Fußball

Spiele werden in Menden mit dem Gefühl im Finger entschieden

Achim Buß (links) nimmt ganz genau Maß, um den kleinen Kunststoffball in das Netz von Olaf Dransfeld zu hauen.

Achim Buß (links) nimmt ganz genau Maß, um den kleinen Kunststoffball in das Netz von Olaf Dransfeld zu hauen.

Foto: Alexander Lück

Menden.  Olaf Dransfeld und Achim Buß spielen erfolgreich Tipp-Kick. Mit dem Mendener Team haben sie den Durchmarsch in die zweite Bundesliga geschafft.

Hier entscheidet das Gefühl im Zeigefinger. Ansonsten auch noch: Konzentrationsfähigkeit, Technik und Handlungsschnelligkeit. Mendens Tipp-Kicker haben eine erfolgreiche Saison hinter sich und gehen demnächst in der 2. Bundesliga auf Torejagd. Der TKC in der Hönnestadt ist eine kleine Truppe. Genau genommen besteht der Verein momentan nur aus zwei aktiven Spielern: Olaf Dransfeld und Achim Buß. Mitglieder gibt es noch mehr, aber den Wettkämpfen stellen können die sich im Moment nicht.

Das Eckige muss ins Eckige

Natürlich hätten die beiden einzigen Teammitglieder nichts dagegen wenn es ein paar mehr werden, die mit ihnen zusammen gegen den Ball treten. Nicht gegen ein rundes Leder in diesem Fall, sondern gegen ein Zwölfeck aus Kunststoff. Welches zur Hälfte schwarz, zur Hälfte weiß angemalt ist. Und das demjenigen Spieler Ballbesitz gibt, dessen Farbe mehrheitlich oben liegt. Die etwa sechs Zentimeter großen Spielfiguren aus Metall schießen den Ball mit ihrem rechten Fuß, der beweglich ist und durch einen Knopf auf dem Kopf auslöst wird. Deshalb also die Notwendigkeit ganz viel Gefühl im Zeigefinger zu haben. „Ansonsten braucht es vor allem eines: Die Fähigkeit, sich wirklich konzentrieren zu können“, sagt Olaf Dransfeld. „Fünf Minuten, so lange dauert eine Halbzeit, können ganz schön lang sein.“ Keine Verschnaufpausen, und jeder Fehler wird sofort bestraft.

Achim Buß stellt das eindrucksvoll unter Beweis. Er ist eher der Typ Konterspieler, nutzt Unachtsamkeiten des Gegners sofort mit einem Direktschuss aufs Tor aus. „Ich schieße meistens viele Tore, kassiere aber auch viele“, lacht Buß. Er hat über die Jahre seine Technik mit den Spielern verfeinert. Wenn es keine Konter sind, greift er mit gelupften Schüssen über den Verteidiger hinweg und mit viel Schnitt den gegnerischen Torhüter an. Diese Schüsse kommen zwar nicht immer aufs Tor, wenn aber, dann klingelt es auch meistens. Olaf Dransfeld ist, was die Schusstechnik betrifft, direkter und härter. Man kann den Ball auch so anschneiden, dass er mit hoher Wahrscheinlichkeit auf der eigenen Seite liegen bleibt. Das hat früher noch keiner gemacht. „Das Spiel entwickelt sich eben weiter“, sagt Olaf Dransfeld.

Abfeilen für präzise Schüsse

In etlichen Trainingsstunden tüftel jeder Tipp-Kick-Spieler individuell seinen Spielstil aus. Neben den eigenen Fertigkeiten, spielt auch das Equipment eine wichtige Rolle. Jeder Spieler bearbeitet seine Figuren.

Auf dem Platz steht neben dem Torwart nur ein Feldspieler, aber den darf man beliebig oft austauschen. So hat jeder Kicker mehrere Spielertypen zur Verfügung. Je nachdem, wie das Schussbein gefertigt ist, eignen sie sich für unterschiedliche Aktionen. Längeres oder kürzeres Bein, mehr oder weniger Winkel in der Schussbewegung nach oben. Die Maße des Fußes sind natürlich genormt, aber abfeilen darf jeder so viel er möchte. Weil die Schussbewegung möglichst präzise sein soll, nutzen die „Profis“ keine Figuren die man im Spielzeugladen kaufen kann. Die gibt es in der Regel schon ab etwa acht Euro pro Stück. Sie spielen hingegen mit der professionelle Variante, die bei etwa 30 Euro beginnt, aber auch dreistellig werden kann. Das Spielfeld, ausgelegt mit Filz, hat die Maße eine Fußballplatzes im Maßstab 1:100.

Und was macht die Faszination von Tipp-Kick aus? Dransfeld und Buß fällt einiges dazu ein. Zum einen die Schnelligkeit, denn man darf sich den Ball nur einmal vorlegen, dann muss der Torschuss erfolgen. Zum anderen die Möglichkeit, stundenlang an der eigenen Technik zu feilen. Schusstraining kann man alleine machen, um den Torhüter zu trainieren braucht man hingegen einen Partner. Aber auch die Gemeinschaft und der Zusammenhalt der Tipp-Kicker. „Ich habe mit 15 Jahren damit angefangen. Mit manchen Leuten spiele ich heute noch zusammen“, sagt Olaf Dransfeld. „Die 80er-Jahre waren die goldenen Zeiten des Tipp-Kick.“

Spiel für alle Generationen

Das Schöne sei aber auch, dass eigentlich jeder Tipp-Kick spielen kann. Auch zum Beispiel, wenn man im Rollstuhl sitzt. „Und wir haben auch schon mal gegen ein Team gespielt wo Opa und Enkel zusammen dabei waren“, so Dransfeld weiter. Wer über den gut 70 Zentimeter hohen Tisch gucken kann, kann auch sofort loslegen. Eine Mannschaft besteht aus vier Leuten. Beim Meisterschaftsspiel tritt jeder gegen jeden an. Außerdem gibt es Deutschland und über das ganze Jahr verteilt Turniere mit Einzelwertung, bei denen man nach Lust und zeitlicher Möglichkeit antritt.

Die Mendener Tipp-Kicker betrieben das Spiel als Jugendliche intensiv. Mit Familiengründung und dem Weg in den Beruf trat man kürzer, hörte sogar ganz auf. Um dann später wieder einzusteigen. Der TKC Menden greift seit 2015 wieder so richtig an. Seitdem erfolgte ein Durchmarsch von ganz unten, aus der vierten Liga. Dieser führte bis in die 2. Bundesliga, deren Spiele im September beginnen. Dann geht es für Dransfeld und Buß auch nach Süddeutschland. Weil man in Menden ja nur zwei Aktive hat, gibt es eine Spielgemeinschaft mit Tornado Dortmund. 50 Vereine, in der Regel sogar mit mehreren Mannschaften, gibt es derzeit in Deutschland. In den 80ern spielte der TKC Menden mehrere Jahre in der höchsten Klasse. Unvergessliche Erinnerungen, wie die Spiele in Berlin noch vor dem Mauerfall, verbinden Buß und Dransfeld damit.

Kurz vor den Meisterschaftsspiele mit der Spielgemeinschaft in Dortmund, ist der Trainingsplatz in einem Raum bei Achim Buß zuhause aufgebaut. Vor den Partien kommt dann Olaf Dransfeld vorbei für ein paar Trainingseinheiten. Buß ist sich sicher: „Die 2. Liga wird eine große sportliche Herausforderung. Da müssen wir noch ein bisschen mehr trainieren als sonst“, denn „entscheidend is’ unterm Finger“.

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