierrunde mit dem TuS Sundern und dem Hasper SV. Beide Male ging es gut aus für RW Lennestadt, auch dank ihres legendären 9:1-Sieges in Hüsten gegen Haspe, mit dem diese Dreierrunde praktisch entschieden war.

Wenn man solch ein Projekt wie Oberliga-Aufstieg heute nochmal machen wollte, „dann müsste man das ganz anders angehen,“ ist sich Friedel Ludwig sicher, „dann müssten genaue Pläne herbei. Wirtschaftspläne. Scouting.“ Aber solcherlei ist kein Thema bei RWL.

Friedel Ludwig begleitet den Verein über 50 Jahre, auch aktuell in der Kreisliga A. „Die sportlichen Erfolge waren groß damals. Aber die finanziellen haben da nicht mitgehalten,“ blickt er noch einmal auf jene glanzvollen 90er Jahre, aber auch auf satte Verbindlichkeiten, zurück, „heute sind wir solide aufgestellt. Aber es gibt diese Spieler nicht mehr.“

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